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Parlamentskorrespondenz Nr. 709 vom 21.06.2016

Themenfelder:
Bildung
Format:
Parlamentarische Materialien
Stichworte:
Nationalrat/Berichte/Nationaler Bildungsbericht

Nationaler Bildungsbericht: Zuzug bremst Schülerschwund

Wenig Chancengleichheit am Bildungssektor

Wien (PK) – Die Schülerzahl sinkt in einer alternden Gesellschaft, so auch in Österreich. Seit dem Jahr 2000 ist dem Nationalen Bildungsbericht 2015 ( III-276 d.B.) zufolge die Zahl der Schulpflichtigen um rund 9 % zurückgegangen. Demgegenüber zeigt sich, dass im Rahmen der Flüchtlingsbewegung nach Europa der derzeitige Zuzug jugendlicher Asylsuchender stärker ist als erwartet. Dadurch werde der Rückgang von SchülerInnen wahrscheinlich abgemildert; die daraus resultierende sprachliche und kulturelle Heterogenität an den Schulen gehe allerdings mit besonderen pädagogischen Herausforderungen einher, prognostiziert das Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) in seinem Bericht. Die Aufteilung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist stark abhängig von Schultyp, Region und Wohngebiet; durch diese Segregation lassen sich sprachliche Defizite schwerer ausgleichen.

Insgesamt bestätigt das Bildungsforschungsinstitut die landläufige Einschätzung des heimischen Bildungssystems: großer Änderungsbedarf bestehe auf allen Ebenen, von der Schulstruktur, die sozial durchlässiger werden sollte, bis hin zu den Lernergebnissen, die im internationalen Vergleich oftmals zurückfallen. Neben dem umfangreichen Datenmaterial zum österreichischen Bildungssektor schlüsselt der Bericht auch den Kontext des Schul- und Bildungswesens anhand von Zahlen und Fakten auf. Auf dieser Grundlage wird das Bildungssystem in einem weiteren Berichtsteil näher analysiert; einige der Schwerpunkte hier sind Volksschule, Leistungsbeurteilung und Bildungsabbruch.

Finanzierung nur Teil des Erfolgs

Für alle Bereiche der formalen Erstbildung vom Elementar- bis zum Tertiärbereich gab Österreich 2013 insgesamt knapp 17 Mrd. € aus, somit rund 5,5% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder 10,9% der Staatsausgaben. Sind von 2000 bis zur Krise im Jahr 2008 die reale BIP-Entwicklung und die staatlichen Bildungsausgaben noch relativ parallel verlaufen, wuchsen Letztere auch im Rezessionsjahr 2009 weiter an. Das BIFIE bemerkt dazu, die Höhe der aufgewendeten Mittel biete zwar mehr Handlungsspielraum für das Bildungswesen, tatsächlich könnten aus den Zahlen jedoch keinerlei Schlüsse über die Qualität der erbrachten Leistungen gezogen werden. "Eine Steigerung der Bildungsausgaben führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen". Im Vergleich zu den anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU-21) werden die heimischen pro Kopf-Ausgaben in allen Schulformen als überdurchschnittlich angegeben, unbenommen der Tatsache, dass die Kosten berechnet am Bruttoinlandsprodukt nur noch leicht über dem EU-Durchschnitt liegen.

Entscheidender als die Höhe der aufgewendeten Mittel ist für den Bildungserfolg in Österreich das Elternhaus. Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund, niedrigem sozioökonomischem Status oder Bildungsniveau schreibt das BIFIE eine schlechtere Ausgangslage zu, um in der Schule erfolgreich zu sein. Ihre Familien seien oft weniger mit dem schulischen System und dessen Inhalten vertraut und könnten bei der Schulwahl nicht die entsprechende Unterstützung bieten. Schwächen in der Unterrichtssprache stellen ein besonderes Risiko für unterdurchschnittliches Leistungsniveau im Bildungsbereich dar, insbesondere, wenn daheim eine andere Sprache gesprochen wird. Laut Statistik kommen in der 4. Schulstufe insgesamt 5% der SchülerInnen aus Familien, in denen Deutsch keine Alltagssprache ist, weitere 23% leben in mehrsprachigen Familien, in denen teilweise Deutsch gesprochen wird.

Bildungsweg sozial und regional bestimmt

Ungleiche Bildungschancen sind in der Volksschule am augenscheinlichsten. Ein Drittel der Volksschulkinder gehört mindestens einer von drei sozialen Gruppen an, in denen erhöhtes Risiko für ein Scheitern der Bildungslaufbahn besteht: nichtdeutsche Alltagssprache, bildungsferner Haushalt und/oder niedriger Berufsstatus der Eltern. Kinder, auf die mehrere Kriterien zutreffen, sind stärker von den Folgen der Bildungsungleichheit bedroht. 7% der SchülerInnen weisen zwei oder mehr Herkunftsrisiken auf, für 2% gelten alle drei Risikofaktoren. Mehrfachzugehörigkeit zu Risikogruppen ist im dünn besiedelten ländlichen Raum wesentlich seltener als im dicht besiedelten Umfeld, wo 12% der Kinder mehrere Bildungsrisiken tragen, heißt es im BIFIE-Bericht.

Zudem gibt es bei der Schulwahl markante regionale Unterschiede, einerseits wegen der Distanz des Schulwegs, andererseits aufgrund der jeweiligen betrieblichen Struktur. So ist der Anteil an AHS-SchülerInnen in Wien und anderen großstädtischen Regionen mit um die 50% am höchsten, im ländlichen Oberösterreich und den westlichen Bundesländern sind dagegen Berufsschulen am stärksten frequentiert. Von den SchülerInnen der Sekundarstufe I besuchten im Schuljahr 2013/14 knapp mehr als ein Drittel eine Neue Mittelschule, nur mehr 28% eine Hauptschule. Vorarlberg wies dabei mit 5% einen weit geringeren Hauptschüleranteil als Salzburg mit 43% auf.

Unterschiede bei den Bundesländern ergeben sich weiters in Bezug auf die Verteilung von Personen mit Migrationshintergrund. In Wien ist der Anteil an SchülerInnen mit einer anderen Alltagssprache als Deutsch rund doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Zumeist besuchen SchülerInnen dieser Personengruppe Klassen mit hohen Anteilen an Mitschülerinnen und Mitschülern, deren Muttersprache ebenfalls nicht Deutsch ist, wodurch Defizite in der Unterrichtssprache schwerer ausgeglichen werden. Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Alltagssprache in Sonderschulen, ihr Anteil in allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) ist dagegen unterdurchschnittlich.

Um der aus BIFIE-Sicht deutlich ausgeprägten sozialen beziehungsweise ethnisch-kulturellen Ungleichverteilung von SchülerInnen auf diverse Schultypen beizukommen, müsse an den Schulstandorten angesetzt werden. Ungünstige Gruppierungen von Schülerinnen und Schülern auf Klassenebene seien zu vermeiden, die fähigsten Lehrkräfte sollten in den schwierigsten Kontexten zum Einsatz kommen. Sowohl in der Primarstufe als auch in der Sekundarstufe werden der Ausbau von Ganztagsangeboten und eine sozialindexbasierte Mittelvergabe angeregt, um SchülerInnen aus bildungsferner Umgebung verstärkt in die schulische Umwelt zu integrieren. Für LehrerInnen der Sekundarstufe brauche es gezielte Aus- und Fortbildung zur Vorbereitung auf durch Vielfalt geprägte Schulkulturen.

Frühe Entscheidung der Schullaufbahn mit Folgewirkung

Da Österreich eines der wenigen Länder ist, wo die Trennung der Kinder auf unterschiedliche Schultypen – Gymnasiums oder NMS bzw. Hauptschule - bereits im Alter von 10 Jahren erfolgt, spielen Familie und Umfeld bei der Entscheidung über die Bildungslaufbahn eine überaus wichtige Rolle. Neben Begabungs- und Leistungsunterschieden ist für die Schultypenwahl folglich vor allem die soziale und regionale Herkunft ausschlaggebend. Mit rund 14 Jahren steht die nächste Bildungsentscheidung an, wenn sich SchülerInnen zwischen Polytechnischer Schule oder berufsbildender mittlerer Schule oder einer höheren Schule entscheiden. Wurde die Sekundarstufe I in einer AHS-Unterstufe absolviert, steht am Ende der Schullaufbahn meist die Matura, für NMS- und HS-SchülerInnen ist das dagegen kaum der Fall; 5% von ihnen beenden ihre Bildungslaufbahn zumindest vorläufig ohne weiterführenden Abschluss.

Ungeachtet dessen wird ein Trend hin zur höheren Bildung beobachtet: In den allgemeinbildenden Pflichtschulen (Volksschule, Hauptschule, Neue Mittelschule, Polytechnische Schule, Sonderschule) sei der Rückgang an SchülerInnen deutlicher als der Bevölkerungsrückgang, während die Schülerzahlen in den allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) die Bevölkerungsentwicklung erheblich übersteigen, geht aus der Analyse seit dem Jahr 2000 hervor. Trotzdem sank die Klassenschülerzahl in sämtlichen Schulen, was sich positiv auf die Betreuungssituation auswirkte, die zuletzt bei durchschnittlich acht Kindern beziehungsweise Jugendlichen pro Lehrperson lag.

Wo die Schule gefordert ist – Beispiel Mathematik an Volksschulen

Am Beispiel des Mathematikunterrichts an österreichischen Volksschulen skizzieren die StudienautorInnen, wo sie Nachholbedarf in der Unterrichtspraxis sehen. Das selbständige Erarbeiten von Inhalten und das eigenständige Bearbeiten von Problemen der SchülerInnen werde zu wenig adressiert. Aufgrund fehlender individueller Förderung lägen die Lernergebnisse in Mathematik und Lesen deutlich unter dem Durchschnitt vergleichbarer Länder, internationale Spitzenleistungen gebe es kaum. Obwohl gut drei Viertel der VolksschülerInnen die gesetzten Ziele bei den letzten Bildungsstandards-Tests erreichten, inklusive jener 12%, die das geforderte Kompetenzniveau von Mathematik deutlich übertrafen, fehlten 11% der SchülerInnen auch die grundlegenden Kenntnisse und Fertigkeiten in Mathematik am Ende der Volksschule. Mehr als jedes zehnte Kind sei demnach in seiner Schullaufbahn und den weiteren Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe gefährdet.

Nötig wären aus Sicht des BIFIE eine genauere Definition der zu erreichenden Ziele, etwa in Form von Mindeststandards, eine Anhebung der im internationalen Vergleich niedrigen Unterrichtszeit, die Errichtung von Ganztagsschulen sowie das Ersetzen von Ziffernoten durch eine lernförderliche und kompetenzbasierte Leistungsbeurteilung. Eine inklusive, individuelle Förderung sei durch indexbasierte Ressourcenzuweisung an Schulen in sozioökonomisch schwächeren Gebieten zu ermöglichen. Bei den Lehrpersonen in der Primarstufe wird zu einer vertieften fachlichen Spezialisierung geraten, ohne die didaktische Expertise außer Acht zu lassen. Dementsprechend sei das didaktische Prinzip "Formative Leistungsrückmeldung und Lernförderung" im Schulunterrichtsgesetz und in den Lehrplänen zu verankern. Primär gehe es darum, dass von der Lehrperson gemeinsam mit den SchülerInnen gesetzte Ziele erreicht werden.

Mangel an Unterstützungspersonal…

Viele der pädagogischen Anforderungen im Schulalltag erfordern Tätigkeiten, die nicht zu den Kernaufgaben der Arbeit von Lehrkräften gehören und oftmals über den Unterricht hinaus nur bedingt leistbar sind. Pädagogisch unterstützendem Personal misst das BIFIE deswegen große Bedeutung für einen gelingenden Unterricht bei, indem das Lehrpersonal von unterrichtsfremden Aufgaben entlastet wird. Sehr großer Unterstützungsbedarf durch StützlehrerInnen, SchulpsychologInnen und SprachheillehrerInnen sowie Integrations- und BeratungslehrerInnen besteht an Volksschulen – der Bericht gibt hier einen Anteil von 70-80% zusätzliche benötigter Kräfte an, um SchülerInnen spezifisch fördern zu können. Ähnlich der Befund an Hauptschulen und Neuen Mittelschulen: bei der sozialen und psychologischen Unterstützung besteht dem Bericht zufolge ein Mehrbedarf von 60-70%. Der deutlichste Mangel tritt bei HS und NMS aber in Bezug auf administrative Kräfte zutage – zusätzliche Unterstützung wäre hier im Ausmaß von 78% geboten.

Sowohl Altersdurchschnitt als auch Frauenanteil liegen der BIFIE-Analyse zufolge im heimischen Lehrkörper hoch: 44% des aktiven Lehrpersonals ist 50 Jahre und älter, auf Landesebene sind 79% des Lehrpersonals weiblich, auf Bundesebene 59%.

…und Verwaltungsstruktur hinderlich für Schulautonomie

Abgesehen von dem mangelhaft vorhandenen Unterstützungskräften und der nicht-indexbasierten Mittelverteilung steht dem jahrelang verfolgten bildungspolitischen Ziel einer ausgeweiteten Schulautonomie vor allem die "hochkomplexe Entscheidungsstruktur" im heimischen Schulwesen entgegen, geht aus dem Bericht hervor. Unisono mit dem Rechnungshof findet das BIFIE, die hierarchisch-bürokratische Struktur des Bildungssektors, überlagert von einer parteipolitisch konstituierten föderalistischen Struktur auf Länderebne, sei "dysfunktional, kostenintensiv und ineffizient und daher in hohem Maße reformbedürftig". Eine Erweiterung der Spielräume für Schulen oder Schulverbünde sei im Sinne der Motivationssteigerung durch mehr Verantwortungsübernahme durch die Schulgemeinschaft zwar zu begrüßen. Gleichzeitig führe kein Weg an einer umfassenden Reform der bestehenden Verwaltungsstrukturen vorbei, wodurch die Entscheidungsebenen zu reduzieren und die Zuständigkeiten zu vereinheitlichen wären. (Schluss) rei