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Parlamentskorrespondenz Nr. 884 vom 20.07.2016

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Parlament/Bures/Bregenz/Festspiele/Kultur

Bures: Demokratie lebt von kontroversiellem und friedlichem Wettstreit der Ideen

Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele im Wortlaut

Wien (PK) – Nationalratspräsidentin Doris Bures eröffnete heute die 71. Bregenzer Festspiele. Die Nationalratspräsidentin übernimmt damit eine Aufgabe, die bisher vom österreichischen Staatsoberhaupt wahrgenommen wurde. Der Pressedienst der Parlamentsdirektion bringt die Eröffnungsrede im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Bregenz im August 1946: In einer lauen Sommernacht ertönt vom See her Mozarts Musik und verzaubert Hunderte von Zuhörern. Der Friede war Wirklichkeit geworden. Das sind überlieferte Impressionen der Ersten Bregenzer Festspiele im Jahr 1946, - ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am Beginn einer der längsten Friedensepochen in Europa. Heuer feiern die Festspiele ihren 70. Geburtstag und es ist mir eine unverhoffte, aber wirklich große Freude und Ehre, sie in diesem besonderen Jubiläumsjahr eröffnen zu dürfen.

Von Jahr zu Jahr gelingt es den Bregenzer Festspielen aufs Neue: Mit großen Produktionen auf der Seebühne schaffen sie spektakuläres Musiktheater, das auch heuer wieder zehntausende Besucherinnen und Besucher begeistern und faszinieren wird. Und zugleich fordern die spannenden, und oft sehr anspruchsvollen Werke hier im Festspielhaus das Publikum zum Nachdenken auf: sie sind oftmals auch Ausgangspunkt öffentlicher Debatten.

Diese bewusste Ausrichtung, das Begeistern einerseits und das Bewegen andererseits, ist auch ein Spiegel des Kulturlandes Österreich: Ein Land, in dem unser wertvolles kulturelles Erbe bewahrt und weiterentwickelt wird. Ein Land, in dem aber auch kontroversielles Kunstschaffen seinen Platz hat. Ein Beispiel für letzteres wurde uns soeben von Nikolaus Habjan und den Wiener Symphonikern unter Hartmut Keil vor Augen geführt: Als das Stück "Staatsoperette" im Jahr 1977 erstmals im ORF gezeigt wurde, hat sich daraus ein handfester Skandal entwickelt. Ein Skandal, der sogar den Nationalrat beschäftigt hat, wie wir heute noch in den Protokollen nachlesen können.

Wenngleich die Aufführung der Bühnenfassung hier am Bodensee heute zwar zu keinem staatsbewegenden Eklat mehr führen wird, beleuchtet sie dennoch eine wichtige Seite der Kunst: nämlich ihre gesellschaftspolitische Kraft, immer wieder Kontroversen anzustoßen. Kontroversen, die aber niemals zum Anlass genommen werden dürfen, jene, die sie auslösen, zu beschränken.

Am Ermöglichen von Kunst, kritischer Kunst, von Kunst, die vielleicht genau jenen nicht zusagt, die sie ermöglichen, daran ist die Offenheit einer Gesellschaft abzulesen. Eine offene Gesellschaft scheint aber auch besonders verletzbar zu sein. Feige Terrorakte, wie jüngst jener in Nizza, führen uns dies leider immer wieder vor Augen und machen uns fassungslos, sind sie doch auch Angriffe auf unsere Grundwerte. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass wir alles daran setzen müssen, unsere Offenheit und Freiheit zu wahren und zu verteidigen.

In den nächsten Wochen und Monaten kommt eine Vielzahl an substanziellen Kontroversen auf uns zu. Substanziell deshalb, weil die Gegenstände der Debatten eben die Grundwerte und Grundfragen unseres solidarischen Zusammenlebens betreffen werden. Seit kurzem wissen wir, dass die Europäische Union erstmals in ihrer Geschichte einen Mitgliedsstaat verlieren wird. Dies stellt die EU und jeden ihrer Mitgliedsstaaten vor große Herausforderungen. Denn wir müssen verhindern, dass der Vertrauensverlust der Menschen in das Europäische Projekt – dem Garanten unseres friedlichen Zusammenlebens – weiter voran schreitet. Ich bin mir sicher, dass wir das mit vereinten Kräften, mit unserem starken Bekenntnis für ein geeintes und solidarisches Europa, auch schaffen werden.

Wir erleben einen vielfältigen Festspiel-Sommer. Es wird aber auch ein Sommer sein, der von einer neuerlichen Wahlauseinandersetzung geprägt sein wird. Ebenso wie die Kunst, so lebt auch die Demokratie von Kontroversen und dem Umgang mit ihnen. Das steht außer Frage. Zentral ist aber, wie diese Kontroversen geführt werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass es um einen Wettstreit der Ideen und Visionen gehen muss. Im Zentrum muss immer die Frage stehen: Wie können wir Brücken bauen und Gräben zuschütten? Wie können wir die Gesellschaft einen und damit Österreich stärken?

Es geht um die Verantwortung für das Ganze, für die Gesellschaft, den Staat, für unser demokratisches Gemeinwesen und seine Menschen. Und diese Verantwortung für das Ganze tragen nicht nur Einzelne. Es ist dies Auftrag an uns alle: an Politik und Medien, an Zivilgesellschaft und Kunst.

Am heutigen Premierenabend steht die Aufführung von Shakespeares Hamlet am Programm. Lassen Sie mich – daran anknüpfend – einer Hoffnung Ausdruck verleihen: Mögen unsere Kinder und Enkelkinder, ein shakespearesches Drama, das von Gegeneinander und Selbstsucht, von Rache und Hass erzählt, ausschließlich im Theater erleben. In diesem hoffnungsvollen Sinne freue ich mich, die Bregenzer Festspiele 2016 für eröffnet zu erklären! (Schluss) red