LETZTES UPDATE: 11.04.2017; 14:36
Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Parlamentskorrespondenz Nr. 405 vom 05.04.2017

Themenfelder:
Soziales/Gesundheit/Finanzen
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Bundesrat/Enquete/Pflege-Enquete/Landau/Kräuter

Breites Spektrum an Herausforderungen im Pflege-Bereich

Parlamentarische Enquete befasst sich mit schaffbarer und leistbarer Pflege

Wien (PK) – In der parlamentarischen Enquete zum Thema "Die Zukunft der Pflege: Schaffbar, sichtbar, leistbar" wurden heute auch aktuelle Herausforderungen und Lücken des gegenwärtigen Pflegesystems zum Thema. Caritas-Präsident Michael Landau, Volksanwalt Günther Kräuter, Forschungsvorstand der EcoAustria Tobias Thomas und die Präsidentin des Gesundheits-Krankenpflege-Verbands Österreich Ursula Frohner widmeten sich in Impulsreferaten diesem Aspekt des Themas. Zur Enquete lud Bundesratspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann, die die Pflege in den Mittelpunkt ihrer 6-monatigen Präsidentschaft rückt.

Landau plädiert für selbstbestimmtes Leben und bundesweite Harmonisierung der Pflegestandards

Michael Landau sieht wesentliche Gründe für die großen Herausforderungen und Aufgaben vor allem durch den Anstieg der Lebenserwartung und die Verschiebungen in der Altersstruktur der österreichischen Bevölkerung gegeben. Der Caritas-Präsident wies auf Skandinavien als Beispiel für ein gutes öffentlichen Pflegesystem mit qualifizierten Arbeitsplätzen hin. In Österreich gebe es zwar aktuell gute Ansätze, es fehle aber an gemeinsamen Schritten und Anstrengungen. So müsse es etwa bei Demenzerkrankten Ziel sein, "dass Menschen möglichst lange in der vertrauten Umgebung und möglichst selbstbestimmt leben können". Vernetzungstreffen und Wohngemeinschaften für demenzkranke Menschen seien beispielsweise ein guter und richtiger Schritt. Die Umsetzung der österreichweiten Demenzstrategie bedeute schlussendlich auch, Demenzkranken die Möglichkeit zu geben, möglichst lang selbstbestimmt zu bleiben.

Landau befürwortete eine bundesweit einheitliche Regelung der Ausbildung zur SozialbetreuerIn im Fachbereich Altenpflege. Man müsse weg von der föderalistischen Struktur, forderte er und trat für einen österreichweiten Angleich der Pflegestandards, -leistungen und –qualität sowie der Kosten ein, damit diese nicht mehr bundesländerspezifisch unterschiedlich sind. Der Pflegefonds, der bis 2021 verlängert wurde, soll als Instrument der Steuerung, Finanzierung und Qualitätssicherung genutzt werden.

Die Unterstützung pflegender Angehöriger und den Rechtsanspruch auf geförderte Fachberatung und Unterstützungsleistungen hält Landau ebenfalls für notwendige neue Ziele, die es zu erreichen gilt. Hospiz- und Palliativversorgung sollen nicht über Spenden finanziert werden, alternativ plädierte er für eine Überführung aller Initiativen in die Regelfinanzierung und eine Etablierung im ASVG. Dies und die Umsetzung der Ergebnisse der Enquete-Kommission "Würde am Ende des Lebens" gehören nach seinem Dafürhalten angegangen.

Zusammenfassend hielt Landau fest, dass es einer Erneuerung des alten Finanzierungssystems bedarf, Solidarität anstatt einer drohenden Armutsfalle für Betroffene sei hier angebracht.

Volksanwaltschaft: Errungenschaften würdigen, Missstände vermeiden und ansprechen

Durch die Möglichkeit, seit 2012 unangemeldet Pflegeeinrichtungen besuchen zu können, habe die Volksanwaltschaft einen Präventionsmechanismus in der Hand, mit dem Menschenrechtsverletzungen verhindert werden können, betonte Volksanwalt Günther Kräuter. Bei den über 800 Besuchen in den letzten Jahren sei klar geworden, dass vieles in Ordnung sei, oft gebe es allerdings auch Mängel und Missstände zu beklagen. So beschäftige sich die Volksanwaltschaft (auch in enger Zusammenarbeit mit der Patientenanwaltschaft) mit Fragen, etwa warum um 16 Uhr in manchen Einrichtungen bereits Abendessen serviert wird, BewohnerInnen grundsätzlich einen Latz zum Essen umgebunden bekommen, wöchentliche Dusch- und Badetage, die auf Feiertage fallen, ausfallen oder hochbetagte Menschen aus Personalmangel sediert werden.

Eindeutig sei, dass das Pflegepersonal hervorragende Arbeit leistet, so Kräuter. Die schlechte Bezahlung zeige allerdings, dass im Bereich der Wertschätzung noch viel zu tun sei. Darüber hinaus empfahl er einheitliche Strukturen sowie bundesländerunabhängige Normen und Kosten zu schaffen. Die Verschärfung der Pflegestufen 1 und 2 erachtetet er als "nicht sinnvoll", werde doch ein großer Anteil pflegebedürftiger Menschen von Angehörigen zu Hause gepflegt. Unterstützung sei auch hier unbedingt nötig. Klare politische Konzepte, die Modelle der Pflege-Qualitätssicherung beinhalten, seien erforderlich.

Ziel für die Volksanwaltschaft sei es, Einrichtungen nicht anzuprangern, sondern Verantwortung einzufordern, damit es nicht zu Missständen kommt, unterstrich Kräuter. Einheitliche Qualitätsstandards, um Menschenrechte zu schützen, stünden für die Volksanwaltschaft im Fokus. Er wies darauf hin, dass die Erkenntnisse der letzten Jahre nun auch in einer Broschüre zusammengetragen wurden.

Ökonomische Betrachtung der Pflege – einheitliche Qualität, transparente Kosten

Für Tobias Thomas kann ohne eine fiskalische und ökonomische Betrachtung Pflege nicht nachhaltig gestaltet und zukunftsfit gemacht werden. Noch sei der Pflegebereich in Österreich nicht in der Krise, soweit müsse es allerdings auch nicht kommen, weshalb er nahelegte, Lösungen und Beispiele für neue Wege etwa auch im Ausland zu suchen.

Der Anteil der Pflege durch Angehörige sei in Österreich relativ hoch, wobei vergleichsmäßig geringe Kosten für die öffentliche Hand anfallen, da wenig eingegriffen werde, erklärte der Forschungsvorstand von EcoAustria. Gerade in diesem Bereich seien jedoch Heldentum und Scham fehl am Platz. Die Pflegezahlen steigen in den letzten Jahren massiv an. Derzeit liege der Anteil öffentlicher Ausgaben für Pflege zwar knapp unter dem EU-Schnitt, aufgrund der demographischen Entwicklungen werden sich die Kosten für Pflege bis 2060 seiner Ansicht nach verdreifachen. Eine einheitliche Kostengestaltung über die Bundeländergrenzen hinweg erachtet Thomas daher als erforderlich, betrage die Kostendifferenz für einen durchschnittlichen Pflegebedürftigen stationär in unterschiedlichen Bundesländern derzeit 21.000 €.

Eine Diskussion über Finanzierungsmaßnahmen, wie eine Versicherungslösung, und Indikatoren für die Messung und Transparenz der Kosten hält Thomas für genauso nötig wie eine einheitliche Messung der Pflegequalität. Es bedarf einer realistischen Einschätzung der Probleme, meinte er.

Frohner: weitere Reformen dringend nötig, kreative und nachhaltige Gestaltung von Veränderungen

Der Gesundheits- und Krankenpflegeberuf sei bereits jetzt ein Mangelberuf, hielt Ursula Frohner, Präsidentin des Gesundheits-Krankenpflege-Verbands Österreich fest. Durch den Anstieg der alten Bevölkerung werde zukünftig noch mehr ausgebildetes Pflegepersonal fehlen. Pflege werde oftmals als Kostenfaktor dargestellt, vielmehr sei allerdings ihr Leistungsfaktor zu erkennen, gab Frohner zu bedenken. Es brauche allerdings für alle Gesundheitsberufe gleiche Rahmenbedingungen und eine kompetente Umsetzung der Gesundheits- und Krankenpflege. Wichtig wäre etwa eine direkte Leistungsabrechnung mit der Sozialversicherung. Klar ist für sie, dass Reformen dringend nötig sind - in der Primärversorgung genauso wie beim solidarischen Krankenversicherungssystem. Im derzeitigen System sei eine Zusammenarbeit zwischen freiberuflich tätigem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal und niedergelassenen ÄrztInnen praktisch nicht umsetzbar, untermauerte Frohner den georteten Bedarf. Kurzfristige ökonomische Effekte sollte hier allerdings nicht im Vordergrund stehen, die Einbindung aller Beteiligten sei notwendig, um Pflegeangebote leistbar zu ändern.

Die aktuell überproportional hierarchisch und medizinisch ausgerichtet stationären und ambulanten Versorgungsangebote bedeuten laut Frohner eine Verlagerung in den teureren Bereich der Akutspitäler.

Sie verwies auf die 2016 beschlossene Ausbildungsreform, welche zukunftsweisende Aspekte wie die Zusammenführung von Ausbildungsvarianten, Überführung in den Hochschulbereich und Ausbildung zur Pflegeassistenz beinhaltet, und ortete damit einen wichtigen Schritt in Richtung durchgängige Bildungskarrieren mit der Möglichkeit auf Spezialisierung und Weiterentwicklung im Pflegeberuf. Zusammenfassend unterstrich Frohner, dass pflegerische Leistungserbringung entsprechende Ausbildung, Kompetenz und Rahmenbedingungen braucht, würden Komplikationen bei der Betreuung nicht nur Kosten sondern auch menschliches Leid verursachen.

Kontroverse Diskussion zu den Herausforderungen in der Pflege und ihrer Zukunft

Die Relevanz des Themas wurde, auch aufgrund der demographischen Entwicklungen, in der abschließenden Diskussion deutlich. Unter anderem wurden die 24-Stunden-Pflege und ihre Qualitätssicherung sowie finanzielle Unzulänglichkeiten thematisiert. Über eine dringende Valorisierung im Pflegebereich, spezielle beim Pflegegeld und der Regelfinanzierung der Palliativ- und Hospizbetreuung war man sich einig. Knappe Zeitvorgaben des Roten Kreuzes und offene Punkte rund um die Pflege durch Angehörige wurden ebenfalls erörtert. Der mögliche Anreiz einer Pflegelehre und private Personenbetreuer standen auch zur Diskussion, genauso der allgemeine Personalmangel, die Überlastung des Pflegepersonals, die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen sowie die Anpassung des Berufsbildes von MTD-Berufen. (Fortsetzung Enquete) wat

HINWEIS: Fotos dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.