LETZTES UPDATE: 22.08.2017; 10:33
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Parlamentskorrespondenz Nr. 929 vom 22.08.2017

Themenfelder:
Familie/Gesundheit/Inneres
Format:
Parlamentarische Materialien
Stichworte:
Nationalrat/Berichte/Sekten

Sektenbericht: Von den Geistheilern bis zu den Staatsverweigerern

Tätigkeitsnachweis der zentralen Anlaufstelle in Weltanschauungsfragen

Wien (PK) – Einen fundierten Einblick in den "Supermarkt" der Weltanschauungen und spirituellen Bewegungen, die auch in Österreich eine Relevanz haben, liefert der jährliche Sektenbericht des Familienministeriums ( III-377 d.B. ). Ein ausführliches Kapitel ist dieses Mal den "Freeman"-Bewegungen gewidmet, die auch mit Begriffen wie Staatsverweigerer, Staatsfeinde oder Reichsbürger umschrieben werden.

Zentrale Servicestelle bietet umfangreiches Beratungs- und Hilfsangebot

Die Bundesstelle für Sektenfragen, an die sich 2015 insgesamt 978 Personen gewandt haben, steht seit 1998 österreichweit als Service- und Anlaufstelle allen Privatpersonen, Institutionen und staatlichen Einrichtungen zur Verfügung. Neben möglichst objektiver Information bietet sie individuelle psychosoziale Beratung, Präventionsarbeit sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen an. In ihrer täglichen Arbeit sind die MitarbeiterInnen mit Fragen zu alternativen religiösen Bewegungen, Esoterik, spezifischen Seminarangeboten (Lebenshilfemarkt), Geist- und Wunderheilungen, fundamentalistischen Strömungen, Guru-Bewegungen, Okkultismus oder Satanismus konfrontiert.

Im Rahmen dieser Tätigkeit geht es nicht um die Bewertung von Glaubensfragen, betonen die AutorInnen, sondern wie in den unterschiedlichen Gruppierungen mit den Menschen umgegangen wird und ob sich daraus mögliche Gefährdungen ergeben. Nicht in den Zuständigkeitsbereich der Bundesstelle fallen die gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften. ( www.bundesstelle-sektenfragen.at ).

Die "Freeman"-Bewegungen

Im Sommer 2014 waren die Behörden in Niederösterreich erstmals mit einem Phänomen konfrontiert, das sich als "One People’s Public Trust" (OPPT) präsentierte. Es kam zu einem Polizeieinsatz im niederösterreichischen Ort Hollenbach, da die Anhänger der Gruppe ein "Gerichtsverfahren" gegen eine Sachwalterin organisierten. OPPT ist dabei nur eine von einer größeren Anzahl von Gemeinschaften, die in Nordamerika in den 70er und 80er Jahren ihren Ursprung haben und als sogenannte "Freeman"-Bewegungen bezeichnet werden. Allen gemeinsam ist die Rückweisung jeglicher staatlicher Autorität. Der kleinste gemeinsame Nenner ist in der Annahme gegeben, dass das herkömmliche wirtschaftliche und politische System korrupt und grundlegend falsch ist, eigentlich seine Legitimität verloren hat und dass man von allen offiziellen Stellen und auch den Medien belogen wird. Damit ergibt sich auch eine Verbindung zu verschiedenen Verschwörungstheorien, die in ihren unterschiedlichen Ausprägungen von der Grundannahme geleitet sind, dass die aktuelle Krise bewusst von einer kleinen weltbeherrschenden Elite gesteuert ist und die ultimative Unterdrückung und Entmündigung der Menschen zum Ziel hat. Vielfach ist so eine gewisse Nähe zu rechtsorientierten Argumentationsfiguren (jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung oder der angebliche Einfluss der Bankenfamilie Rothschild) erkennbar.

Wichtig sei nicht zuletzt, die zumeist esoterische Orientierung dieser Bewegungen nicht außer Acht zu lassen. Man sieht den Menschen in einem verderblichen System gefangen, das ihn an einer höheren Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge hindere. Dies werde ihm nun durch das Wissen einer Gruppe von Befreiten ermöglicht. Vielfach lassen sich Schnittmengen mit Personen feststellen, die etwa an Chemtrails und Ufos glauben oder Impfgegner sind. Zu beobachten seien auch gewisse Tendenzen im Schulwesen, die mit den genannten Bewegungen in Zusammenhang stehen (z.B. die Gründung von speziellen Schulen, Unterricht zu Hause).

Weitere Zersplitterung des Weltanschauungsmarktes

Generell stellen die AutorInnen fest, dass sich die weltanschauliche Szene immer mehr in kleinere Organisationen, Gemeinschaften sowie EinzelanbieterInnen aufspaltet, was auch zu einer Vielzahl an Neugründungen geführt hat. Grundsätzlich hat die Bundesstelle für Sektenfragen den gesetzlichen Auftrag, Gefährdungen, die von "Sekten" oder "sektenähnlichen Aktivitäten" ausgehen können, zu dokumentieren und darüber zu informieren, sofern für deren Vorliegen ein begründeter Verdacht besteht und diese Gefährdungen bestimmte schutzwürdige Güter oder Interessen betreffen. Konfliktträchtige Strukturen oder mögliche Gefährdungen können dabei nicht nur in religiösen oder weltanschaulichen Bereichen beobachtet werden, sondern etwa auch im expandierenden kommerziellen Lebenshilfemarkt oder der schwer zu überblickenden Esoterikszene.

Der 180 Seiten umfassende Bericht enthält auch zahlreiche Fallbeispiele, die einen konkreten Einblick in die Beratungstätigkeit der Bundesstelle für Sektenfragen geben. So wandten sich etwa Personen an die Bundesstelle, die von jahrelangen sexuellen Belästigungen durch den "Guru" einer Yogagemeinschaft berichteten oder von "Geistheilern" finanziell ausgenutzt wurden. Da Menschen, die schwere Gesundheitsprobleme haben, besonders anfällig für jede Form von Heilungsversprechen sind, gab es auch in diesem Bereich zahlreiche Fälle. So verließen sich etwa Eltern, deren Kind diabeteskrank war, auf alternative Heilmethoden, was schließlich zu einer lebensgefährlichen Unterzuckerung bei der Tochter führte. In einer privaten Kindergruppe wurde wiederum für eine Gesundheitskonzept geworben, demzufolge jede Krankheit durch das wiederholte Abspielen eines Liedes geheilt werden könne. 

Viele Angebote im weltanschaulichen Bereich haben auch einen kommerziellen Aspekt, heißt es im Bericht. Der Markt hält eine Fülle von Produkten bereit, die von Seminaren zur Aus- und Weiterbildung über "esoterische" Präparate bis hin zu pseudowissenschaftlich begründeten Apparaturen und Geräten reichen. Insbesondere Begriffe, die sich an der modernen Physik zu orientieren scheinen, werden vielfach herangezogen, wie z.B. Quantenheilung, Energieübertragung, Schwingungsfelder etc. Eine Frau zeigte sich etwa besorgt darüber, dass ihr Ehemann von einem Gerät begeistert ist, das "freie Energie" erzeugen und gratis Strom liefern soll. Um solch ein Gerät vorbestellen zu können, müsste er 16.000 € vorab bezahlen.

Der Bericht enthält zudem noch einen ausführlichen Teil, der sich mit Themen befasst, die im Jahr 2015 von verschiedenen Medien aufgegriffen wurden. Fernsehbeiträge über die "Germanische Neue Medizin" von Ryke Geerd Hamer kommen dabei ebenso vor wie kritische Publikationen über die Aktivitäten von Scientology oder eine Filmdokumentation über den "Guru von Lonnerstadt" unter dem Titel "Sektenkinder – Zum Dienen geboren". (Schluss) sue