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Parlamentskorrespondenz Nr. 1025 vom 05.10.2017

Themenfelder:
Bildung/Forschung/Kultur/Parlament allgemein
Format:
Vermischtes
Stichworte:
Parlament/Bures

Publikation „Mark Twain. Reportagen aus dem Reichsrat 1898/1899“ präsentiert

Bures: Twains lebendige Schilderungen des parlamentarischen Alltags im Reichsrat können wir heute als Mahnung betrachten.

Wien (PK) – Gestern wurde ein besonderes historisches Werk der Parlamentsdirektion in Kooperation mit dem Residenz Verlag der Öffentlichkeit vorgestellt. "Mark Twain. Reportagen aus dem Reichsrat 1898/1899" lautet der Titel der Neuerscheinung.

Der US-amerikanische Autor Mark Twain, der mit seinen Erzählungen über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn Weltruhm erlangte, war einer der großen Chronisten seiner Zeit. Ende des 19. Jahrhunderts weilte er für zwei Jahre in Wien und beschrieb und notierte die damaligen Entwicklungen in der Hauptstadt des Habsburgerreiches – und als bedeutenden Teil davon auch parlamentarische Sitzungen im Reichsrat. Mit humorvollem aber auch kritischem Blick beschreibt und kommentiert der Autor mit feiner Klinge jede noch so feine Nuance der Sitzungen. Politisch ist das Ende des 19. Jahrhunderts eine Zeit der nationalen Spannungen, im Abgeordnetenhaus gehen die Wogen hoch. Mark Twain sitzt mittendrin, auf der Pressetribüne – beobachtet, notiert und schreibt. Zwei Reportagen Twains zu Parlamentarismus entstehen in dieser Zeit, bis heute sind sie spannend und aktuell zu lesen.

"Beobachtungen liefern wichtige Erkenntnisse für heute"

Nationalratspräsidentin Doris Bures nannte Twain in ihrer Ansprache "einen der berühmtesten und erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit." Und weiter: "Seine Beobachtungen der Gesellschaft sind mehr als hundert Jahre alt, aber sie sind so scharfsinnig gewesen, dass sie bis heute wichtige Erkenntnisse liefern."

In Kooperation mit dem Residenzverlag entstand das bibliophile Werk rund um den Wienaufenthalt des berühmten Autors. Besonderen Einfluss auf die Entstehung hatte allen voran Bibliotheksdirektorin Elisabeth Dietrich-Schulz. Sie erzählte in ihrer Rede vom Erwachen des bibliothekarischen Jagdfiebers. "Bei meinem Eintritt in die Parlamentsbibliothek 1989 trug mir ein Journalist zu, dass es einen parlamentsrelevanten Text des berühmten Schriftstellers gäbe. Wie findet man einen Aufsatz, dessen Titel man nicht kennt? Digitalisierte Texte gab es damals auch noch nicht. An der Universität Wien fand ich einen Aufsatz, in welchem Twain seine Eindrücke von der 20. Sitzung des Abgeordnetenhauses des Reichrats am 28. Oktober 1897 schildert, in der Otto Lecher, deutschnationaler Abgeordneter, durch eine zwölfstündige Dauerrede die Rücknahme der Badenischen Sprachverordnungen zu erzwingen versuchte. 2010 begab ich mich auf die Suche nach einer Übersetzung des Textes ins Deutsche und stieß bei meiner Recherche in Österreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten auf einen weiteren parlamentsrelevanten Text mit dem Titel 'The Austrian Parliamentary System? Goverment by Article 14'."

Nachfahre Twains bestärkte Engagement

Bestätigt in ihrem Tun wurde die Bibliotheksdirektorin auch im Jahr 2016, als bei einem Besuch einer texanischen Juristendelegation ein Nachfahre von Mark Twain anwesend war, der überglücklich über die Bemühungen rund um seinen berühmten Vorahnen war. Nationalratspräsidentin Bures dankte für diese engagierte detektivische Arbeit auf der Suche nach den Texten und für die Leidenschaft, aus dem dieses umfangreiche  Werk entstanden ist.

Beil: "Manche Bestrebungen sind leider nach wie vor sehr konstant"

Bures nahm auch die Gelegenheit wahr, um auf die Parallelen zur heutigen Politik und auf den baldigen Wahlgang hinzuweisen: "Seine lebendigen Schilderungen des parlamentarischen Alltags im Reichsrat können wir heute – genau 120 Jahre später – als Mahnung betrachten: Sie zeigen uns, wie das sture Beharren auf die eigene Position und engstirniger Nationalismus konstruktive Debatten zerstören, Kompromisse verunmöglichen und das politische Klima vergiften. Mark Twain hat einmal geschrieben: ' Das, was jemand von sich selbst denkt, bestimmt sein Schicksal.' Leicht abgewandelt möchte ich ergänzen: Wie wir über den Wert unserer Demokratie denken, bestimmt die Zukunft unseres Landes. Die Zukunft unseres Landes wird zweifellos auch maßgeblich durch die kommende Nationalratswahl in 11 Tagen bestimmt. Und der Wert, den wir unserer Demokratie beimessen, wird sich auch darin zeigen, wie viele Menschen wählen gehen. W er nicht wählt, der überlässt die Entscheidung über die Zukunft Österreichs anderen und wird dann trotzdem regiert."

Hermann Beil, Theaterregisseur und Dramaturg, las bei der Präsentation im Camineum der Hofburg aus der Reportage "Bewegte Zeiten in Österreich" und wies ebenfalls auf die Parallelen zur Gegenwart hin. "Manche Bestrebungen sind leider immer noch sehr konstant." Mit seiner unverkennbaren Stimme und der ihm eigenen Verve brachte er dem Publikum die witzigen und sehr realistischen Ausführungen Twains nahe.

Grafische Gestaltung angelehnt an die Architektur des Parlaments

Das Buch mit seinen zahlreichen Abbildungen und zwei Hör-CDs, ebenfalls gelesen von Dramaturg Hermann Beil, sind sowohl optisch ein Genuss als auch akustisch. Die grafische Gestaltung durch Christof Nardin (Bueronardin) zeichnet sich besonders durch die Anklänge an die Architektur und die kunstvolle Ausstattung aus – bereits im Vor- und Nachsatz kann man den Pavonazzo-Marmor des Vestibüls erkennen. Die Originaltexte und Übersetzungen von Jacqueline Csuss und Werner Richter sowie Beiträge von Hermann Beil, Gabriele Melischek und Josef Seethaler, Matthias Falter und Saskia Stachowitsch zur historischen Kontextierung der Twain-Texte und Abbildungen des historischen Parlamentsgebäudes zeigen einen umfassenden mit Akribie aufbereiteten Einblick in die Zeit von damals. ExpertInnen der Parlamentsdirektion haben ebenfalls Texte für das Buch verfasst: Elisabeth Dietrich-Schulz, Christoph Konrath und Andreas Pittler.

Das Buch ist im Parlamentsshop in den Info-Points des Parlaments erhältlich und im Buchhandel. Es kostet 25 Euro.

HINWEIS: Fotos von der Buchpräsentation finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.