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Parlamentskorrespondenz Nr. 496 vom 04.05.2018

Themenfelder:
Parlament allgemein
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/Gedenktag

Gedenkveranstaltung des Parlaments schlägt Brücke zur heutigen Jugend

Jugendprojekt der KZ-Gedenkstätte Mauthausen bewegt bei Gedenkveranstaltung des Parlaments, Michael Köhlmeier hielt Gedenkrede

Wien (PK) - Nach Reden von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und Bundesratspräsident Reinhard Todt (siehe Parlamentskorrespondenz Nr.495/2018) stand heute im Zeremoniensaal der Hofburg die Gedenkveranstaltung des Parlaments gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ganz im Zeichen des generationsübergreifenden Gedenkens. Im Zentrum stand dabei das Jugendprojekt "Dialog des Erinnerns – Geschichten brauchen Stimmen" der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, das von deren Direktorin Barbara Glück vorgestellt wurde. Neben den dabei entstandenen Texten von Jugendlichen wurde auch ein Film über das Projekt präsentiert. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier hielt die Gedenkrede, in der er die Bedeutung der Gedenkarbeit mit Jugendlichen hervorstrich und vor Antiislamismus warnte. Ein berührendes Interview von der Generalsekretärin des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus, Hannah Lessing, mit der Zeitzeugin Lucia Heilman schlug eine Brücke zwischen der NS-Zeit und der Sensibilisierung heutiger Jugendlicher.

Barbara Glück: Überlassen wir der nächsten Generation ein Buch, das sie weiterschreiben kann

Nach 73 Jahren, die zwischen uns und der Befreiung des KZ Mauthausen liegen, stehen wir nun vor einem Generationenwechsel und es stelle sich die Frage, was wir weitergeben wollen, sagte die Direktorin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. "Überlassen wir der nächsten Generation keine Last, die wir vor uns herschieben. Überlassen wir ihnen kein leeres Blatt Papier, sondern geben wir Ihnen ein Buch mit, an dem sie weiterschreiben."

Glück stellte das Jugendprojekt "Dialog des Erinnerns – Geschichten brauchen Stimmen" vor, das im Herzen der Gedenkveranstaltung stand. Das Projekt ziele auf das Gedenken dieser neuen Generation ab und führe damit die Aufgabe der Gedenkstätte fort, betonte Glück. Das Projekt sei dem Aufruf gewidmet, Verbündete zu finden, um der Generation eine eigene Art des Gedenkens entwickeln zu lassen. Fünf Jugendliche waren diesem Aufruf gefolgt. Im Rahmen des Projekts besuchten sie das Konzentrationslager, setzten sich mit Biografien von Opfern des KZ Mauthausen auseinander und fassten ihre Gedanken in literarische Texte.

"Wir dürfen nicht vergessen, dass die Spirale der Geschichte sich immerzu weiterdreht und ein jeder von uns ihre Ausrichtung verändern kann"

Ein Film über das Projekt begleitete die Jugendlichen bei ihrem Besuch im KZ Mauthausen und hielt auf berührende Weise ihre Gedanken und Eindrücke fest. Die Jugendlichen setzten sich in weiterer Folge mit Biografien von Opfern auseinander. Ihre Gedanken fassten die jungen AutorInnen in Texte, die sie heute vortrugen und die den Originalbiografien gegenübergestellt wurden.

Während Andrej Haring einen Dialog zwischen zwei KZ-Insassen in Jugendsprache vorlas, setzte sich Oliver Wittich mit der Inakzeptanz transsexueller Menschen auseinander, die im Zweiten Weltkrieg nicht nur ausgeschlossen, sondern sogar vernichtet wurden. Bernadette Sarman erzählte die bedrückende Geschichte von Ida Strohmer, die den Hinrichtungsbescheid ihres Ehemanns in Händen hielt. Hannah Oppolzer und Elodie Arpa schlussfolgerten in ihren Texten auf unterschiedliche Weise, dass die Opfer ihrer Zukunft beraubt wurden, während diese den AkteurInnen ihrer Geschichten noch offen stünde.

Arpa trug am Ende der Gedenkveranstaltung das von ihr stammende Gedicht "Vergessen Wir?" vor. Darin mahnt sie, nicht zu vergessen, was war und was sein kann. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Spirale der Geschichte sich immerzu weiterdreht und ein jeder von uns ihre Ausrichtung verändern kann."

Zeitzeugin Lucia Heilman: Mut und Courage gehören schon zum Beginn eines richtigen Weges

Ein beeindruckender Film zeigte ein Interview mit der Zeitzeugin Lucia Heilman. In dem Gespräch mit Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, schilderte sie ihre Erinnerungen, bevor es zur Verfolgung der Juden kam. Sie spielte mit anderen Kindern, unabhängig davon, ob sie jüdischen oder christlichen Glaubens waren. Heilman erinnerte in dem Interview an Reinhold Duschka, den besten Freund ihres Vaters. Dieser hatte den beiden ein Versteck zur Verfügung gestellt, in dem sie während des gesamten Krieges ausharrten. Über ihn sagte Heilman: "Schon ohne dass man noch irgendetwas gemacht hat, aber das ist schon ein Zeichen von Mut und Courage – das gehört schon zum Beginn eines richtigen Weges".

Heilman erzählte auch von ihrer Gedenkarbeit mit Jugendlichen, die sie unter anderem mit TeilnehmerInnen der Demokratiewerkstatt des Parlaments leistet. Sie sei keine Illusionistin, aber "wenn ich in einer Klasse nur einen Einzigen erwische, nur ein Einziger mir zugehört hat – das genügt doch". "Uns hätten Sie erreicht", sagte Elodie Arpa zu Heilman am Ende der Gedenkveranstaltung. Als Dank überreichte ihr Arpa die Texte der Jugendlichen mit den Worten: "Möge ihre Stimme eine Stimme für jene sein, die keine Stimme mehr haben."

Michael Köhlmeier: Ich möchte den Opfern in die Augen sehen können – und auch mir selbst

Ein Plädoyer für das Gedenken in der heutigen Zeit hielt der Schriftsteller Michael Köhlmeier, der die diesjährige Gedenkrede hielt. Er schloss sich im Gedenken an die Opfer des NS-Regimes den Jugendlichen zuvor an und schlug eine Brücke zur Gegenwart. "Ich möchte den Opfern, die mithilfe der Recherchen und der Erzählungen dieser jungen Menschen und mit Ihrer und meiner Einbildungskraft zu mir und zu Ihnen sprechen und mir zuhören, ihnen möchte ich in die Augen sehen können – und auch mir selbst." Die Betroffenheit müsse heute über Aussagen wie "Nie wieder!" oder "Nie vergessen!" hinausgehen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Köhlmeier mahnte, Antiislamismus nicht mit Philosemitismus zu begründen, und warnte vor "kleinen" Schritten hin zu einem großen Bösen, zu dem es nie durch einen großen Schritt kommen würde. Für seine Rede erhielt Köhlmeier Standing Ovations des Publikums. (Schluss Gedenkveranstaltung) see

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV/.