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Parlamentskorrespondenz Nr. 584 vom 24.05.2018

Themenfelder:
Arbeit/Bildung/Wirtschaft
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Bundesrat/Buchpräsentation/Todt/Digitalisierung

Überall ist Zukunft: Gesellschaft im digitalen Zeitalter gestalten

Bundesratspräsident Todt lud zu Buchpräsentation und Podiumsdiskussion ins Parlament

Wien (PK) – "Wenn wir uns heute die soziale Frage stellen, dann führt kein Weg daran vorbei die Auswirkungen der fortschreitenden Digitalisierung zu betrachten", betonte Bundesratspräsident Reinhard Todt gestern Abend im Parlament in seiner Begrüßung zur Buchpräsentation "Überall ist Zukunft - Die Gesellschaft im digitalen Zeitalter gestalten". Die Herausgeberin, Sylvia Kuba, Leiterin des Programms Digitalisierung der Arbeiterkammer Wien und der Redaktion des A&W-Blogs, Mitglied des österreichischen Rates für Robotik, stellte inhaltliche Aspekte der Publikation des ÖGB-Verlags vor. Im Anschluss diskutierten ExpertInnen am Podium grundsätzliche gesellschaftspolitische Herausforderungen der digitalen Zukunft.

Todt: Digitalisierung stellt Gesetzgeber und Gesellschaft fast täglich vor neue Herausforderungen

Das Buch "Überall ist Zukunft" passe perfekt zum Schwerpunkt seiner Präsidentschaft im Bundesrat "Digitale Zukunft sozial gerecht gestalten", unterstrich Reinhard Todt. In der sozialen Frage führe kein Weg daran vorbei, die Auswirkungen der fortschreitenden Digitalisierung zu betrachten. Todt ging dazu auf die Bereiche Arbeit, Bildung, Smart Cities und Datenschutz ein. So sei etwa für junge Menschen ein fixer Arbeitsplatz heutzutage schon eine Seltenheit. Die schulische Bildung verliere an Bedeutung, Informationen können zu jedem beliebigen Thema immer und überall abgerufen werden. Darüber hinaus würden Geschäfte, die mit verwerteten Daten gemacht werden können, eine Macht schaffen, die in Geldwert nicht zu fassen sei. Der Kontrollverlust des Menschen über die selbst erschaffene digitale Welt gipfle hier, so der Bundesratspräsident. Durch all diese Entwicklungen würden der Gesetzgeber und die Gesellschaft fast täglich vor neue Herausforderungen gestellt. Todt begrüßte, dass nun mit dem Buch "Überall ist Zukunft" die unterschiedlichen Bereiche des Lebens auf die Realität heruntergebrochen werden und es gleichzeitig aufzeigt, wie frei von Regeln und Normen die digitale Welt ist und welche Macht mit ihr einhergeht.

Kuba: In Digitalisierung prallen unterschiedliche Interessen aufeinander

Wie wirkt Digitalisierung auf die Gesellschaft? Wie beeinflusst sie die Arbeitswelt? Wie setzen wir Technik ein, damit sie nicht nur einer kleinen Elite, sondern der breiten Bevölkerung nützt? Und wie gestalten wir die Regeln neu, um die Tür zu einer gerechteren Gesellschaft zu öffnen? Diese und weitere Fragen werden in der Publikation "Überall ist Zukunft" thematisiert, das Herausgeberin Sylvia Kuba vorstellte. Zahlreiche AutorInnen widmen sich darin den Facetten der Digitalisierung in der Arbeitswelt, angefangen von Arbeitsmarkteffekten über die Sharing Economy, von Crowdwork bis zu Datenschutz, Bildung und Smart City.

Jedes Problem der Digitalisierung wirft auch eine Million Verbesserungsmöglichkeiten der Welt auf, sagte Kuba. Digitalisierung sei aber kein neutraler Prozess, es prallen in der Entwicklung unterschiedlichste Interessen aufeinander. Etwa am Beispiel der Co-Worker, dem System von Foodora, oder in der automatisierten Beantwortung von Kundenanfragen zeigen sich vielschichtige neue Machtabhängigkeitsverhältnisse. Teils stelle sich auch die Frage der Würde des Menschen, wenn beispielsweise ein Computerprogramm MitarbeiterInnen im Call Center ermahne, wenn ihre Stimme nicht freundlich genug klinge. Es gelte, den Hausverstand nicht zu verlieren, prekäre Arbeit sei keine Innovation. Dringend zu diskutieren sei, wem Profite zugutekommen, so Kuba im Hinblick auf Besteuerung für digitale Konzerne, aber auch in Bezug auf das sogenannte "Öl der Zukunft", nämlich Daten. Sie verwies zudem auf Entwicklungen seit der Industrialisierung - Arbeitsplätze seien immer auch deshalb entstanden, weil ArbeitnehmerInnen begonnen haben, sich zu organisieren, Stichwort produktivitätsorientierte Lohnpolitik und damit einhergehende massive Arbeitszeitsenkungen im Lauf der Zeit. Statt Arbeitszeitverlängerungen biete sich durch Innovationen jetzt wieder die Gelegenheit für Verkürzungen, unterstrich Kuba. Wenn so viele Innovationen am Ende dazu führen, dass alle länger und für weniger Geld arbeiten, sei etwas schiefgegangen.

Digitalisierung zwischen Differenzierung und rascher Weiterentwicklung

Über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit und Gesellschaft diskutierten anschließend am Podium Thomas Lohninger (Epicenter Works), Annika Schönauer (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, Wien), Klemens Himpele (Leiter der Abteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik, Stadt Wien) und Heinrich Himmer (Präsident des Wiener Stadtschulrats).

Einig waren sich die RednerInnen in ihrem Lob und der Leseempfehlung für die vorliegenden Publikation. Thomas Lohninger sprach sich darüber hinaus dafür aus, Regulierungen für neue Bereiche insofern klug anzulegen, als Innovation von unten zugelassen werden soll, zugleich aber die Wertegesellschaft in die Zukunft zu retten, etwa im Hinblick auf Arbeitsrechte. Bestehende Regularien sollten jedenfalls verpflichtend sein, es gelte aber auch, Möglichkeiten zu lassen für neue Player. Die Minimalforderung gegenüber großen Plattformen sei mehr Transparenz, es brauche aber auch die Möglichkeit der Interoperabilität, Daten zu anderen Anbietern mitnehmen zu können. Mediale Grundbildung sei auf der Anwenderseite ebenso wichtig wie ein Update für den Rechtsstaat, mit dem Internet umzugehen.

Annika Schönauer plädierte dafür, in der oft technologiegetrieben Diskussion immer wieder zu differenzieren, gerade in Bezug auf die Arbeitswelt. So sei etwa die Situation in KMUs ganz anders als in großen Betrieben. Schönauer sprach auch das Thema gesundheitliche Auswirkungen neuer Technologien an, unter anderem einen Beitrag im Buch zu neuen Krankheitsbildern durch Virtual Reality, Stichwort Technikstress. Das seien aber Phänomene, die es beispielsweise auch in den Anfangszeiten des Bahnfahrens bereits gab. Die Frage sei hier immer, wie die Gesellschaft lerne, mit neuen Technologien zu leben. Von starken, revolutionären Jobverlusten in der nahen Zukunft geht sie nicht aus, weil auch teilweise alte Technologien noch nachwirken und die neuen weniger in Betrieben angekommen sind, als man vielleicht denkt.

Aus Sicht der Stadt Wien will Klemens Himpele in der Diskussion zwischen Rechtssetzung bzw. –regulierung und der entscheidenden Rechtsdurchsetzung deutlich unterscheiden. Er ist überzeugt, dass viele Fragen ein Rechtsdurchsetzungs- und kein Rechtssetzungsproblem sind. An Rechtssetzungsangelegenheiten sieht er etwa die der Besteuerung auf EU-Ebene, im Arbeitsrecht hinsichtlich Arbeitnehmervertretungsmöglichkeit der Selbständigen auf Bundesebene, oder auch solche der Stadt Wien etwa im Hinblick auf Nächtigungsplattformen, teilweise im Transportwesen oder im Onlinehandel. Zum Handel könne etwa serviceorientiert angesetzt werden, Produkte vor Ort über eine Plattform auffindbar zu machen. Er habe nichts gegen eine Suche der Ferienwohnung im Internet, so Himpele, wolle aber einen fairen Wettbewerb, damit BürgerInnen einen Mehrwert bekommen. In der Diskussion um Uber und Taxis sieht er da wie dort Verbesserungspotential. Letztlich sei aber die Frage, welche Qualität und Wertigkeit Arbeit habe, hier werde auch vieles verschleiert. Die Pizzabestellung in Wien stehe jedenfalls nicht in internationaler Konkurrenz, sagte Himpele, der sich Wien als Zentrum eines digitalen Humanismus gut vorstellen kann.

Heinrich Himmer sieht eine sehr hohe Erwartungshaltung im Bildungsbereich, beispielsweise hinsichtlich rasch hoch ausgebildeter TechnikerInnen. Thema sei aber auch immer die Wertigkeitsfrage, etwa wenn es um Lehre und Maturaschule bzw. traditionelle Handwerksberufe geht. Zu diskutieren sei dabei, wie Bildung auf alle Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten könne und wenn, vor welchem Hintergrund. Wie Wissen gerecht aufgeteilt werden könne, wurde auch in den früheren technologischen Veränderungen nicht gelöst. Für Arbeitsplätze der Zukunft werde Anwendungswissen jedenfalls nicht reichen, so Himmer, diese Prozesse seien auch zu gestalten. Aufpassen müsse man auch, dass Digitalisierung nicht zur "Technikhütte" werde, zeigte er sich überzeugt, dass es in der Bildung immer Menschen brauche, den Transfer zu schaffen.

Durch die Veranstaltung im Dachfoyer im Parlament in der Hofburg führte als Moderatorin Lara Hagen (Redakteurin Chronik, Der Standard). (Schluss) mbu

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.