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Parlamentskorrespondenz Nr. 412 vom 18.04.2019

Themenfelder:
Bildung
Format:
Parlamentarische Materialien
Stichworte:
Nationalrat/​Berichte/​Nationaler Bildungsbericht 2018

Soziokulturelle Unterschiede in Schulklassen nehmen zu

Nationaler Bildungsbericht 2018 über Umgang mit Veränderungen im Schulwesen

Wien (PK) – Wie unterrichtet man einen Klassenverband aus SchülerInnen unterschiedlicher Herkunft und mit einem Fähigkeitsspektrum, das von Lernbehinderung bis Hochbegabung reicht? Dieser Frage müssen sich LehrerInnen in Österreich immer öfter stellen, geht aus dem Nationalen Bildungsbericht 2018 (III-268 d.B. und III-682-BR/2019 d.B.) hervor. Als Gründe für die wachsende Heterogenität im Bildungssystem nennt der vom Bildungsministerium und vom Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens (BIEFIE) verfasste Bericht unter anderem die Migrationsbewegungen nach Österreich und Vorgaben der Vereinten Nationen zur Inklusion.

Der Umgang mit unterschiedlichen Potentialen, die Kosten im Bildungsbereich und die Verteilung der Schülerströme sind drei der zentralen bildungspolitischen Themen, die der 900-seitige Bildungsbericht behandelt. Auf Grundlage nationaler und internationaler Studien soll darin eine Gesamtschau des heimischen Bildungsbereichs vermittelt werden. Neben einem zeitlichen Rückblick, vor allem auf die Entwicklung seit Herausgabe des letzten Bildungsberichts 2015, bietet das aktuelle Dokument auch Zukunftsperspektiven und politische Empfehlungen.

Vielfalt im Bildungswesen erfordert…

Die zunehmende sprachliche, kulturelle und religiöse Vielfalt in Österreich spiegelt sich an den Schulen wider. Das Berichtsteam führt das nicht zuletzt auf die jüngsten Migrationsbewegungen, auch aus dem außereuropäischen Raum, zurück. So sei der Anteil von SchülerInnen mit nichtdeutscher Umgangssprache von 22,2% im Schuljahr 2014/15 auf 25,3% im Schuljahr 2016/17 gestiegen. Allerdings trage die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bildungsbereich durch die Aufnahme von SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) in Regelklassen ebenfalls zur Heterogenität bei. 2018 waren von den 5,4% SchülerInnen mit SPF laut Statistik Austria 63,5 % an allgemeinen Schulen integriert. Eine weitere Steigerung dieses Anteils wird allerdings nicht erwartet, auch die Einrichtung inklusiver Modellregionen in Österreich habe nicht zu einer durchgängigen Erhöhung der Durchmischung geführt. Hinsichtlich hochbegabter SchülerInnen fehlten dem Bericht aussagekräftige Daten, Schätzungen gehen von 2,5 % der Schülerpopulation aus.

Besonders augenscheinlich werden die Leistungsunterschiede an den Neuen Mittelschulen, vermuten die AutorInnen mit Verweis auf die leistungsheterogenen Stammklassen, die beim Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik die Leistungsgruppen der Hauptschulen ersetzten. An der Unterstufe der allgemeinbildenden höheren Schule (AHS) steige die Heterogenität in geringerem Maß. Als Grund dafür wird die Entwicklung der Schülerströme beim Übertritt aus der Volksschule angeführt, wodurch sozial benachteiligte SchülerInnen, darunter überdurchschnittlich viele Kinder mit Migrationshintergrund, vorwiegend in die Mittelschulen gelangten. Für die Kompetenzentwicklung sei jedoch eine heterogene Klasse zielführender, wird anhand von Kompetenzmessungen bei unterschiedlichen Schülergruppen festgestellt. Leistungsschwächere SchülerInnen würden bessere Lernergebnisse erzielen, leistungsstarke SchülerInnen profitierten speziell in ihrer sozialen Entwicklung.

…neue Lehrmethoden

Basis für einen erfolgreichen inklusiven Unterricht sei eine gute Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden beziehungsweise zwischen den SchülerInnen, heißt es im Bericht. Die Selbständigkeit der SchülerInnen sollte genauso gefordert und gefördert werden wie die Zusammenarbeit beim Lernen. Hinsichtlich der Lehrmethoden reichen die Empfehlungen von Strategien für selbstgesteuertes und kooperatives Lernen über Projektarbeit bis hin zu differenzierten Aufgabenstellungen für die unterschiedlichen Niveaus in einer Klasse.

Bildungspolitisch seien Maßnahmen wie gestufte Standards in Lehrplänen und die Bereitstellung differenzierter Unterrichtsmaterialien notwendig, außerdem müsse die Datengrundlage verbessert werden, etwa im Rahmen der Bildungsstandüberprüfungen. Dabei sei zu erheben, wie viel externe Unterstützung zur fachspezifischen Förderung für leistungsschwache und hochbegabte SchülerInnen es gibt. Für die Unterrichtsorganisation wünschen sich die AutorInnen mehr Handlungsspielraum der Schulstandorte im Rahmen der Schulautonomie.

Mittelschulen kosten am meisten

Im EU-Vergleich gibt Österreich überdurchschnittlich viel Geld für die Bildung aus, zeigt der Bericht auf. An allgemeinbildenden Schulformen liegen die durchschnittlichen staatlichen Ausgaben pro SchülerIn hierzulande bei knapp 10.000 € jährlich (Stand 2015/16). Die Volksschulen sind aufgrund der geringeren Wochenstundenzahl und der vergleichsweise niedrigeren Gehälter der Lehrkräfte mit rund 8.100 € am günstigsten, in der Sekundarstufe I beanspruchen die Neuen Mittelschulen (NMS) – nunmehr nur noch "Mittelschulen" genannt – mit 12.400 € das meiste Geld.

Die hohen Kosten der NMS resultieren primär aus dem höheren Lehraufwand des sogenannten "Team-Teaching", erklärt das Berichtsteam den 10%-igen Mehraufwand an Lehrressourcen im Vergleich zu den NMS-Vorgängern, den Hauptschulen (HS). Vergleichsweise gering seien dagegen die Ausgaben an AHS-Unterstufen. Diese liegen mit durchschnittlich rund 8.250 € um 36 % unter jenen der HS und um 50 % unter jenen der NMS, schon aufgrund der geographischen Verteilung der Schultypen. AHS befinden sich mehrheitlich in Ballungszentren, was zu tendenziell größeren Schulklassen und geringeren Durchschnittskosten führe.

Herkunft und Sprache entscheidend für Schulwahl

Mit Blick auf die Schülerströme zeigt der Bildungsbericht einen ungebrochenen Trend, nach der Volksschule in die gymnasiale Unterstufe zu wechseln. Wien lag dabei im Jahr 2016/17 mit 55% deutlich über dem Bundesschnitt von 38% (2006/7: 33%). Generell wird im städtischen Raum das Gymnasium (Langform) präferiert, wobei in der Sekundarstufe II durch die Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) regionale Unterschiede bei der Schulwahl etwas ausgeglichen werden. Zwei Drittel der BHS-SchülerInnen haben zuvor eine Haupt- oder Neue Mittelschule besucht. Hat ein Volksschulkind Migrationshintergrund, tritt die Bedeutung des Wohnorts bei der Schulwahl in den Hintergrund. Während 73% der deutschsprachigen Wiener VolksschulabgängerInnen in eine AHS-Unterstufe wechseln, sind es bei Kindern mit nichtdeutscher Alltagssprache lediglich 41%.

"Herkunftsbedingte Ungerechtigkeiten prägen den gesamten Bildungsverlauf", folgern die VerfasserInnen des Berichts. An der sozialen Zusammensetzung von StudienanfängerInnen zeigten sich somit die "Selektionsprozesse des vorangegangenen Schulwesens", maßgeblich beeinflusst vom Bildungsniveau des Elternhauses. Jugendliche von PflichtschulabsolventInnen seien mit 21% überdurchschnittlich häufig nicht mehr in Ausbildung bzw. mit 17 Jahren noch in einer Pflichtschule, während Gleichaltrige aus Akademikerhaushalten zum Großteil eine AHS-Oberstufe besuchen.

Aufgezeigt wird im Bericht auch, dass trotz der nach Ende der Volksschule eintretenden Differenzierung im österreichischen Schulsystem beträchtliche Leistungsunterschiede innerhalb bestehender Schulklassen bestehen, ablesbar an Testungen wie den Bildungsstandards. 2017 haben demnach bei der Bildungsstandardüberprüfung Mathematik in der 8. Schulstufe 24% der SchülerInnen aus Hauptschulen und 16% der SchülerInnen aus Neuen Mittelschulen die mittleren Leistungen der AHS-SchülerInnen übertroffen. Auf die Praxis der Notengebung wirkt sich die Leistungsheterogenität den BerichtsautorInnen zufolge wiederum kaum aus. Die verfügbaren Notengrade würden vor allem klassenbezogen und "unabhängig vom Leistungsspektrum" vergeben.

Beste LehrerInnen für schwächste Klassen

Als Risikofaktoren, die dem Bildungserfolg entgegenstehen, nennen die VerfasserInnen einen bildungsfernen Hintergrund der SchülerInnen, einen niedrigen soziökonomischen Status der Familie sowie eine nichtdeutsche Alltagssprache. Unter MigrantInnen würden 80% einen dieser sozialen Faktoren aufweisen, meist eine andere Muttersprache. Bei 4% der SchülerInnen mit Migrationshintergrund kumulieren alle drei Risikofaktoren.

Geht es nach der Einschätzung der BildungsexpertInnen, sollten die "schwierigsten Klassen" die erfahrensten Lehrpersonen erhalten. Die Schulleitungen seien beim Einsatz der Lehrkräfte dementsprechend zu sensibilisieren. Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang ein Berufsverständnis, das eine hohen Anerkennung der Unterstützung benachteiligter SchülerInnen durch besonders kompetente LehrerInnen vorsieht.

Ganztagsschulen gleichen Bildungsnachteile nur bedingt aus

Inwieweit Ganztagsschulen in Bezug auf die Chancengleichheit in der Bildungslaufbahn einen Ausgleich schaffen, wird im Bildungsbericht anhand der – noch dürftigen - vorhandenen Daten dazu hinterfragt. Bei der schulischen Nachmittagsbetreuung in der 4. Klasse Volksschule sind zwar österreichweit sowohl Kinder mit Eltern, die höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, und jene, von denen zumindest ein Elternteil einen tertiären Abschluss aufweist, häufiger vertreten als SchülerInnen mit mittlerer Bildungsherkunft. Je dichter eine Gemeinde besiedelt ist, desto stärker steigt jedoch der Anteil von Kindern mich höherer Bildungsherkunft in den Ganztagsschulen. Vergleicht man die Angebote der Bundesländer, zeigt sich der größte Mangel an schulischer Nachmittagsbetreuung in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg. Hoch ist das Ausmaß dagegen im Burgenland und in Wien.

Volkswirtschaftlicher Nutzen von Bildung

Europaweit ein Problem sind jene Jugendliche, die sich weder in der Schule oder in Ausbildung befinden und zudem nicht beschäftigt sind (NEETs). In Österreich umfasst der Anteil an NEETs rund 25.000 Jugendliche (5,5%). Damit liegt das Land über dem Schnitt der EU-Länder in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Mit der im Schuljahr 2017/18 gestarteten Initiative "AusBildung bis 18" soll dieser Wert gesenkt werden, zumal die Arbeitslosenquote bei 15 bis 24-Jährigen um drei Viertel höher ist als der Vergleichswert in der gesamten Erwerbsbevölkerung.

Im Gegensatz dazu weisen AbsolventInnen von BHS und Hochschulen bei der Erwerbstätigkeit den höchsten Prozentsatz auf (82% bis 87%), ihre Arbeitslosenrate ist mit rund 3% niedrig. Ein weiterer sozioökonomischer Vorteil höherer Bildung ist die größere Wahrscheinlichkeit eines stabilen Beschäftigungsverhältnisses. Das persönliche Wohlbefinden steigt dem Bildungsbericht zufolge ebenfalls, je höher ein Bildungsabschluss ist, wobei dies vor allem auf Frauen zutreffe. Mit Blick auf die Geschlechterunterschiede bei den Einkommen geht aus dem Bericht hervor, dass in Österreich die Differenz zwischen Männern und Frauen bei der Entlohnung ausnehmend hoch ist. Demnach erhalten in den Gruppen der gering und der hoch Gebildeten vollzeitbeschäftigte Frauen im Durchschnitt nur 75% des Jahreseinkommens der Männer.

Weiterentwicklung der Schulen am Beispiel Schulcluster

"Schulcluster" ist aus Sicht der AutorInnen des Bildungsberichts eines der Schlagworte für die Weiterentwicklung des heimischen Schulwesens. Ablesen lasse sich daran - wie auch an "Schulautonomie" - ein Trend hin zu regionalen und lokalen Steuerungsebenen, wodurch die ortsbezogene Verankerung der Schulen stärker zutage trete.

Mit der im Vorjahr geschaffenen Möglichkeit, zwei bis acht benachbarte Schulstandorte zu Clustern zusammenzuschließen, wollte man besonders den Problemen der ländlichen Schullandschaft beikommen. Das Berichtsteam mahnt wiederum für eine erfolgreiche Zusammenführung von Schulen transparente, nachvollziehbare und strukturierte Kriterien ein, die auch existierende regionalspezifische Zusatzangebote und Netzwerke miteinbeziehen. Vermieden werden soll der Eindruck, dass ein Schulcluster einzig der Einsparung dient. Frei werdende Ressourcen hätten vielmehr zur Unterstützung und Weiterentwicklung der Schulen beizutragen. Andererseits ließen sich Beschaffungsvorgänge, etwa bei der Gebäudeverwaltung, ressourcenschonend bündeln. Zur Realisierung eines Schulclusters regen die AutorInnen eine Erprobungsphase an, in der ausgelotet wird, durch welche Aktivitäten die Ziele der regionalen Schulkooperation am besten erreicht werden.

Hingewiesen wird im Bericht allerdings auf bestehende Unsicherheiten über die Verortung der gemeinsamen Verantwortung für verschiedene Schulformen in einem Cluster bzw. die Spielräume für eigenständiges Handeln der Standorte im Sinne der Schulautonomie. Die Clusterleitung habe daher über "Führungskompetenzen" zu verfügen, die möglichen Fehlentwicklungen der zusammengeführten Schulen entgegenwirken. Seitens der Schulaufsicht brauche es eine "klarere Rollentrennung" zwischen Beratung – vor allem zur Schul- und Personalentwicklung – und Ergebniskontrolle. Zwecks Sicherstellung der Qualifikation von SchulaufsichtsbeamtInnen und SchulleiterInnen rät das Berichtsteam zu einer schulformübergreifenden Herangehensweise mitsamt eines professionsorientierten Masterstudiums für pädagogische Führungskräfte.

Digitalisierung im Unterricht vorantreiben

Die Vermittlung digitaler Kompetenzen sollte im schulischen Bildungsangebot Österreichs noch mehr Bedeutung erhalten, wird im Bildungsbericht unterstrichen. SchülerInnen müssten an der Gesellschaft, die sich aufgrund der vermehrten Digitalisierung laufend verändere, selbstbestimmt und aktiv mitgestalten können. Zwar habe sich seit 2015 an den Schulen in diesem Bereich einiges zum Positiven entwickelt, erwähnt das Berichtsteam die Einführung der verbindlichen Übung "Digitale Grundbildung" in der Sekundarstufe I, ferner das Schulnetzwerk "eEducation" und die Formulierung der Initiative "Schule 4.0". Dennoch bestünden weiterhin Mängel bei der IKT-Ausstattung der Schulen, bei der entsprechenden Ausbildung der Lehrkräfte und bei der nachhaltigen Implementierung von Informatik und Medienbildung im Unterricht. Zu letzterem Punkt wird die Etablierung eines eigenen Fachs eingefordert, ohne die Befassung mit digitalen Inhalten in anderen Fächern auszuschließen.

Bemängelt wird im Bericht, dass Medienkompetenz als Querschnittsmaterie nicht ausreichend in der PädagogInnenbildung NEU berücksichtigt wird, obwohl die Motivation der Lehrenden essentiell in der digitalen Bildung sei. Zur Netzwerkausstattung der Schulen verweist der Bericht auf eine Studie aus dem Jahr 2016, der zufolge 72% der Bundesschulen einen Internetanschluss im lokalen Netzwerk (LAN) hatten und 99,6% das Internet im Unterricht nutzten. Demgegenüber verfügten die Volksschulen über die schlechteste Internetanbindung. Durchschnittlich wiesen 38,7% der Pflichtschulen einen LAN-Anschluss auf, die Internetnutzung im Unterricht betrug immerhin 94%. Eingeräumt wird, für kleinere Gemeinden als Pflichtschulerhalter stelle die Zurverfügungstellung einer adäquaten Ausstattung einen großen Aufwand dar, sowohl finanziell als auch in Hinblick auf die Ausschreibung. (Schluss) rei