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Parlamentskorrespondenz Nr. 471 vom 03.05.2019

Themenfelder:
Parlament allgemein
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/​Gedenkveranstaltung/​Tibi/​Sobotka

Bassam Tibi warnt vor islamischem Antisemitismus

Gedenkveranstaltung im Parlament gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Wien (PK) – "Wer gegen Antisemitismus ist, muss gegen jede seiner Ausprägungen auftreten". In seiner Rede bei der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Parlament warnte Bassam Tibi heute mit eindringlichen Worten vor dem islamischen Antisemitismus und betonte, Kritik an dieser neuen Form der Judenfeindlichkeit dürfe nicht als Islamophobie bezeichnet werden. Es gelte, klar zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, meinte der aus Syrien stammende Muslim, Publizist und Universitätsprofessor und sprach sich überdies mit Nachdruck dagegen aus, Islamfeindlichkeit auf dieselbe Stufe wie Antisemitismus zu setzen. Es brauche vor allem Bildung und eine starke Demokratie, um das Gift des Antisemitismus zu bekämpfen, unterstrich Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, der in diesem Zusammenhang an die Notwendigkeit erinnerte, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auch der nächsten Generation mitzugeben und damit in eine neue Zeit zu führen.

Tibi: Kritik am islamischen Antisemitismus ist nicht Islamophobie

"Ich bin in Damaskus in einem antisemitischen Milieu aufgewachsen und als militanter Antisemit nach Europa gekommen. Zwei Holocaust-Überlebende – Max Horkheimer und Theodor W. Adorno - , bei denen ich studierte, haben mein Leben verändert", schickte Bassam Tibi aus seiner persönlichen Geschichte voraus. Es habe im Islam bis ins 20. Jahrhundert keinen Antisemitismus, sondern vielmehr eine islamisch-jüdische Symbiose mit einem Höhepunkt im mittelalterlichen Spanien gegeben. Der Islamismus sei erst in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts entstanden, als die Moslembrüderschaft zur Ausrottung der Juden aufgerufen hatte. Tibi trat für eine klare Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ein und warnte vor der Gefahr des islamischen Antisemitismus.

Der Antisemitismus komme heute nicht nur aus dem "Nazi-Eck", er komme vielmehr auch als zugewanderter Antisemitismus aus dem arabischen Raum in die europäischen islamischen Gemeinden. Der Antisemitismus erscheine zudem oft als Kritik an Israel, das als der "Weltjude" verkörpert wird, den es "auszumerzen" gelte. Dies sei ebenso wie die iranischen Atombombendrohungen gegen Israel nichts anderes als ein Aufruf zum Holocaust. Wenn sich der Holocaust einmal wiederholen werde, dann nicht in Europa - hier seien die Menschen reif geworden - sondern im Nahen Osten, gab Tibi zu bedenken.

Klar ist für Tibi, dass der Antisemitismus in allen seinen Formen zu bekämpfen sei. Niemand würde es heute wagen, den rechtsradikalen Antisemitismus nicht zu verurteilen. Wer aber über einen islamischen Antisemitismus spricht, laufe Gefahr, als islamophob bezeichnet zu werden, zeigte er sich irritiert. Außer Zweifel steht für Tibi, dass der islamische Antisemitismus in Europa genauso bekämpft werden muss wie die Islamfeindlichkeit. Angesichts der Tatsache, dass in Europa sechs Millionen Juden ermordet wurden und das jüdische Leben in Europa heute in Gefahr sei, gehe aber nicht an, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus gleichzusetzen, bekräftigte Tibi mit Nachdruck.

Sobotka: Bildung und starke Demokratie als Waffe gegen Antisemitismus

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus dürfe nicht formalisiert und ritualisiert werden, es dürfe sich aber auch nicht im Errichten von Gedenktafeln erschöpfen, mahnte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka in seinen abschließenden Worten. Es brauche vielmehr ein empathisches, tief empfundenes Gedenken, das man auch an die zukünftigen Generationen weitergeben kann. Für Sobotka geht es aber am heutigen Tag auch um das Bedenken, stelle sich doch die Frage, wie das Unfassbare überhaupt möglich werden konnte. Das Gift des Antisemitismus sei eine gesellschaftliche Grundhaltung gewesen – antidemokratisch, autoritär, patriarchalisch. Das Bedenken treffe aber auch uns selbst. "Warum habe es so lange gedauert, bis wir anerkennen konnten, dass es in Österreich nicht nur Opfer, sondern auch Täter gegeben hat? Warum hat es so lange gebraucht, bis wir die Vertriebenen zurückgeholt und die Opfer entschädigt haben?"

Heute gehe der traditionelle Antisemitismus zurück, es zeige sich aber ein neuer Antisemitismus in Parallelgesellschaften, denen es entschieden entgegenzutreten gilt, so Sobotka. Starke Bildung und eine starke Demokratie sind für den Nationalratspräsidenten entscheidend im Kampf gegen den Antisemitismus. (Schluss) hof

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.