Bundesrat Stenographisches Protokoll 634. Sitzung / Seite 56

Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite

machen. In Wirklichkeit sagen aber die guten Absichten der Erzieher, des Elternhauses, der Schule nichts über den Erfolg der erzieherischen Tätigkeit.

Es gibt viele Anzeichen dafür, daß die Erziehung in den letzten Jahren in wesentlichen Punkten mangelhaft war. Ich sehe das an den Irrtümern in der Theorie und an den Versäumnissen in der Praxis. Ich weiß, daß ich mich jetzt hier auf "vermintem" Gelände befinde. Aber die Mängel zeigen sich an den typischen Schwierigkeiten, die die Erzogenen im Jugend- und Erwachsenenalter haben.

Einem Teil unserer Mitmenschen fehlt es einerseits an Eigenschaften für die Lebenstüchtigkeit, andererseits an Eigenschaften, wie sie für den Fortbestand unserer Gemeinschaft unentbehrlich sind. Nachdem heute schon mehrfach von Werten geredet worden ist  Herr Dr. Tremmel und Herr Präsident Dr. Hummer haben Bemerkungen dazu gemacht , möchte ich auch einige Eigenschaften ganz kurz anführen, die ich für unentbehrlich halte, und zwar:

erstens: Lebensmut, Lebensfreude, Vertrauen in den Sinn des Lebens und somit auch die Bereitschaft zur aktiven Gestaltung des eigenen Lebens,

zweitens: Dienstbereitschaft, Gemeinschaftssinn und Traditionsbewußtsein, verbunden mit Familie, Volk und Kirche, Treue zur Lebensordnung und Teilnahme an der Erfüllung ihrer Aufgaben.

Die erste Gruppe dieser Eigenschaften ist unbestritten. Lebensmut, Lebenssinn, Selbstvertrauen möchte und soll jeder haben. Dabei wird aber häufig übersehen, wie diese guten Eigenschaften zustande kommen. Sie sind nur zu gewinnen, wenn man von klein auf die zweite Gruppe von Eigenschaften erworben hat, nämlich Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftssinn, Traditionsbewußtsein, Ehrfurcht oder Pietät. Zugespitzt ausgedrückt könnte man sagen, Lebensfreude, Lebensmut und Vertrauen in den Sinn des Lebens lassen sich nicht direkt erwerben, sondern stellen sich als Zugabe ein, wenn man gelernt hat, seine Aufgabe zu erfüllen und für andere zu leben statt bloß für sich selbst. Das ist einfaches Erfahrungsgut und im Grunde Selbstverständlichkeit.

Die erste Vorbedingung aber, daß unsere Kinder lebenstüchtig werden, ist die Erfahrung einer guten Lebensordnung am Beispiel liebevoller Eltern und Mitmenschen. Nach der Familie hat die Schule den größten Einfluß. Wir brauchen Schulen, die das Wissen und Können vermitteln, das zu einer selbständigen Lebensführung notwendig ist. Dieses Wissen muß Sachwissen sein, und dieses Können muß Denken-Können sein.

Bildung entscheidet über unsere Zukunft, sieht man, hört man, liest man allenthalben. Aber es ist ein Irrglaube, daß ein Bildungssystem ohne Vermittlung von Werten auskommt. Die Schule kann die Eltern nur unterstützen  das ist heute schon angesprochen worden , ersetzen kann sie diese nicht. So gehört auch der Religionsunterricht in die Schule und nicht in die Pfarrsäle.

Es ist falsch, anzunehmen, daß das beste Bildungsangebot vom Staat kommen muß. Gerade öffentliche Bildungssysteme brauchen Ermutigung durch private Initiativen. So brauchen wir heute ein Bildungssystem mit größter Verantwortung für den einzelnen. Es geht darum, daß sich unsere Enkel und Kinder in dieser komplexen Welt zurechtfinden können und daß sie nicht in einer Woge ungeordneter Fakten und Ereignisse untergehen.

Wenn wir uns den höchsten Lebensstandard und das beste Sozialsystem und den aufwendigsten Umweltschutz leisten, dann muß auch für das beste Bildungssystem Geld vorhanden sein. (Bundesrat Dr. Tremmel: Das ist richtig!) Bildung ist ein unverzichtbares Mittel des sozialen Ausgleichs  auch das ist nicht neu  und noch immer die beste Prophylaxe gegen Arbeitslosigkeit. Wir brauchen  da muß ich Frau Kollegin Mühlwerth recht geben  einen neuen Grundkonsens über unsere Bildungsziele, an dem sich alle Bildungsinstitutionen orientieren können.

Meine Damen und Herren! Ich möchte auf das Bildungssystem zu sprechen kommen und im Zusammenhang damit einige neue Leitgedanken vorstellen. Ich weiß, wie schwierig das ist, dennoch möchte ich Ihnen Eckpunkte eines solchen Bildungsmodells, das bereits länderübergrei


Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite