BundesratStenographisches Protokoll782. Sitzung / Seite 58

HomeSeite 1Vorherige SeiteNächste Seite

dann sieht man, dass diese Personengruppe, die es wirklich am notwendigsten hätte, de facto keinen Zugang hat, weil die Tagsätze sehr hoch sind.

Eine andere in der Praxis nachweisliche Tatsache ist, dass Asylwerber, die trauma­tisiert sind und in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden, sofern sie überhaupt aufgenommen werden, eine viel kürzere Verweildauer haben als unsereiner. (Bundes­rätin Mühlwerth: Wenn wir nicht so viele Scheinasylanten hätten, bräuchten wir über das gar nicht reden!) Das wird aber nicht erhoben, darum kann ich da nur aus der beruflichen Praxis berichten.

Eine Verbesserung sehe ich ganz klar in der flexiblen Gestaltung der Anhalte­mög­lich­keiten von Patientinnen und Patienten. Die Behandelnden können mittel- und lang­fristig an der Verbesserung des Gesundheitszustandes der Patientinnen und Patienten arbeiten, wenn sie nicht ständig durch kurze Aufhebungen der Anhaltung unterbrochen werden. Kollege Kühnel hat das vorhin schon kurz mit dem Stichwort „Drehtür­psychiatrie“ angesprochen. Ich nehme an, dass das mit dieser Vorlage ein Ende finden wird.

Ob sich diese Korrektur wirklich zum Wohle der Patientinnen und Patienten auswirkt, muss man sich anschauen, das wird die Zeit zeigen. Ich bin froh, dass sich der Nationalrat mehrheitlich unserem Vorschlag angeschlossen hat, alle zwei Jahre eine umfassende Evaluierung durchzuführen, denn Ziel ist es, die Zahl der Personen, die in der Psychiatrie angehalten werden, nicht massiv zu steigern, aber trotzdem die Qua­lität der Behandlung zu erhöhen.

Um dies bewerkstelligen zu können, müssen die Möglichkeiten der ambulanten Be­handlung ausgebaut werden. Da setzt meine Kritik an, denn in Österreich gibt es in diesem Bereich noch einen großen Verbesserungsspielraum. Im Vergleich zu anderen EU-Staaten haben wir in Österreich nämlich präventive Einrichtungen wie Tagesklini­ken, Ambulanzen oder Halfway-Häuser stark vernachlässigt, obwohl wir in Österreich eine der höchsten Suizidraten haben. Jährlich begehen mehr Menschen Suizid, als im Straßenverkehr ums Leben kommen; 1 400 sind es an der Zahl. Da drängt sich die Frage auf, ob wir uns nicht in den nächsten Jahren noch viel intensiver Gedanken machen müssen, wie wir diese bedenklich hohe Rate senken können.

Aber wenigstens wurden die zehn großen Anstalten nun angehörigenfreundlich dezen­tralisiert. Da sind wir den Angehörigen und den PatientInnen schon einen Schritt entgegengekommen.

Bei der Auseinandersetzung mit dieser Thematik musste ich weiters feststellen, dass es schwierig ist, sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Wie in vielen anderen Bereichen schlägt auch im Gesundheitswesen leider Gottes die Negativseite des Föderalismus zu Buche. Übrigens ist das ja nicht nur eine Kritik der Grünen, sondern auch der Rechnungshof und die WHO haben die unzureichende Koordination zwischen Bund und Ländern angeprangert.

Ich bin überzeugt davon, dass wir mit einer umfassenden Bundesstaatsreform im Gesundheitsbereich, aber auch in allen anderen Ressorts effizienter arbeiten werden und arbeiten müssen, denn die aufgebrachten Mittel müssen effizienter eingesetzt werden. Wir werden in diesem Sektor jeden Cent benötigen.

Die Zahl der Demenzkranken wird aufgrund der demographischen Entwicklung in Zukunft nicht sinken, sondern steigen. Auch das muss ein Thema sein. Wir müssen sorgfältige politische Entscheidungen im Sinne der Betroffenen fällen, und ich bin zuversichtlich, dass sich die zuständigen Mitglieder der Bundesregierung – in erster Linie der Gesundheitsminister und Sie, sehr geehrte Frau Justizministerin – dieses Themas bald annehmen werden.

 


HomeSeite 1Vorherige SeiteNächste Seite