Wenn Sie einmal Ihre Smartphones zur Hand nehmen und auf „Google“ einen Routenplan eingeben: wie weit ist es von diesem aktuellen Standort, wo wir heute sind, nach Auschwitz?, dann sind es 398 Kilometer. Das ist nicht weit. Für die meisten Leute wirkt Auschwitz, wenn man das Wort „Auschwitz“ sagt, so unendlich weit weg. Im Vergleich: Von hier nach Bregenz sind es 645 Kilometer; Auschwitz liegt also näher an Wien als Bregenz! Ich finde, das wird oft übersehen und oft vergessen.
Warum sage ich das? – Es gibt die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, und wir sind im Übrigen sehr froh – das muss ich natürlich bestätigen –, wir sind sehr froh darüber, dass jetzt diese Summen zur Verfügung gestellt werden, dass hier der Nationalfonds aktiv werden kann, die Gedenkstätte mitzufinanzieren.
Wir sind sehr froh darüber, dass die österreichische Dauerausstellung vor Ort neu gestaltet wird. Für diejenigen, die es nicht wissen: Es ist tatsächlich noch ein fragwürdiges Bild über Österreich, das in dieser Ausstellung präsentiert wird, ein Bild, das in den siebziger Jahren leider noch sehr oft hochgehalten wurde: Österreich sei das erste Opfer. – Mittlerweile sind die Historiker und Historikerinnen natürlich weiter, und wir wissen auch über die Täterschaft in diesem Land, über die Mitläufer, über die Mitläuferinnen und die, die aggressiv mit dabei waren und Menschen vernichtet haben.
Aber warum habe ich das mit den 398 Kilometern erwähnt? – Pro Jahr besuchen 68 000 Deutsche Auschwitz-Birkenau und 3 200 Österreicherinnen und Österreicher. Doppelt so viele BesucherInnen in Auschwitz-Birkenau kommen beispielsweise aus Singapur, aus Slowenien oder aus Portugal. Aus Australien – wir werden bekanntlich sehr oft mit Australien verwechselt, das wäre in dem Fall gut – kommen vier Mal so viele Menschen nach Auschwitz-Birkenau, um die Ausstellung und die Gedenkstätte zu besichtigen, wie Österreicherinnen und Österreicher!
Ich mache jetzt hier keine Volkskritik, aber ich glaube, ich kann jetzt nur Sie beide – weil Sie jetzt auch hier sind, Frau Ministerin – bitten, in der Bundesregierung auch zu überlegen: Wie schaffen wir es, mehr Österreicher und Österreicherinnen vor allem aus den Schulen dort hinzubringen, damit sie diese Stätte sehen und damit sie wissen, was dort geschehen ist? – Denn es ist einmalig in der menschlichen Geschichte, dass eine Vernichtung in dieser Art und Weise industriell passiert ist. Und es ist wichtig, das zu vermitteln, gerade aufgrund dieser Umfrage, die ich heute auch mit Sorge gelesen habe: dass 11 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 19 glauben, Hitler hätte uns etwas Gutes gebracht.
Das mag aber auch daran liegen, und erlauben Sie diese
persönliche Anmerkung: Ich komme selber aus einem kleinen
niederländischen Dorf, das von den Nationalsozialisten durch eine Razzia vernichtet und verbrannt
worden ist; alle Männer zwischen 17
und 55 sind ins Konzentrationslager gebracht worden. Erlauben Sie mir, das
persönlich zu erzählen: Meine Familie sind Zeugen Jehovas; ich nicht,
aber meine Familie. Unser Nachbar war Leopold Engleitner, den kannte ich sehr
gut – ich weiß nicht, einige von Ihnen kennen ihn
wahrscheinlich: der älteste noch lebende KZ-Überlebende. Er ist jetzt
106 Jahre alt.
Als homosexueller Mann, der ich ja bin, ist es natürlich ohnehin eine Frage: Wie gehen Gesellschaften mit Minderheiten um? – So ist natürlich auch meine Solidarität sehr groß für Menschen, die verfolgt worden sind, insbesondere die Juden und Jüdinnen.
Auschwitz-Birkenau wurde am 27. Jänner befreit – und am 27. Jänner 2012 feiern in der Hofburg Burschenschafter und Burschenschafterinnen, tanzen Walzer an dem Tag, an dem Holocaust-Überlebende gedenken! Sie tanzen, von Burschenschaften ausgehend (Bundesrätin Mühlwerth: Der findet seit 40 Jahren am letzten Freitag im Jänner statt!), von Burschenschaften ausgehend, die kein Problem damit haben, Holocaust-Leugner einzuladen, Barden einzuladen mit Gesängen, die ich hier nicht zitieren will,
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