Verhandlungen zwischen verschiedenen Länderinteressen und denen des Bundes haben jetzt ermöglicht, erstmals eine Vereinbarung in der Erwachsenenbildung zu treffen und eine Finanzierungsmöglichkeit für Bildungsprojekte zu schaffen, die den Menschen die Chance geben, Versäumtes nachzuholen oder eine zweite Chance zu ergreifen.
Vor meinem beruflichen Einstieg in die Erwachsenenbildung und meiner jetzigen Tätigkeit als VHS-Leiter habe ich es nicht für möglich gehalten, wie viele Menschen es in Österreich gibt, die massive Schwierigkeiten in den Bereichen Lesen, Rechnen oder Schreiben haben. Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich 400 000 bis 600 000 Menschen zu dem Bereich der Betroffenen, nämlich zu Menschen mit keinen oder nur geringen Basisbildungskompetenzen zählen.
Jeder von ihnen kann sich vorstellen, mit welchen Benachteiligungen diese Menschen konfrontiert sind, die Probleme mit sinnerfassendem Lesen haben. Nachteile entstehen nicht nur im Beruf, sondern auch in der Freizeitgestaltung. Die betroffenen Menschen sind aufgrund ihrer Mängel in den Basisbildungskompetenzen und der daraus resultierenden geringeren Schulbildung oft die Ersten, die ihren Arbeitsplatz verlieren.
Schlimm ist oft auch die Situation und der Umgang damit in den Familien. Das früher unter dem Schlagwort „Analphabetentum“ zusammengefasste Problem ist oft noch über weite Strecken ein Tabuthema und wird in der Familie oder im Bekannten- und Freundeskreis verschwiegen. Sehr oft wissen nur die Betroffenen über ihr Problem Bescheid und kaschieren diese Schwächen. Ich habe mit Vertreterinnen und Vertretern von Sozialämtern oder Behörden, mit Beamtinnen und Beamten gesprochen, die sagen, über die Jahre hinweg merkt man, wer vielleicht Probleme mit Lesen und Schreiben hat, wenn es darum geht, auf Ämtern Formulare auszufüllen, wenn über Jahre hinweg jedes Mal die Brille vergessen wird, wenn Menschen immer wieder mit einer eingebundenen Hand kommen, um dann von beamteter Seite Hilfe zu bekommen, wenn es darum geht, Formulare ausfüllen zu müssen.
In der westlichen Obersteiermark, in den Bezirken Murau und Murtal, hat es in den letzten zwei bis drei Jahren große Anstrengung gegeben, Projekte zu erstellen, die für die verschiedensten Zielgruppen offen sind, und diese auch zu verwirklichen. Das Bildungsnetzwerk Steiermark hat in einem Zeitraum von rund eineinhalb Jahren 15 Trainerinnen und Trainer aus den verschiedensten EB-Einrichtungen, Erwachsenbildungseinrichtungen, ausgebildet. Darunter waren auch vier Trainerinnen und Trainer aus der Volkshochschule, an der ich tätig bin.
Die einzelnen Erwachsenenbildungseinrichtungen haben in monatelanger Arbeit gemeinsam mit den Trainerinnen und Trainern eine jeweils auf die Zielgruppe angepasste Curricula erarbeitet und mussten bis dato die Finanzierung der Pilotprojekte sicherstellen. Zu dieser Finanzierung zählten nicht nur die Kosten für Trainerinnen und Trainer, sondern oftmals war es auch nötig – auch für uns –, Kursräume neu anzumieten, zu adaptieren, zu renovieren, weil die Menschen, die zu uns gekommen sind, aufgrund ihrer Problematik meistens auch schlechte Erinnerungen an das Regelschulwesen haben und daher auch in einem herkömmlichen Schulungsraum nicht wirklich schulbar beziehungsweise zu trainieren sind. Das heißt, die ganze Gestaltung war komplett umzustellen.
Seit Dezember 2011 können die einzelnen Anbieter – und das begrüße ich sehr – ihre Angebote akkreditieren lassen. Ich begrüße auch, dass im Akkreditierungsverfahren sehr strenge Richtlinien und Kriterien zu erfüllen sind. Ich glaube auch, eine Schwemme von Anbietern, die möglicherweise die Qualitätskriterien nicht erfüllen könnten, wären in diesem sensiblen Bereich äußerst kontraproduktiv. Zu den Bildungsdefiziten kommen bei den Menschen dann oft auch noch soziale, ökonomische und psychische
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