BundesratStenographisches Protokoll815. Sitzung / Seite 16

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Ich darf erinnern an die großen Österreicher Carl Menger, Friedrich Wieser, Eugen Böhm-Bawerk, der am alten Hunderter drauf war, bis hinauf zu Ludwig Mises und Os­kar Morgenstern – allesamt wunderbare Österreicher, die heute in Amerika (Zwischen­ruf des Bundesrates Mayer) sehr populär sind. Der Senator Paul Ryan hat auf diese wunderbaren Österreicher in den Wirtschaftswissenschaften verwiesen (neuerlicher Zwischenruf des Bundesrates Mayer), aber in Österreich sind sie alle vergessen.

Heute ist dank der EU – das muss man auch einmal sagen; vielleicht nicht dank der EU, aber dank der österreichischen Bundesregierung (Zwischenruf des Bundesrates Mag. Klug) – Österreich zum Skriptorium von EU-Gesetzen degeneriert worden, zu ei­ner Schreibstube ohne eigene Überlegungen. Das, muss man sagen, ist ein guter Ver­gleich, was Österreich einmal war und was Österreich vielleicht wieder einmal sein könnte oder sollte.

Die Autonomie der Wissenschaft ist ein wesentlicher Punkt, aber das muss man zwei­teilen: Einerseits gibt es die Autonomie dank des Universitätsgesetzes 2002, das si­cherlich ein Meilenstein war, wo alle universitären Institutionen die Vollrechtsfähigkeit bekommen haben und eine Eigenverantwortung leben dürfen – aber den Instituten und den Fakultäten wurde die zuvor vorhandene Teilrechtsfähigkeit genommen. Darüber hinaus ist der Gesetzgeber im Rahmen dieses Gesetzes verpflichtet, die Universität mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren.

Einerseits ist diese Autonomie im Zuge der Rechtspersönlichkeit sicherlich gegeben, aber ob die Autonomie gegeben ist, dass die Wissenschaft, die Forschung und Lehre heute wirklich frei sind – wirklich frei sind! –, und die Popularwissenschaft doch nicht Einfluss auf die Kulturwissenschaft hat, das wage ich zu hinterfragen. Hier, sehr ge­ehrter Herr Minister, sollte man sich doch überlegen, ob nicht alle – oder die meisten – Forscher an den Universitäten aus einer Perspektive zu einem Thema forschen. Es fällt nämlich auf, dass die Themen praktisch gleichgeschaltet werden.

Da wäre es doch interessant, gerade das Ungleichzeitige und das Gleichzeitige zu er­forschen. Das wäre ja gerade – ich glaube, Sie sind ein sehr verständiger, ein exzel­lenter Geisteswissenschafter und Kulturwissenschafter – das Interessante, im Unter­schied zu diesen exakten Naturwissenschaften, eben auf die Flexibilität, auf die unter­schiedlichen Perspektiven der Kultur- und Geisteswissenschaften Wert zu legen und diese zu berücksichtigen.

Das sieht man vor allem bei der Vergabe der Forschungsförderungen des FWF, des Forschungsförderungsfonds, dass dort die Geistes- und Kulturwissenschaften leider zu wenig gefördert und auch zu wenig gefordert werden. Da sollte man sicherlich andere Präferenzen setzen und nicht immer nur die Naturwissenschaften, nicht immer nur die Grundlagenwissenschaften in die erste Reihe stellen.

Betreffend die aktuellen Probleme der Universität, zum Beispiel hier an der Hauptuni­versität Wien, fällt auf, dass allein beim dreistufigen Bachelor-Programm-Prozess, der bei den Geisteswissenschaften 2008 eingeführt worden ist, schon dreimal die Lehran­gebote komplett erneuert wurden: Es gibt also das Angebot 2008, das Angebot 2009 und das Angebot 2011. Ob es bei einer relativ engen Studienrichtung für Geisteswis­senschaften notwendig ist, innerhalb so kurzer Zeit so viele Reformansätze zu bringen, wage ich zu bezweifeln.

Das zweite Problem des Hauses, das unweit von hier gelegen ist – drei Gehminuten von hier –, ist, dass über 180 Studienfächer einfach zu viel sind, und es fällt auf, dass bei manchen in einem Semester sehr viele Lehrangebote gestellt werden, in manchen Semestern überhaupt keines, und die Studierenden stehen vor geschlossenen Türen. Sie können nicht einmal studieren, sie stehen! Also da gehören die Kräfte gebündelt, gehören zusammengezogen, weniger Studienfächer mit wesentlich mehr Lehrangebot.

 


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