BundesratStenographisches Protokoll821. Sitzung / Seite 162

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starteten die ersten Schulversuche 1974 beziehungsweise 1975 und die ersten Evalua­tionen Anfang der achtziger Jahre ergaben, dass die Zahl der Klassenwiederholungen eingedämmt werden konnte, dass Schülerinnen und Schüler einen besseren Gemein­schaftssinn und ein positiveres Sozialverhalten haben, Lehrerinnen und Lehrer höhere Einsatzbereitschaft zeigen und die Eltern der ganztägig betreuten Schülerinnen und Schüler den guten Lern- und Erziehungserfolg ihrer Kinder schätzten.

Grundsätzlich werden an die ganztägige Betreuung vielfältige Erwartungen gestellt. Aus sozialpolitischer Sicht steht der Betreuungsaspekt im Vordergrund. Eltern können immer weniger auf Gratiskontakte wie Großeltern oder Bekannte zurückgreifen und wünschen sich außerdem, dass sie von Bildungsfragen entlastet werden. Nicht alle Eltern sind in der Lage oder gewillt, Unterstützung und Hilfestellung zu geben. Außer­dem birgt das Erledigen von Aufgaben für die Schule hohes Konfliktpotenzial in der El­tern-Kind-Beziehung. Auch die Tatsache, dass jeder fünfte Schüler/jede fünfte Schüle­rin im Pflichtschulbereich Nachhilfe in Anspruch nehmen muss, spricht für ein Angebot, das die Schülerinnen und Schüler während der Schulzeit fördert und unterstützt und die Familien somit auch finanziell entlastet.

Aus bildungspolitischen Gründen ist eine Steigerung von fachlichen und sozialen Kom­petenzen der Schülerinnen und Schüler wünschenswert. Das heißt, erweiterte und in­tensivere Zeit-, Raum- und Personalressourcen begünstigen eine andere Lernkultur, die Begabungen und Defizite früher erkennt und auch darauf reagieren kann. Es gibt weniger Schulversager, weniger Klassenwiederholungen und mehr soziales Lernen.

Gefordert wird auch eine Schule, in der dieses soziale Lernen einen entsprechenden Stellenwert erhält. Die pädagogischen Argumente sind vielfältig. Grundsätzlich gilt das Schaffen von günstigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler als Hauptmotiv. Offenes Lernen, fächerübergreifender Unterricht und Pro­jektlernen sind in Ganztagsschulen einfacher zu realisieren. Lern-, Ruhe-, Spiel-, För­der- und Essenszeiten verbessern die sozialen Kontakte und vermindern Schulangst, Lern- und Leistungsdruck, fördern die Lernkompetenz und die Lernmotivation und da­mit wiederum das soziale Lernen.

Auch ist es Realität, dass Schülerinnen und Schüler zunehmend fehlende Spielmög­lichkeiten mit Geschwistern und Gleichaltrigen im Wohnumfeld haben und das wird durch die Möglichkeiten in der Ganztagsschule, soziales Verhalten und gesellschaftli­che Regeln zu erfahren und Freundschaften zu pflegen, wettgemacht.

Auch die Vernetzung mit öffentlichen Einrichtungen wie Vereinen, Musikschulen, kirch­lichen Einrichtungen und sozialen Organisationen soll nicht verschulend wirken, son­dern neue Aspekte eines pädagogisch wertvollen Lebens- und Erfahrungsraumes öff­nen.

Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, die Erwartungen sind groß. Können sie auch er­füllt werden?

Gestatten Sie mir nun einen etwas emotionalen und persönlichen Vergleich mit meiner Schule. Meine Erfahrungen mit der ganztägigen Schulform starten als Lehrerin schon im Jahr 1980, als mein damaliger Schulleiter, ein sehr fortschrittlicher und innovativer Pädagoge, mit der Einführung der Tagesheimschule, der Organisationsform mit ge­trennter Abfolge – das heißt, Unterrichts- und Betreuungsteil sind nicht verschränkt – an unserem Schulstandort startete.

Nach sensationellen ersten Jahren mit annähernd 100 Prozent Beteiligung – wahr­scheinlich hauptsächlich durch das Gratisangebot bedingt –, wurde eine Grundlage ge­legt, die uns heute zu einer sehr erfolgreichen Kompetenztagesschule macht.

Mit der Überleitung in das Regelschulwesen und der finanziellen Beteiligung der Eltern sank das Interesse an dieser Schulform plötzlich sehr stark – noch dazu, wo in unserer


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