BundesratStenographisches Protokoll833. Sitzung / Seite 19

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Sinne gedacht wird, was Kinder können müssen, anstatt in dem Sinn, wie wir Rahmen­bedingungen schaffen können, dass Kinder Spaß daran haben, Wissen zu lernen, Wissen vermittelt zu bekommen. Wir sollten nicht darüber nachdenken, wie Kinder eine Sprache lernen müssen, sondern, welche Rahmenbedingungen geschaffen werden kön­nen, dass Kinder Lust haben, eine Sprache zu erlernen. Das muss das Wesen sein!

Schulpolitik muss immer dahin gehen, die Lust, Neues zu erfahren, zu fördern, und das ist bei jedem Kind anders. Solange wir das nicht begreifen, kommen wir in der Bil­dungspolitik nicht weiter. Natürlich braucht dies gewisse Rahmenbedingungen. Wir ha­ben hier zum Beispiel immer das Problem mit den Geburtsdaten. Die Herbstgeborenen und die danach Geborenen kommen in eine Klasse, liegen aber eigentlich ein Jahr auseinander. Wir haben natürlich auch das Problem, und das wissen wir, dass Kinder, wenn sie mit sechs Jahren in die Volksschule kommen, zu einem erheblichen Grad, teilweise viele Jahre, auseinanderliegen, nicht in wirklichen Jahren, sondern in Reife­jahren, weil Kinder mit völlig unterschiedlichem Background in die Schule kommen.

Manche können schon Englisch, und manche können noch nicht einmal basteln. Man­che können super Deutsch schreiben, manche müssen das erst lernen. Das ist indi­viduell auf jedes Kind anzupassen, weil man kein einziges Kind – wirklich: kein einzi­ges Kind! – in der Schule zurücklassen darf! Diese individuellen und unterschiedlichen Entwicklungen haben natürlich auch mit dem sozialen Hintergrund der Familie zu tun.

Es ist übrigens ein Irrtum, anzunehmen, dass das immer mit Migrationshintergrund ver­bunden ist, es hat mit dem sozialen Hintergrund zu tun. Es gibt nämlich viele Kinder von Migranten und Migrantinnen, die sehr gut Deutsch können, einfach weil es auch ein Selbstverständnis in der Familie ist, dass Bildung etwas Gutes ist, so wie es auch österreichische Familien gibt, die, wie man leider sagt, „bildungsfern“ sind. Ich mag dieses Wort nicht, ein unangenehmes Wort, aber ich habe jetzt auch gerade keine Al­ternative parat.

Was wir verhindern müssen – man verzeihe mir den Ausdruck, aber in diesem Fall ist es ein guter Ausdruck –, ist, dass Kinder mit sechs Jahren schon sozusagen die „Arschkarte“ des Lebens gezogen haben, wo mit sechs Jahren schon das ganze Leben vorgezeichnet wird, welche Schullaufbahn sie in Zukunft haben werden, ob sie bil­dungsfern oder bildungsnah sind, wie es dann so schön heißt.

Wir sind der Meinung, Schulen müssen flexibler werden. Gerade die Volksschulen müssen wesentlich flexibler werden, um diese unterschiedlichen Bedürfnisse wahrzu­nehmen. Die Kinder zu separieren ist aus unserer Sicht ein falscher Weg. Segregation ist das Gegenteil von Inklusion und Integration. Segregation bedeutet erst recht wieder diese A-Karte, weil eine Durchmischung auch immer mehr Austausch, mehr soziale Kompetenz bedeutet. Das halten wir für enorm wichtig.

Wir sind der Ansicht, dass man die sogenannte Vorschule und die ersten zwei Volks­schulklassen komplett neu organisieren müsste. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür sind schon seit 1999 und 2000 da, aber die organisatorische Umstrukturierung noch nicht. Wenn man eine Art Grundstufe schaffen würde, die die Vorschule und die ersten zwei Volksschulklassen miteinander verbindet, schafft man ungemein viele Vor­teile.

Kinder, die zum Zeitpunkt der Schuleinschreibung noch nicht schulreif sind, haben wäh­rend dieser flexiblen Schuleingangsphase die Möglichkeit, Defizite aufzuholen und das regulär zu durchlaufen, ohne dass sie gleich Klassen wechseln müssen oder Sonsti­ges. Kinder mit Problemen in der Unterrichtssprache haben durch so ein flexibles Mo­dell viel Zeit, Sprachen zu lernen, Deutsch zu lernen, aber auch ihre eigene Mutter­sprache zu lernen. Der Vorteil für Schulen in sozialen Brennpunkten ist, dass es eine stärkere Durchmischung in den Klassen gibt und damit auch die soziale Kompetenz gesteigert werden kann.

 


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