Was erleben wir jedoch heute? – Einen Paradigmenwechsel: Für viele ist Europa heute nicht mehr die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, sondern die personifizierte Angst vor der Verschlechterung derselben. Alles, was irgendwo nicht richtig läuft, wird sehr schnell Europa in die Schuhe geschoben. Das kann natürlich auf Dauer nicht gut gehen, und das ist auch nicht gut gegangen.
Europa steckt zurzeit in einer ziemlich komplexen Krise oder, besser gesagt, einer Vielzahl von Krisen – in einer Multikrise, wenn Sie so wollen. Das ist so ähnlich wie bei Patienten: Wenn Sie einen Patienten haben, der viele Krankheiten auf einmal hat, dann ist der Fall besonders schwierig.
Wir haben zurzeit über den Brexit zu diskutieren. Das gehört natürlich auch zum Leben. Zwangsehen sind nie gut, und wenn jemand eine Gemeinschaft verlassen will, dann muss er eben gehen. Nur wird das jetzt Monate und Jahre das Interesse in Europa fokussieren, das wir eigentlich für ganz andere Dinge brauchen. Dann hatten wir eine sehr heftige Finanzkrise, die wir übrigens immer noch haben, die nur deshalb nicht so prominent im Vordergrund steht, weil es mittlerweile andere Krisen gibt, die noch größer geworden sind. Das ist einerseits die gesamte Flüchtlingsproblematik, die Sie ja gerade in Österreich auch sehr hautnah erleben, und andererseits die sehr schwierig gewordenen Verhältnisse zur Nachbarschaft, unter anderem zur Russischen Föderation oder zur Türkei, um einmal zwei Beispiele zu nennen.
Wenn Sie das alles dann noch damit verbinden, dass wir mit großer Begeisterung eine Währungsunion beschlossen haben und damit die Staaten dazu verpflichtet haben, auf das Abwertungsinstrument oder auf Einflüsse auf die Inflationsentwicklung zu verzichten, ohne aber gleichzeitig auch die Wirtschaftspolitik, die Steuer- und Abgabenpolitik besser zu integrieren, dann haben Sie genügend Themen, mit denen Sie sich beschäftigen können und wo eine Krise die andere jagt. Das Ganze zusammen ist ein sehr, sehr unbekömmlicher Cocktail.
Sollte man da nicht, wie viele sagen, auch in Österreich die Europäische Union abschreiben und feststellen: Da haben wir historisch den falschen Weg beschritten, wir wollen da raus, wir machen etwas anderes, wir kommen wieder zurück zu der Nationalstaatenpolitik früherer Jahrhunderte? – Diese Frage ist legitim. Sie kann aber meiner Meinung nach nur mit Nein beantwortet werden. Wenn wir uns nämlich die Welt anschauen, dann werden wir feststellen, dass wir weltweit vor einer ganzen Menge großer Herausforderungen stehen – von der Friedenssicherung über die Umweltpolitik bis zur demographischen Entwicklung und noch vielem mehr –, die man auf keinen Fall alleine als Nationalstaat meistern kann. Da ist es absolut notwendig, mindestens auf kontinentaler Ebene zusammenzuarbeiten, und das gilt ganz bestimmt für die Positionierung Europas in der Welt.
Dieser Eurozentrismus, wo wir der ganzen Welt zeigen, wo es langgeht, ist schon längere Zeit vorbei. Es hat sich in der Welt vieles verschoben. Wenn man einmal die Weltkarte auf den Tisch legt und schaut, wie klein Europa eigentlich im Vergleich zum Rest der Welt ist und wie sehr Europa dann auch noch durch Grenzen zerstückelt ist – das ist der Kontinent mit der höchste Dichte an Grenzen –, dann wird einem relativ schnell dämmern, dass da Zusammenarbeit und Gemeinsames wahrscheinlich die einzig wünschenswerte Alternative zum Herangehen an die großen Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts darstellen.
Was muss denn nun geschehen? – Meiner Meinung nach brauchen wir eine ziemlich schonungslose Analyse der Schieflagen, in die Europa geraten ist und aus denen Europa wieder heraus muss, wenn es die Zukunft erfolgreich gestalten will. Wenn man sich diese Schieflagen etwas näher anschaut, dann wird man feststellen, dass gerade den Regionen bei der Bewältigung dieser Herausforderung eine durchaus wichtige und
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