BundesratStenographisches Protokoll883. Sitzung, 883. Sitzung des Bundesrates am 12. Juli 2018 / Seite 18

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die Hermeneutik, die Deutung und Textanalyse, um zu Interpretationen und zu Schlüs­sen zu kommen und Ursachen- und Wirkungsforschung, um Ergebnisse und Erkennt­nisse erzielen zu können.

Die Wissensorte sind zweifelsohne die Universitäten, die öffentlichen Universitäten, die in Österreich an vorderster Stelle stehen. Thun-Hohenstein hat Mitte des 19. Jahrhun­derts die Forschung an die Universitäten gebracht und seine Thun-Hohenstein’sche Universitätsreform ist beispielgebend bis heute: die Lehr- und die Lernfreiheit, die In­tegration, die Forschung an den Universitäten und die Unterteilung in Lehre und Wis­senschaft.

Im Staatsgrundgesetz von 1867 heißt es: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ Das steht bis heute in unserer Verfassung und ist gültiges Paradigma für die Wissen­schaft in Österreich.

Im 19. Jahrhundert gab es vier Fakultäten: die Medizin, die Jurisprudenz, die Theologie und die Philosophie. Die Philosophie teilte sich dann in die Geistes-, Natur- und So­zialwissenschaften auf. Heute hat die Universität Wien 15 Fakultäten und feierte vor drei Jahren ihr 650-jähriges Bestehen.

Was ist Wissenschaft? – Max Weber, der große Soziologe, definiert Wissenschaft ei­gentlich am besten. 1917 schrieb er den aufsehenerregenden Artikel „Wissenschaft als Beruf“. Berufung zum Wissenschafter muss gegeben sein, wenn Kreativität, Speziali­sierung und eine Arbeitsmethodik vorhanden sind, wobei als Grundvoraussetzung im­mer – und das vergisst die SPÖ immer – Leidenschaft dahinter sein muss. Es geht nicht immer ums Geld, es geht um Leidenschaft. Das ist eine ganz wichtige Voraus­setzung dafür, dass erkenntnistheoretische Ergebnisse gelingen mögen. Erkenntnis­theorie hat immer auch mit Neuem zu tun.

Max Weber sagt auch, die Universität ist der zentrale Ort der Wissenschaft. – Seit dem 19. Jahrhundert hat das in Österreich besondere Gültigkeit.

Gehen wir ins 20. und 21. Jahrhundert: Der große amerikanische Wissenschaftstheore­tiker Thomas Khun ist leider schon verstorben und hat damit den Digital Turn nicht mit­erlebt, aber wenn man seinen Paradigmenwechsel auf das Zeitalter der Digitalität über­trägt, so ist die Wissensform dem größten Wandel ausgesetzt, dem Umstieg – um ei­nen Bogen über die tausendjährige Geschichte zu spannen – von den Handschriften über das Buch, vom Buch über das Zeitalter der Digitalität auf den Personal Computer.

Christoph Meinel, ein deutscher Wissenschafter für Informatik, hat vor Kurzem in sei­nem Buch „Instrument – Experiment“ geschrieben: Mit der Wende zum 21. Jahrhundert erlebte die experimentelle Forschung unter Verwendung wissenschaftlicher Instrumen­te einen wahren Hype. Das Instrument und das Labor sind die Mittel, um über das Experiment praxisbezogene Theorien zu explorieren, also zu erforschen. – Zitatende.

Der Digital Turn, die Informatik als Schnittstelle, ist auch für die Geisteswissenschaften nicht zu vergessen, hier gibt es eine Symbiose zwischen allen Wissenschaften, näm­lich Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Eine In­terdisziplinarität – fächerübergreifend – ist besonders wichtig.

Dieser Digital Turn wirft aber noch immer aktuelle Fragen auf, auf die ich kurz einge­hen möchte: Beim digitalen Archiv und bei der digitalen Bibliothek, beim Onlinezugriff auf den Volltext hat Österreich noch Nachholbedarf. Dies ist auch beim Scannen von Büchern der Fall, womit ich aber nicht das Scannen eines Zettelkastens, der dann online gestellt wird, meine, sondern das Scannen des Volltexts, damit das ganze Buch online gelesen werden kann. Da sind zum Beispiel Kanada und die USA Vorbild, denn wenn man dort in einem Buch online umblättert, hört man sogar das Rascheln des Blattes mit. Das wird online besonders eindrucksvoll dargestellt, damit es auch wirklich beim Wissenschafter und Forscher selbst ankommt.

 


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