BundesratStenographisches Protokoll937. Sitzung, 937. Sitzung des Bundesrates am 3. Februar 2022 / Seite 20

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der Lehre machen. 50 Prozent der Jugendlichen in Vorarlberg machen eine Lehre und kriegen einen Job, und zwar in einer wirklich ausgezeichneten Wirtschaftsstruktur. Das ist eine Topausbildung. Von diesem Niveau aus diskutieren wir. Bei uns versteht nie­mand, warum das, wenn man von Pflegelehre redet, etwas Schlechtes sein soll (Zwi­schenruf der Bundesrätin Schumann), weil bei uns die Lehre an sich etwas Gutes ist. (Beifall bei der ÖVP, bei BundesrätInnen der Grünen sowie des Bundesrates Hübner. – Bundesrätin Schumann: Die Gewerkschaft schon!)

Ich möchte Ihnen einen zweiten Gedanken mit auf den Weg geben, bevor automatisierte Widerstände entstehen – sie sind nämlich eher automatisiert, habe ich den Eindruck, also stereotype Widerstände. Schauen Sie sich einmal an, wie man in der Industrie einen Fachkräftemangel bekämpft! Da passiert Folgendes: In jeder Altersklasse – die begin­nen, glaube ich, schon im Kindergarten, jedenfalls sicher bei den 14-, 15- und 16-Jähri­gen – wird eine hoch qualifizierte Ausbildung angeboten. Wenn Sie einen Fachkräfte­mangel bekämpfen wollen, dann brauchen Sie das auch.

Sie dürfen in Wahrheit keine Alterskategorie auslassen. Wenn Sie den jüngeren Leuten, die Sie vielleicht später einmal gerne für die Pflege hätten, wenn Sie Leuten dieser Al­tersgruppe gar nichts anbieten, dann werden sie schlichtweg woanders hingehen. Das sollte man nicht tun, sondern man sollte überlegen, in jeder Alterskategorie – in sehr durchlässigen Systemen, damit ich richtig verstanden werde – alles anzubieten. Das gilt auch für den Wiedereinstieg, das gilt für den Umstieg, da sind auch AMS-Mittel richtig einzusetzen – da muss nicht jeder immer arbeitslos sein, damit er umgeschult werden kann, das muss auch anders laufen. Sie brauchen aber auch für die ganz Jungen eine Möglichkeit, man sollte schon dort ganz vorsichtig und sanft beginnen. – Ich kenne auch die Gegenargumente dazu.

Ich bitte Sie, mir einfach eines abzunehmen: Wenn wir in Vorarlberg ein Modell bauen, dann bauen wir ein gutes Modell, weil wir das Land der Lehre sind. Ich weiß nicht, ob man das überall so sagen kann, aber von uns weiß ich es, denn es gibt eine Riesener­fahrung, eine jahrzehntelange Erfahrung mit der Entwicklung von Lehrberufen.

Sie können auch davon ausgehen, dass wir die Argumente kennen. Niemand von uns will einen 15- oder 16-Jährigen oder welchen Alters auch immer unvorsichtigerweise in irgendeine Situation, die zu belastend ist, hineinmanövrieren. Niemand von uns will das, auch darüber denken wir nach. Es gibt Modelle, bei denen das funktioniert. Wenn man das gut und schrittweise macht, bekommt man schlichtweg das Interesse der Jugendli­chen für diese Art des Berufs. Wer das gut aufbaut, wird später womöglich eine Hilfe­stellung haben, dass genügend Fachkräfte vorhanden sind.

Bei der Pflege geht es noch um vieles. Ein Satz noch dazu: Beim Thema Föderalismus und Pflege ist mir wichtig, zu sagen – weil ich da auch meine Sorgen habe –: Achten Sie auch darauf, wir tun es ganz sicher, dass wir in der Pflege gar keine Zentralisierung brauchen. Wenn Sie wollen, dass Pflege funktioniert, dann brauchen Sie in Wahrheit die Gemeinden dazu. Sie müssen an den Nahraum herankommen. Sie brauchen starke ländliche Regionen. Sie brauchen die mobilen Dienste, Sie brauchen die Hauskranken­pflege, und zwar flächendeckend organisiert, um überhaupt damit fertig zu werden, sonst haben wir gar keine Chance, diese demografischen Veränderungen überhaupt zu be­wältigen – auch nicht mit mehr Personal.

Das heißt, Sie müssen alles dazu tun, dass Pflege im Nahraum funktioniert. Da braucht es auch ein bisschen Mut für Spielraum. Also definieren wir nicht Standards, die nicht erfüllt werden können, sondern vernünftige Standards, keine übererfüllenden, keine übertriebenen. Schauen wir, dass Pflege vor Ort auch in der Familie funktionieren kann! Wer selber Pflegesituationen in der Familie erlebt, der kann ein Buch darüber schreiben, insbesondere wenn Demenz dahintersteht; darüber können wahrscheinlich viele von uns


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