BundesratStenographisches Protokoll937. Sitzung, 937. Sitzung des Bundesrates am 3. Februar 2022 / Seite 170

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der um 20 Euro Internetatteste für Impfunfähigkeit ausstellt (Bundesrat Kornhäusl: Was? Große Ikone der Freiheitlichen!): Wenn ich in wissenschaftlichen Datenbanken genau diese Namen eingebe, dann komme ich zu keiner einzigen Forschungsarbeit, sondern ich stoße auf gefährliche Falschinformationen, die vielen Menschen das Leben kosten, beispielsweise wenn sie Wurmmittel einnehmen.

Probieren Sie es mit anderen Namen! Nehmen Sie zum Beispiel Christian Drosten, dann sehen Sie, dass seine Arbeiten in den Fachjournalen letztes Jahr 15 000 Mal zitiert wur­den, und ich denke, allein diese Zahl spricht für sich. (Zwischenruf der Bundesrätin Schartel.)

Wem also glauben? – Dem Virologen oder doch lieber dem selbst ernannten Social-Media-Experten? Wir haben, das habe ich zuvor schon erwähnt, eine Neigung zum so­genannten Wunschdenken. Man spricht in diesem Zusammenhang auch noch von einem anderen wissenschaftlichen Phänomen, nämlich von der sogenannten kognitiven Dissonanz. Das ist ein als unangenehm empfundener Gefühlszustand, den man mit Handlungen – meist sind es Trotzreaktionen – wieder ausgleichen kann.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür: Wir alle wünschen uns eine Impfung gegen Krebs. Die gibt es, es gibt eine einzige, direkte und vor allem auch wirksame Impfung gegen Krebs, und zwar jene gegen Gebärmutterhalskrebs. Dennoch liegt die Impfquote bei circa 50 Prozent (Zwischenrufe bei der FPÖ), obwohl sich 80 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen im Laufe ihres Lebens zumindest einmal mit HPV-Viren infizieren. Nehmen wir die Zahlen aus Deutschland her: Dort sterben jährlich sogar 1 600 Frauen daran.

Genau da kommen wir wieder zur kognitiven Dissonanz: Es ist menschlich, dass wir Angst vor einer Impfung haben, dass wir Angst vor manchen Nebenwirkungen haben. Das ist menschlich und auch legitim, und deshalb suchen wir nach Argumenten. Wir werden fündig, wir werden auch im Netz fündig, weil es ein Leichtes ist, dort Studien zu finden; es ist aber auch ein Leichtes, wissenschaftliche Studien zu fälschen und in Um­lauf zu bringen.

Genau das schadet der seriösen Wissenschaft. (Zwischenruf des Bundesrates Span­ring.) Nehmen wir zum Beispiel den MRNA-Impfstoff her: Um die Vision vom MRNA-Impfstoff tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen, war in den vergangenen 30 Jahren die Arbeit von Hunderten Forschern und Forscherinnen nötig. Dadurch wurden Tausen­de Menschenleben gerettet.

Wir kommen noch zu einem anderen Thema, weil ich immer wieder gehört habe: valide Daten, evidenzbasierte Handlungen. (Zwischenruf der Bundesrätin Steiner-Wieser.) Ich zitiere hier einen der bekanntesten Pandemieerklärer Österreichs, Prof. Gartlehner von der Donau-Uni: Im Prinzip geht es bei der medizinischen Entscheidungsfindung um ein Zusammenspiel aus drei verschiedenen Säulen: zum Ersten das, was die Wissenschaft zeigt, zum Zweiten das, was die klinische Erfahrung des Arztes, der Ärztin zeigt, und die dritte Säule steht für die Werte und Präferenzen der Patienten. Wenn diese drei Säulen zusammenspielen, kann man eine gute, informierte Entscheidung treffen.

Evidenzbasierte Handlungen, in diesem Fall evidenzbasierte Medizin, bedeuten also nicht, dass man einfach nur Zahlen und Fakten nimmt und nach diesen handelt, sondern es braucht tatsächlich jede dieser drei Säulen. Daten haben wir genug, gerade im Fall der Covid-Impfung. Zum Impfstoff von Pfizer zum Beispiel gibt es eine Studie mit mehr als 40 000 Personen und zusätzlich Real-World-Data, weil die Impfstoffe mittlerweile mil­liardenfach verimpft wurden und ihre Wirksamkeit auch gezeigt haben.

Meine geschätzten Damen und Herren, ich komme auch schon zum Schluss. Nein, es wird niemand zur Impfung gezwungen (heftiger Widerspruch bei der FPÖ), denn wir be­schließen heute keinen Impfzwang, sondern eine Impfpflicht. Pflicht hat für mich etwas


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