Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 77. Sitzung / Seite 120

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Neben den hohen volkswirtschaftlichen Kosten ist das "Sitzenbleiben", vor allem auch vom pädagogischen Gesichtspunkt gesehen, außerordentlich sinnlos. Wegen "Nichtgenügend" in ein oder zwei Fächern auch alle anderen Gegenstände wiederholen zu müssen, ist nicht nur sinnlos, es ist vor allem demotivierend. Ganz zu schweigen von den sozialen Folgen des "Sitzenbleibens": Herauslösen aus dem Klassenverband, öffentliche Stigmatisierung etc.

Die Willkür, mit welcher in Österreich mittels des Repetierens über SchülerInnenkarrieren entschieden wird, zeigt der österreichweite Vergleich der RepetentInnenzahlen: Während im bundesweiten Durchschnitt "nur" 4,6 Prozent aller SchülerInnen das Klassenziel nicht erreichen, gestalten sich die Chancen in den einzelnen Bundesländern äußerst unterschiedlich. Laut einer Studie des ÖSTAT über das Schuljahr 1994/95 haben die steirischen SchülerInnen, statistisch gesehen, doppelt so gute Chancen wie ihre Wiener KollegInnen. In der Steiermark schließen mit 3,4 Prozent anteilsmäßig nur halb so viele SchülerInnen negativ ab wie in Wien mit einer "SitzenbleiberInnen-Quote" von fast 7 Prozent!

Im Gleichklang mit der Erhöhung der RepetentInnenzahlen findet an Österreichs Schulen eine Verabschiedung aus der pädagogischen Verantwortung statt. Seit Jahren nehmen die privaten Aufwendungen für Nachhilfeunterricht kontinuierlich zu. 1996 hat eine repräsentative Umfrage der Arbeiterkammer Oberösterreich ergeben, daß die Ausgaben für Nachhilfe bereits auf 1,6 Milliarden Schilling pro Jahr gestiegen sind. Bereits rund 40 Prozent aller SchülerInnen brauchen außerhalb des Unterrichts eine/n LernhelferIn. 80 Prozent der Eltern sind der Meinung, daß in der Schule zu wenig erklärt würde. 75 Prozent der Eltern berichten, daß ihre Kinder über Lernstreß und Überlastung klagen, fast zwei Drittel gaben an, daß ihr Kind zumindest manchmal an Schul- und Prüfungsangst leidet.

5. Die zersplitterte Struktur des österreichischen Schulsystems führt zu hohen Kostenbelastungen und verursacht pädagogische wie organisatorische Probleme.

Österreich leistet sich mit der frühen Segmentierung der Bildungsinstitutionen in Hauptschulen und Berufsbildende Höhere Schulen einerseits und Allgemeinbildende Höhere Schulen andererseits den Luxus eines im internationalen Vergleich hochgradig zersplitterten, pädagogisch fragwürdigen und überaus teuren Schulsystems. Die bereits Jahrzehnte währende Diskussion über dieses Thema zeigt, daß die eigentlichen Gründe für die Reformblockade in der ideologischen Erstarrtheit der verantwortlichen PolitikerInnen liegt.

Währenddessen ist die Schulrealität längst über diese verordnete Selektion hinweggeschritten. Die Struktur der Übertrittsraten von der Volksschule zur Hauptschule oder AHS ergibt sich viel stärker aus der regionalen Verteilung als irgendeiner ohnehin nicht überprüfbaren begabungsmäßigen Verteilung. So steigen in Wien bereits über 60 Prozent der SchülerInnen in eine AHS oder eine Gesamtschule um; wobei auch innerhalb Wiens starke Unterschiede auftreten, die die Abhängigkeit von der sozialen Schichtung deutlich erkennen lassen: So wechselten im Schuljahr 1996/97 im 1. Bezirk über 80 Prozent in eine AHS, im 13. Bezirk waren es 76 Prozent und im 18. Bezirk 67 Prozent. Völlig anders ist die Situation jedoch in eher ländlich geprägten Gebieten. Dort wird nicht zuletzt mangels ausreichender AHS-Standorte  von zwei Dritteln der SchülerInnen nach der Volksschule vorerst ein Wechsel in die Hauptschule vorgezogen, wodurch sich gesamtösterreichisch ein zu den Großstädten konträres Bild ergibt. Die Übertrittsraten liegen hier in einem Verhältnis von 70 : 30 im Vergleich der Hauptschule mit den AHS.

Die Irrationalität dieser viel zu frühen äußeren Differenzierung bzw. der inhärente Mechanismus zur Fehlentscheidung zeigt sich an den weiteren Laufbahnentscheidungen der österreichischen SchülerInnen. Während ca. 30 Prozent der AHS-SchülerInnen am Ende der Unterstufe in eine BHS wechseln, wählen umgekehrt ca. 35 Prozent der HauptschülerInnen den weiterführenden Bildungsweg zur Matura über eine AHS oder BHS, sodaß sich die Frage stellt, wozu die frühe Segmentierung dient, wenn diese für ein Drittel der SchülerInnen zu Fehlentscheidungen führt. Schließlich treten bereits an die 50 Prozent der AbsolventInnen berufsbildender höherer Schulen anschließend in ein Universitätsstudium ein, um dort mit einem Jahr Verzögerung auf Ihre KollegInnen aus der Langform der AHS zu treffen.


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