Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 87. Sitzung / Seite 42

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Schauen Sie sich bitte die jüngste AMS-Statistik aus dem Monat September im Detail an. Die dort belegten Steigerungsraten der Lehrstellensuchenden vom Monat September im Jahr 1996 bis zum Monat September des heurigen Jahres sehen dramatisch aus. 14 Prozent im Durchschnitt! In einzelnen Bundesländern: in Niederösterreich 22 Prozent, im Burgenland 24 Prozent, in Oberösterreich 39 Prozent, in Salzburg 38 Prozent. Bei weiblichen Lehrstellensuchenden in Oberösterreich beträgt die Steigerung zirka 44 Prozent, und das innerhalb eines Jahres. Da hilft Gesundbeten nichts! Man muß dieser Bundesregierung den Vorwurf machen, daß sie erstens auf diese Problemlage viel zu spät reagiert hat und daß sie zweitens nicht an den Wurzeln des Problems ansetzt. (Abg. Dr. Partik-Pablé: Bei dieser Sachlage gibt es nur einen in Ihrer Fraktion, der darüber diskutiert? Das wundert mich!)

Eines der Hauptprobleme ist unbestritten die Tatsache  das bestätigen alle Fachleute aus der Wirtschaft, aus der Arbeiterkammer , daß viele Betriebe jegliche Ausbildung von Jugendlichen verweigern und fertig ausgebildete Jugendliche den Betrieben, die bisher die Ausbildung von Jugendlichen durchgeführt haben, abwerben. Etliche Unternehmer werden damit zu Schwarzfahrern des eigenen Systems, des realisierten und vorhandenen Systems, und genau diese Situation kann man nur durch einen betrieblichen Ausgleichsfonds stoppen, indem jene Betriebe belohnt werden, die Jugendliche ausbilden, und jene Betriebe, die die Ausbildung von Jugendlichen verweigern  das sind über 80 Prozent der Betriebe , einen finanziellen Beitrag leisten müssen.

Das wäre eine ganz konkrete Maßnahme! Mir ist klar, warum diese Maßnahme nicht realisierbar ist: weil dort, wo konkrete Konzepte auf dem Tisch liegen, diese Bundesregierung so in unterschiedliche Interessenkonflikte verstrickt ist, daß sie reformunfähig geworden ist. Das ist einer der Hauptgründe!

Genau die gleiche Situation finden wir bei den Berufsbildern vor. Wirtschaftsminister Farnleitner verspricht seit Monaten, daß es bei den Berufsbildern zu konkreten Reformen kommen wird, etwa zu Modernisierungen, zu Erweiterungen in den Bereichen Umweltberufe und EDV-Berufe oder in dem großen Bereich der neuen Dienstleistungsberufe, die die eigentliche Zukunftschance darstellen. Was ist bisher passiert? Herzlich wenig!

Oder: Das zunehmende Lehrlingsproblem hat ja auch mit der Wirtschaftsstruktur zu tun. Viele kleine Greißlerbetriebe waren früher diejenigen, die Lehrplätze geschaffen beziehungsweise angeboten haben. Mit dem dramatischen Greißlersterben, mit dem Sterben im Bereich der Nahversorgung fällt diese Möglichkeit weg, und von den Großbetrieben wissen wir, daß sie kaum Lehrlinge beschäftigen beziehungsweise Lehrplätze anbieten.

Es muß in Österreich ... (Zwischenruf des Abg. Koppler. ) Kollege Koppler! Ich meine jetzt nicht deine VOEST (Abg. Koppler: Das ist nicht meine VOEST! Wenn ich das sagen würde, wäre ich überheblich!) , wo es ja Initiativen gibt, und ich meine auch nicht den industriellen Bereich, sondern ich meine den Handelsbereich. Wenn man die Supermarktketten mit den vielen kleinen Greißlern vergleicht, so wird man draufkommen, daß die Aktivität, was die Lehrlingsbeschäftigung betrifft, bei den kleinen Strukturen deutlich höher war. Das ist auch verständlich und erklärbar.

Nächster Punkt, und der ist auch ganz wichtig: Es muß seitens der Politik das Bekenntnis geben, daß jeder Jugendliche ein Recht auf Ausbildung hat. Das muß in unserem Land ein Grundrecht sein, und das gehört meiner Ansicht nach auch in der Verfassung verankert.

Wenn ich mir anschaue, wie die Bundesregierung und auch die Freiheitlichen den Themenbereich Jugendarbeitslosigkeit auf die Lehrstellenfrage reduzieren, dann stelle ich einen sehr verengten Jugendbegriff fest. Keine Rede war heute hier bisher von den vielen Schulabgängern, die keinen Job finden, von den Junglehrern, die sich in einer extremen Beschäftigungslage befinden, von den Jungakademikern, die in vielen Bereichen keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz haben. Das hat natürlich sehr viel mit dem De-facto-Aufnahmestopp im öffentlichen Bereich zu tun, der da natürlich voll durchschlägt.


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