Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 106. Sitzung / Seite 192

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Herr Kollege Lukesch! Wenn Sie all jenen, die nicht in Latein maturiert haben, von vornherein Bildungsdefizite unterstellen, dann empfinde ich das als Anmaßung, als Diskriminierung und als geradezu  gestatten Sie mir die Verwendung dieses Begriffs  überheblich! (Beifall beim Liberalen Forum.)

Sie diskriminieren damit rund 70 Prozent der österreichischen Maturanten und Maturantinnen, die nicht in Latein maturieren. Sie diskriminieren damit jedenfalls jene 55 Prozent, die an berufsbildenden höheren Schulen maturieren und die interessanterweise zu 30 Prozent an die geisteswissenschaftliche Fakultät wechseln. (Abg. Dr. Lukesch: Dort ist aber Latein Voraussetzung!) Sie unterstellen all jenen Studierenden, daß sie nicht in der Lage seien, dort wissenschaftlich zu arbeiten und wissenschaftlich zu denken, weil sie in Latein nicht maturiert haben. Sie unterstellen all jenen, die über eine Studienberechtigungsprüfung an die Universität kommen, dort zum Beispiel Jus studieren und nur ein Fachvokabular zu erlernen haben  fragen Sie an der Innsbrucker Uni einmal nach, dort dürften Sie ja entsprechende Zugänge haben! (Abg. Dr. Lukesch: Seien Sie nicht so arrogant!)  , daß sie nicht in der Lage seien, gute Juristen zu werden! Das muß ich einfach von mir weisen! (Beifall beim Liberalen Forum.)

Diese Meinung  jetzt möchte ich noch an Kollegen Spindelegger mein Wort richten, der meint, Latein wäre die Voraussetzung dafür, daß man überhaupt ein Verständnis im Bereich Jus entwickeln kann  teilt jedenfalls der Dekan der juridischen Fakultät an der Uni Wien nicht. Er meint vielmehr, daß für ein Jusstudium Lateinkenntnisse an sich nicht erforderlich sind. Und das deckt sich auch ganz genau mit meinen persönlichen Erfahrungen! (Abg. Dr. Lukesch: Was ist mit "an sich" gemeint?)

Herr Kollege Lukesch! Ich habe mir die Vorbereitungskurse für Latein an der Innsbrucker Universität angesehen. Die hehren Zielsetzungen, von denen Sie hier reden, werden dort nicht einmal angestrebt, geschweige denn umgesetzt. Es gibt dort keinen einzigen praxisorientierten oder fachspezifischen Ansatz. Ich habe dort die Prüfung selber abgelegt, Herr Kollege Lukesch, und zwar nicht vor 20 Jahren, sondern vergangenes Jahr. Das ist die Realität an den Universitäten in Österreich! (Beifall beim Liberalen Forum.  Abg. Dr. Haselsteiner: Die Realität geht am Kollegen Lukesch vorbei!)

Herr Kollege Lukesch! Ich habe diese Lateinprüfung als sinnlose Zeitverschwendung und als Geldverschwendung empfunden, wie viele andere Studierende auch. Einige Lerninstitute in Innsbruck leben von diesen Vorbereitungen auf die Lateinprüfungen. Auch das muß man in Anbetracht der sehr beschränkten finanziellen Situation einzelner Studierender bedenken. Ich habe nicht aus Ablehnung gegenüber Latein einen anderen Bildungsweg gewählt, Herr Kollege Lukesch! (Abg. Dr. Lukesch: Haben Sie schon die Prüfung in Römischem Recht abgelegt?) Selbstverständlich! Und ich habe Latein keine Sekunde vermißt, auch nicht in Rechtsgeschichte. Es ist vielleicht auch eine Frage des Verständnisses, wie man an Sachen herangeht! (Beifall beim Liberalen Forum.)

Jedenfalls haben sich durch diese Lateinprüfung meine Geschichtskenntnisse nicht erweitert, und ich habe heute nicht mehr Ahnung von der europäischen Philosophie, die Sie immer wieder damit in Verbindung bringen. Ich habe vor dem Latinum bereits eine Lehramtsprüfung für Englisch abgelegt und auch in zwei weiteren Fremdsprachen maturiert. Das nur zu Ihrer Information!

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich komme zum Schlußsatz: Ich halte es für eine ideologische Anmaßung von Ihrer Seite, Herr Kollege Lukesch, wenn Sie Tausende Studentinnen und Studenten zwingen, etwas zu lernen, das ihnen nach ihrem persönlichen Verständnis und in der Realität, die sie vorfinden, keinen Vorteil bringt, und schon gar nicht jene Vorteile, die Sie hier so unnütz beschwören! (Beifall beim Liberalen Forum.)

21.11

Präsident Dr. Heinz Fischer: Nächster Redner ist Herr Abgeordneter Dr. Stippel.  Bitte.


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