Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 180. Sitzung / 70

sehr wohl als einen Prozeß, der Zeit und auch Geld brauchen wird. Aber ich bin auch deswegen für diese Abschaffung, weil es mir um den Schutz von Menschen geht.

In dieser Frage geht es mir gar nicht einmal primär um den Tierschutz, von dem Sie wissen, daß er mir sonst ein sehr wichtiges Anliegen ist. In dieser Frage bin ich davon überzeugt, daß es in erster Linie und vor allem um den besseren Schutz von Menschen geht, vielleicht auch um eine andere Einstellung in bezug auf die Zulassung von Chemikalien, Arzneimitteln und neuen Verfahren. Ich denke dabei zum Beispiel auch an die Gentechnik und an Freisetzungsexperimente in der Landwirtschaft.

In diesem Bereich hat sich durch eine sehr schrankenlos praktizierte Wirtschaftsfreiheit doch ein sehr hohes Maß an Leichtfertigkeit eingestellt. Der kurzfristige Profit hat Vorrang vor Überlegungen zur Nachhaltigkeit und hat vor allem Vorrang gegenüber der Frage: Brauchen wir das überhaupt: das ich weiß nicht wie vielte Kopfwehmittel, das soundsovielte Produkt einer anderen Firma, das im wesentlichen eigentlich dasselbe leisten soll wie ein Produkt, mit dem PatientInnen und Ärztinnen und Ärzte bereits seit geraumer Zeit umgehen und von dem sie wissen, wie es wirkt?

Heute sagen wir, ja, es ist die Freiheit der Wirtschaft, immer neue Produkte auf die Märkte zu werfen, und das Mittel, das dazu verwendet wird, ist der Tierversuch. Aber die eigentliche Frage, die zu stellen wäre, lautet: Wie zuverlässig ist das Produkt? Wie weit sind die Ergebnisse übertragbar?

Daß dazu dann noch die Punkte kommen, die in dieser Novelle angesprochen sind  der Bereich der Kosmetik, wo die Versuche ganz besonders unverständlich sind , das ist eher, so würde ich sagen, sehr vordergründig. In Wirklichkeit geht die Frage ja weiter. Herr Abgeordneter Leiner hat es auch angesprochen: Es gibt zahlreiche Arzneimittelflops. Das betrifft Arzneimittel, die bereits für den Menschen zugelassen waren, aber zurückgenommen werden mußten, weil sie völlig unerwartete, im Tierversuch nicht erkennbare schwerste Nebenwirkungen gezeigt haben.

Es gibt noch ein Problem im Bereich der medizinischen Forschung, nämlich die Leichtfertigkeit. Ich bin immer wieder entsetzt darüber, wenn ich höre, daß es sogenannte Lifestyle- und Modepillen gibt, wie etwa zurzeit das durch alle Medien geisternde Viagra, das auch mittlerweile wohl mehr als nur im Verdacht steht, Todesfälle bei Menschen ausgelöst zu haben. Trotzdem ist es quasi schick, fast eine Partydroge. Ich denke, diese Haltung wird auch durch die Art des Forschens begünstigt, und diese Leichtfertigkeit gilt es eigentlich zu bekämpfen. Es geht darum, statt dessen einen sorgfältigeren Umgang mit Arzneimitteln, mit Chemikalien zu propagieren.

Meine Damen und Herren! Ich hatte Gelegenheit, an einem wissenschaftlichen Kongreß zum Thema Tierversuche im heurigen Frühjahr in London teilzunehmen. Dort haben die teilnehmenden Ärzte vor allem danach getrachtet, Verbesserungen für die Patientinnen und Patienten anzuregen. Es wurde im Rahmen dieses Kongresses ein Dokument verabschiedet, das die bessere Information von Patientinnen und Patienten vorsieht, nämlich den "informed consent".

Die Ärzte schlagen vor und regen dringend an, daß man die Menschen darauf aufmerksam machen soll, daß der Tierversuch kein sicheres Indiz dafür ist, daß in der menschlichen Anwendung Gefahren vermieden werden können. Das heißt, daß mittlerweile  das geht aus Studien der "Food and Drug Administration" hervor  davon auszugehen ist, daß wohl bei mehr als der Hälfte der Präparate schwerwiegendste, nicht im Tierversuch erkannte Nebenwirkungen auftreten. Das wissen die Menschen aber nicht!

Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen, als ich vor zwei Tagen durch das Wiener AKH gegangen bin und gesehen habe, daß mittlerweile per Aushang menschliche Versuchskaninchen gesucht werden! (Die Rednerin hält ein Schriftstück mit der Überschrift "Gesunde Rhesus-negative Männer gesucht" in die Höhe.)

Darin steht kein Wort von Gefahren, kein Wort von Risiko! Es heißt nur: "Sie werden für den entstandenen Zeitaufwand finanziell sehr gut entlohnt."  Wissen Sie, was das heißt in Zeiten, in


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