Nationalrat, XXV.GPStenographisches Protokoll188. Sitzung / Seite 29

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Bei einem Blick in die Vergangenheit kann man sehr viel für die Zukunft lernen und mitnehmen. Erlauben Sie mir daher einen gemeinsamen Blick in die Vergangenheit: Im Jahre 1918 wurde Tirol geteilt, Südtirol wurde abgetrennt; die Großmächte und das Schicksal wollten es so. Südtirol nahm eine leidvolle Geschichte. Das Land wurde italianisiert, die deutsche Sprache wurde in vielen Bereichen verboten, die Menschen wurden zu einer Minderheit in Italien. Mit der Option Ende der Dreißigerjahre wurden Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, Menschen wurde alles genommen, ganze Familien wurden zerrissen.

Südtiroler Siedlungen, Südtiroler Namen, Südtiroler Trachten, Südtiroler Vereine quer durch Österreich verstreut erinnern noch an die aus der Heimat vertriebenen Lands­leute.

Der Zweite Weltkrieg zog ins Land. Im Jahre 1946 schließlich wurde mit dem Pariser Abkommen, das wir alle unter dem Namen Gruber-De-Gasperi-Abkommen kennen, ein Vertrag abgeschlossen, mit dem die Grundlage für die Autonomie Südtirols geschaffen wurde. Trotz dieses Vertrags gab es Unzufriedenheit, Misstrauen und anhaltenden Widerstand zum Kurs aus Rom.

Auf Schloss Sigmundskron wurde im Jahre 1957 gefordert: Los von Trient! Politisch ging das knapp nicht durch, trotzdem gab es internationale Beachtung für die Südtirol­thematik.

Im Jahre 1960 brachte Bruno Kreisky das Thema für Österreich schließlich vor die UNO, und diese forderte die Streitparteien auf, den Konflikt einvernehmlich zu lösen. Im Juni 1961 – ich bin Baujahr 1960 – erreichte der Widerstand seinen Höhepunkt. In der sogenannten Feuernacht wurden über ganz Südtirol verstreut massive Spreng­stoffanschläge verübt; Infrastruktur wurde beschädigt. Die Freiheitskämpfer gaben ihre Antwort auf die Unterdrückung der Menschen in Südtirol und versuchten so, auf ihre Unzufriedenheit international aufmerksam zu machen. Es kam in der Folge zu vielen Verhaftungen, Folterungen und den sogenannten Schauprozessen – ein dunkles Kapitel in der Geschichte Südtirols.

Politische Verhandlungen in den Jahren 1960 und 1969 waren nicht von Erfolg ge­krönt, die Konflikte wurden nicht beigelegt. Erst nach mühseligen Verhandlungen trat im Jahre 1972 das sogenannte Zweite Autonomiestatut in Kraft. Es gab jedoch weiter Unzufriedenheit im Land Südtirol.

Der Durchbruch im Minderheitenkonflikt gelang erst im Jahre 1992, also viele Jahre später, mit der sogenannten Streitbeilegungserklärung. Darin erklärten sich Österreich und Italien bereit, den seit 1960 bei den Vereinten Nationen anhängigen Streit beizu­legen. Die Schutzfunktion Österreichs für Südtirol wurde außer Frage gestellt. Es war der kürzlich verstorbene damalige Außenminister Alois Mock, der mit hohem persön­lichem Einsatz die Streitbeilegungserklärung vor der UNO erkämpfte. Wir sind ihm dafür auch heute noch dankbar. (Beifall bei ÖVP und SPÖ sowie bei Abgeordneten von FPÖ, Grünen und NEOS.)

Dankbar sind wir aber auch jenen Menschen, welche immer für Südtirol gekämpft haben: Ludwig Steiner, natürlich auch Bruno Kreisky, Erwin Niederwieser – heute auf der Galerie anwesend –, dem ehemaligen Nationalratspräsidenten Andreas Khol und auch dem Landeshauptmann außer Dienst Alois Durnwalder, welche sich laufend und immerwährend für Südtirol eingesetzt haben.

Es hat sich in den Jahren seit 1992 vieles verbessert und entschärft. Die Südtirol­auto­nomie ist heute ein Vorbildmodell für das Zusammenleben von Minderheiten – in Europa, aber auch weltweit.

 


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