Nationalrat, XXV.GPStenographisches Protokoll197. Sitzung / Seite 91

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Ich beginne bei den Lehrerinnen und Lehrern. Wenn wir über Probleme im Schulsys­tem reden, dann haben Lehrerinnen und Lehrer oft das Gefühl, man wirft ihnen das vor. – Nein, Lehrerinnen und Lehrer arbeiten unter schwierigen Bedingungen und leis­ten hervorragende Arbeit. Morgen ist meines Wissens der Weltlehrertag, und ich möch­te das als Anlass nehmen, mich auch bei den Lehrerinnen und Lehrern zu bedanken, die tagtäglich im Klassenzimmer arbeiten und unter nicht ganz einfachen Bedingungen das Beste für unsere Kinder erreichen wollen. Dafür ein Dankeschön! (Beifall bei den Grünen und bei Abgeordneten der SPÖ.)

Wir müssen über die Probleme reden, denn wir wollen den Lehrerinnen und Lehrern unter die Arme greifen und wir wollen den Kindern unter die Arme greifen, damit wir nicht leere Reformdebatten führen, wo am Ende nichts im Klassenzimmer ankommt.

Das erste Problem beim Bildungssystem: Unser gesamtes Bildungssystem, Frau Bun­desministerin, ist defizitorientiert. Eltern und Kinder hören ständig, was Kinder nicht können. Es wird nicht über Talente geredet, es wird nicht über Stärken geredet. (Abg. Steinbichler: Das stimmt ja nicht!) Das wäre ungefähr so, wie wenn unser Ski-Natio­nalkader die Slalomläufer Abfahrt fahren schickt, weil sie beim Abfahrtfahren nicht gut genug sind, statt dass man darüber redet, dass sie im Slalomfahren Weltklasse sind. So würden wir keine einzige Olympiamedaille erlangen, wenn wir unseren Ski-National­kader nach den Prinzipien trainierten, wie die Schule funktioniert. (Beifall bei den Grünen.)

Das Ergebnis dieser Auffassung von Schule ist Frust bei den Eltern und Unlust am Ler­nen bei den Kindern – und das kann es nicht sein.

Zweites Problem: Unser Bildungssystem ist viel zu stark darauf ausgerichtet, Bildungs­karrieren zu beenden und nicht zu fördern. Das beginnt in der Volksschule. Die ge­samte Volksschule ist auf die Frage ausgerichtet: Kommst du ins Gymnasium oder kommst du nicht ins Gymnasium? Da ist auch der spannendste Punkt: Die OECD ist relativ klar in ihren Aussagen, dass diese frühe Trennung falsch ist. Diese Erkenntnis wird nur nicht umgesetzt. Das ist genau der Punkt: In der Volksschule werden bereits die ersten Bildungskarrieren willkürlich beendet – unzumutbar!

Ähnlich ist es auch im Gymnasium, wenn man sich das anschaut, mit der Einführung der Zentralmatura. Das betrifft nicht alle Schulen – es gibt viele Lehrer, die verantwor­tungsbewusst damit umgehen –, aber was passiert in manchen Schulen? – In der fünf­ten und sechsten Klasse scheiden pro Jahrgang fünf bis sechs Kinder aus, und am En­de stellen sich diese Schulen hin und freuen sich, dass sie bei der Matura eine Topquote beim Durchkommen haben. Die Wahrheit ist, sie haben vorher selektioniert, sie haben Bildungskarrieren nicht entwickelt, sondern sie haben sie beendet. Das ist der falsche Zugang.

Problem Nummer drei: Druck im Bildungssystem. Reden Sie mit Eltern und auch mit Schülerinnen und Schülern – Sie tun das vermutlich, Frau Bundesministerin, ich will Ih­nen nicht unterstellen, dass Sie das nicht tun, verstehen Sie mich nicht falsch; Sie wis­sen es daher –: Druck ist die Konstante im Bildungssystem. Er beginnt im Kindergarten und geht bis zur Matura, immer herrscht Druck. Der erste Druck ergibt sich aus der Fra­ge: Finde ich den passenden Kindergartenplatz für mein Kind, nämlich sowohl von den pädagogischen Betreuungsvoraussetzungen als auch von den örtlichen Voraussetzun­gen als auch von den Öffnungszeiten her? – Das ist der erste Druck. Dann kommt die Volksschule: Finde ich die passende Volksschule mit der passenden Nachmittagsbe­treuung? Der Wunsch der meisten wäre eine Ganztagsvolksschule – selbst in Wien ei­ne große Herausforderung.

Nächster Punkt: In der Volksschule – ich habe es schon angeschnitten – der Druck, ins Gymnasium zu kommen. Uns schildern Eltern, dass ihre Kinder Medikamente nehmen, weil sie mit dem Leistungsdruck, der herrscht, damit sie ins Gymnasium kommen, nicht


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