Nationalrat, XXV.GPStenographisches Protokoll197. Sitzung / Seite 108

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Das prägt bis heute unsere Schule und führt dazu, dass in unserer Schule ein intel­lektueller Überhang da ist und viele andere Talente und Fähigkeiten, die die Kinder mit­bringen und die die Gesellschaft auch nachfragt, nicht oder kaum beachtet werden. Das sind künstlerische Fähigkeiten, kreative, mimetische Fähigkeiten – wie zum Bei­spiel die schauspielerischen Talente, die in unserer Gesellschaft sehr geschätzt sind –, es sind aber auch handwerkliche, es sind soziale, es sind sportliche Talente. All das spielt dort wenig Rolle, deswegen fragt die Schule nur ein kleines Segment ab und för­dert und beachtet die Talente in diesem kleinen Segment.

Letztlich ist dieser Dualismus auch der Grund dafür beziehungsweise mit ein Grund dafür, dass die OECD nach wie vor Bildung so bewertet, dass der Höhepunkt und der Gipfel dieser Bildung das Absolvieren einer Universität ist, also sozusagen eine geis­tige Bildung und nicht etwa eine gelungene Berufsausbildung. Diese Ungleichbewer­tung zweier Bildungsverläufe schlägt sich auch ganz stark in diesem Dringlichen An­trag nieder, in dem wieder darüber geklagt wird, dass es so schrecklich ist, wenn man sozusagen die Universität nicht erreicht. (Abg. Moser: Das ist einerseits Ausbildung, andererseits Bildung!) Das ist eine massive Abwertung und eine Beleidigung von Hun­derttausenden Menschen in Österreich, die nicht durch die Universität gegangen sind, die aber genauso ein gelingendes, sehr erfolgreiches, berufliches Leben führen. (Bei­fall bei der ÖVP. – Abg. Walser: Das ist eine Beleidigung für alle intelligenten Men­schen, was hier erzählt wird!)

Ich komme aus einer Gegend, in der es viel Industrie gibt, in der es ganz viele Men­schen gibt, die keine akademische Ausbildung haben, die unglaublich erfolgreich sind, die klug sind, die auch ökonomisch viel besser gestellt sind, als das zunehmende Pre­kariat an Universitäten. Ich verwehre mich dagegen, dass man all diese Menschen so­zusagen als Halbgescheiterte hinstellt, weil das gelingende Leben nur eines ist, das zur Matura und dann zur Universität führt. Das ist eine ganz falsche Bewertung, das ist auch sachlich falsch. (Beifall bei der ÖVP.)

Es ist ja nicht so, dass einem, wenn man nicht ins Gymnasium kommt, alle weiteren „Bildungskarrieren“ – unter Anführungszeichen – abgeschnitten werden. Im Gegenteil: Weniger als 30 Prozent unserer Maturanten kommen aus der Langform der AHS. Das heißt, es gibt eine Fülle von Möglichkeiten dann noch zur Matura und damit zu einem Studium zu kommen – aber es muss nicht sein. Es gibt daneben Berufsverläufe, die genauso wichtig und wertvoll sind. Die OECD selber ist diesbezüglich lernfähig, sie ist also keineswegs tauglich als sozusagen alleingültige Instanz in solchen Fragen. Sie hat inzwischen aufgrund der letzten Krise gesehen, dass die Jugendarbeitslosigkeit ge­rade in Österreich, Deutschland und der Schweiz, wo es am ehesten diese Berufs­bildungsschiene neben der Universität gibt, weitaus niedriger ist als in Ländern mit ho­her Akademisierung, und zwar auch in Ländern, die sonst wirtschaftlich sehr erfolg­reich sind, wie etwa Schweden oder Finnland.

Es findet also auch in der OECD ein Umdenken statt. Wir müssen uns endlich darauf besinnen, dass wir viele Bildungsverläufe haben, die genauso wertvoll sind, wie jene über Matura und Universität. Wir müssen aufhören, uns so einseitig bewertend zu ver­halten. Wir müssen allen Kindern die Chancen geben, die sich bieten, die ihren Fähig­keiten entsprechen. Solche Chancen sind eben sehr häufig nicht in diesem engen In­tellektuellenpfad vorhanden, sondern zum Beispiel in anderen kreativen, handwerkli­chen oder sonstigen Bereichen. Diese Vielfalt des Bildungssystems, zu der wir stehen und in der auch das Gymnasium einen Platz haben muss, weil es eine etablierte, be­währte und nachgefragte, hochgeschätzte Schulform ist, gilt es zu erhalten, auszubau­en und auch wertzuschätzen und nicht diese Einseitigkeit, die aus diesem Dringlichen Antrag hervorgeht; dann sind wir gut aufgestellt, um weiterhin ein Land zu sein, in dem man auf alle möglichen Weisen zu einem gelingenden Leben kommen kann.

 


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