Nationalrat, XXVII.GPStenographisches Protokoll62. Sitzung, 17. bis 19. November 2020 / Seite 275

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Für die Internationalisierung haben wir NEOS mit dem Büro für Zeitgenössisches einen sehr konkreten, umsetzbaren Vorschlag gemacht und stehen auch da bereit für eine Mitarbeit, für Input.

Wie auch Sie selber, Frau Staatssekretärin, gesagt haben, wurde eine Kunst- und Kulturstrategie bis jetzt noch nicht in Angriff genommen. Das muss sich ändern, auch da stehen wir für eine Zusammenarbeit bereit, weil wir aus diesem Krisenmodus auch wieder herausfinden und Dinge angehen müssen, die vor Corona noch nicht angegan­gen wurden, noch nicht passiert sind und nach Corona schnell passieren müssen.

Auch positiv zu erwähnen und schön zu hören ist, dass das von uns geforderte Kultur­satellitenkonto jetzt dann wirklich kommen soll. Das ist wichtig, um endlich Daten zu haben, um auch evidenzbasierte Kulturpolitik zu machen.

Auffällig und auch sehr schade ist, dass es noch immer keine Valorisierung der Basis­abgeltung und auch keine Valorisierung von anderen Jahresförderungen oder Projekt­förderungen gibt. Das finden wir sehr schade.

Leider gibt es auch keine neuen Schritte in Bezug auf die Zukunft des wirklich wichtigen Hauses der Geschichte Österreichs. Direktorin Sommer wird immer noch mit sehr weni­gen Mitteln abgespeist, und es gibt keinen Zukunftsplan. Da braucht es trotz Corona dann auch eine Lösung.

Wir sollten uns auch sehr schnell Gedanken darüber machen, wie wir ein sehr großes Problem lösen, das sich momentan wieder vergrößert, nämlich die fehlende Sichtbarkeit unserer Kulturbranche in den letzten und auch in den folgenden Monaten. Kunst und Kultur, das ist Nahrung fürs Hirn. Wir müssen uns überlegen, wie wir wieder mehr Sicht­barkeit für diese Branche bekommen.

Damit komme ich auch zu einem sehr speziellen Punkt in Ihrem Budget. Diese man­gelnde Sichtbarkeit der Kunst- und Kulturbranche zeigt sich in dieser Debatte ganz besonders: Museen sind jetzt plötzlich wieder wichtig. Die Menschen finden es schade, dass sie geschlossen sind. Viele vermissen den kurzen Abstecher in eine Galerie oder den Sonntagnachmittag in einer Ausstellung. Dabei könnte man ja auch noch sagen, dass wir derzeit andere Sorgen haben, denn die Häuser sind wegen einer Pandemie, die sich nahezu unkontrolliert ausbreitet, geschlossen. An den vielen Diskussionen über die Schließung der Kulturinstitutionen für einige Wochen oder sogar Monate kann man aber auch die ungeheure Relevanz von Kunst und Kultur bemessen.

Jetzt bitte ich Sie, sich Folgendes vorzustellen: Wie wäre es, wenn unsere Museen, unsere Schlösser, unsere Burgen, unsere Klöster, unsere Kirchen, einfach alle Orte, an denen wir Artefakte unserer Vergangenheit aufheben, ausstellen oder verwenden, leer geräumt wären, wenn das einfach nur mehr langsam vermodernde Hüllen wären und man sich einfach nur mehr eine Hausmauer ansehen könnte? Wie wäre es, wenn all das, was uns ausmacht, unser gesamtes kulturelles Erbe stattdessen in afrikanischen Staaten aufbewahrt und ausgestellt wird? – Exakt so geht es nämlich einer Milliarde Afrikanerinnen und Afrikanern. Sie alle haben keinen Zugang zu ihrem kulturellen Erbe, zu ihren spektakulären Masken, zu mystischen Figuren, zu einzigartigen Alltags­gegen­ständen – ganz im Gegenteil zu europäischen Künstlern und Architekten, die sich von der Ausdruckskraft und der Formensprache inspirieren lassen konnten und können.

Was in Afrika geraubt oder abgepresst wurde, hat in Europa zum Beispiel Le Corbusier zu wirklich außergewöhnlichen Bauten beflügelt; das war der Grundstein für Picassos afrikanische Phase; es war die Initialzündung für den Kubismus. Die Auseinander­set­zung mit afrikanischen Formen und Ästhetiken hat den Beginn der klassischen Moderne markiert und auch die europäische Kunst revolutioniert.

 


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