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Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anlässlich des Holocaust Gedenktages

Donnerstag, 25. Jänner 2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich darf Sie alle sehr respektvoll grüßen anlässlich des Gedenktages der Opfer des Holocaust. Der Gedenktag wird von uns an einem anderen Tag abgehalten, als das die internationale Gemeinschaft festgesetzt hat. Aber Sie werden verstehen, dass wir an einem Sabbat diese Veranstaltung nicht durchführen. Und so haben Sie bitte Verständnis, dass wir das heute tun.

Ich grüße mit großem Respekt und mit großer Ehrfurcht unsere vier Herren, die uns heute mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Erinnerungen einen Eindruck vermitteln, den sich alle Nachgeborenen weder emotional noch intellektuell vorstellen können.

Dr. Fritz Rubin-Bittmann, herzlich willkommen.
Victor Klein, herzlich willkommen.
Herbert Löwy, herzlichst willkommen, danke schön.
Und der vierte, Alfred Schreier, herzlich willkommen.

Es ist für uns eine große Ehre, dass Sie sich nicht nur Zeit genommen haben, sondern uns diese Zeit schenken. Das Gespräch wird von Frau Dr.in Danielle Spera, der Direktorin des Jüdischen Museums, geleitet, moderiert. Sie hat sich von Anbeginn bereit erklärt, das zu tun. Lieben Dank für Ihre Bereitschaft.

Dem österreichischen Parlament ist es ein großes Anliegen, diese Gedenkfeier würdig zu begehen und darum haben wir viele eingeladen. Es freut uns, dass das offizielle Österreich so vertreten ist.

An der Spitze Bundeskanzler Sebastian Kurz, herzlich willkommen.
Vizekanzler Heinz-Christian Strache, herzlich willkommen.
Frau Minister Beate Hartinger, herzlich willkommen.
Ich grüße, und das zeigt den Ausdruck unserer beider Kammern, den Präsidenten des Bundesrates Reinhard Todt, herzlich willkommen.
Es freut mich, dass ich beide Präsidentinnen herzlich willkommen heißen kann, die gemeinsam auch hier mit uns die Verantwortung tragen, Doris Bures und Anneliese Kitzmüller, herzlich willkommen.

Ich grüße die obersten Repräsentanten unserer Gerichte und des Rechnungshofes – Dr. Eckart Ratz, Dr. Rudolf Thienel und Dr.in Margit Kraker recht herzlich.

Es sind so viele Parlamentarier da, denen das auch ein echtes Anliegen ist. Ein herzlicher Gruß unseren Klubobmännern Mag. Andreas Schieder, Dr. Walter Rosenkranz und Dr. Matthias Strolz. Einen Gruß darf ich anbieten unseren beiden Staatssekretären, Mag.a Karoline Edtstadler und MMag. DDr. Hubert Fuchs, herzlich willkommen.

Der österreichische Nationalfonds wird seit Jahren von einer engagierten Generalsekretärin geleitet, die vieles in die Wege geleitet hat. Für ihr Engagement und ihr Kommen darf ich ganz herzlich Dankeschön sagen, Mag.a Hannah Lessing.

Wir schätzen die Anwesenheit so vieler Mandatare im Dienst, außer Dienst, Ministerinnen und Minister, die anwesenden Vertreter und Vertreterinnen des diplomatischen Corps, insbesondere die Vertreterinnen der israelischen Botschaft. Die Botschafterin weilt noch in Israel und kann nicht da sein. Wir begrüßen ganz herzlich die Vertreterin der israelischen Botschaft hier im Palais Epstein.

Ich grüße die Vertreter aller Kirchen und aller Religionsgemeinschaften. Sie sind uns gerade auf diesem Weg ein treuer, ein verlässlicher Partner, herzlichen Dank für Ihr Kommen.

Ganz besonders möchte ich Rabbiner Mordechai Fixler begrüßen, der uns am Schluss noch mit einem Gebet den Ausklang dieses Gedenkfeierns auch noch einmal sehr, sehr bewusst machen wird.

Franz Dürauer, Jakob Ehrenberg, Harry Goldberg, Karl Hiebler, Josef Schafrenek, Zallel Schapira.
Sechs Namen, sechs Lebensgeschichten, sechs Schicksale.

Ihnen ist allen gemeinsam, dass sie in meiner Heimatgemeinde Waidhofen an der Ybbs gelebt haben. Ihnen ist es gemeinsam, dass sie die Zeit des Nationalsozialismus nicht überlebt haben.

Sie wurden ermordet. Die einen, weil sie politisch anders dachten. Sie wurden ermordet, weil sie Juden waren.

Und so begegnen wir ihren Namen heute mit wenigen Klicks auf den Datenbanken unserer Archive, in den Quellen unserer Gedenkstätten. Nicht begegnen wir ihren Kindern und Kindeskindern, ihren Enkeln. Sie sind nie geboren worden, sie können meine Heimatstadt nie sehen.

Und dann wäre noch Ernst Lohsing. Unweit des Palais Epstein in der Bellaria Straße 4 wurde er am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1943 ermordet.

Einige wenige Namen, hier und heute ausgesprochen. Ausgesprochen um klar zu machen:
Die Vernichtung hat nicht irgendwo stattgefunden. Die Vernichtung ist nicht etwas Anonymes an unbestimmten Orten im Osten. Sie ist auch nicht ganz einfach passiert. Nein, diese Vernichtung begann in unserer unmittelbaren Nachbarschaft und sie wirkte bis in alle Kapillaren der damaligen Gesellschaft.

Wir fragen uns, wann hat eigentlich diese Ermordung unserer Mitmenschen begonnen?
Erst in den Gaskammern von Auschwitz?

Oder, und diese Frage müssen wir uns anlässlich dieses Gedenkens immer wieder stellen, begann nicht die Ermordung dieser Menschen viel früher? Hier, unmittelbar in unserer Nachbarschaft, als weggehört wurde, wie gegen Menschen gehetzt wurde. Als weggeschaut wurde, wie Menschen erniedrigt wurden. Als weggenommen wurde, was Menschen gehörte. Und am Ende, als die Menschen aus unserer Nachbarschaft weggebracht wurden.

Lange Zeit hat Österreich diesen Opfermythos aufrecht erhalten. Österreich war Täter. Österreich hat sich schuldig gemacht in der Untat, aber auch im untätig sein.

So wurden politisch Andersdenkende verfolgt und ermordet, Behinderte hingerichtet. Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas ermordet. So wurden tausende unserer österreichischen und europäischen Juden ermordet. Und wenn das Gedenken einen Sinn haben soll, dann den, aus der Erinnerung an die unzähligen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns, Konsequenzen für die Gegenwart und auch für die Zukunft zu ziehen.

Konsequenzen in der Art, wie wir Menschen in unserer Vielfalt und in Respekt und Toleranz miteinander umgehen.

Konsequenzen, dass wir nicht zulassen, dass unsere Geschichte, wie sie gewesen ist, umgeschrieben, umgedeutet oder relativiert wird.

Konsequenzen, dass wir gegen jedweden Rassismus, Antisemitismus und nationalsozialistische Wiederbetätigung politisch wie strafrechtlich Rechenschaft einfordern.

Wer heute ein politisches Amt bekleidet, muss sich dieser besonderen Verantwortung bewusst sein. Als Nationalratspräsident darf ich von allen im Nationalrat vertretenen Parteien erwarten, dass sie sich am Gedenken beteiligen. Und ich danke Ihnen dafür, dass Sie heute da sind.

Jeder, der heute in der Politik Verantwortung trägt ist aufgefordert, sich mit unserer Geschichte und auch der seiner Partei aktiv auseinanderzusetzen. Sich ihr ehrlich, aufrichtig und vorbehaltlos zu stellen und so einen wertvollen Beitrag der Zeitzeugen heute mit einem besonderen Bekenntnis anzuhören, darüber nachzudenken und über zukünftige Verantwortung zu reflektieren.

Aus dieser Pflicht will und darf ich niemanden entlassen. Wer sich der Vergangenheit nicht stellt, wird immer, immer wieder von ihr eingeholt werden.

Ich erwarte, und dessen bin ich mir in Österreich sicher, ein respektvolles Andenken an die Opfer der Shoah, dieser Gewalt- und Schreckensjahre.

Gedenken erschöpft sich aber nicht allein im Blick zurück. Gedenken formuliert einen Anspruch an das hier und heute. In der Sprache, die wir verwenden, in den Handlungen, die wir setzen.

Und wenn der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde diese Veranstaltung heute bedauerlicherweise nicht besucht, dann zeigt dies, dass die Wunden noch immer tief sind und dass wir mit unserer gemeinsamen Geschichte noch nicht im Reinen sind. Sein Fehlen schmerzt uns.

Präsident Oskar Deutsch sowie alle anderen Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde sind und bleiben in diesem ganz besonderen Jahr eingeladen. Wir werden die Plätze für sie freihalten. Und sollten diese Plätze frei bleiben, würde ich das auch als ein besonderes Zeichen des Gedenkjahres verstehen wollen.

Abschließend darf ich einen Dank aussprechen. Ich darf mich bedanken bei den vier Herren, bei diesem Quartett, dass Sie uns an Ihrer Erinnerung, an Ihrer Erfahrung, an Ihrem persönlichen Erleben teilhaben lassen. Dass Sie es auf sich genommen haben, auch in dieser Zeit zu kommen. Es ehrt uns und es nötigt uns großen Respekt auf. Herzlichen Dank.

Ich bedanke mich bei Frau Dr.in Danielle Spera, die mit ihrem Team und mit vielen für die Vorbereitung gesorgt hat.

Ich bedanke mich bei den Musikerinnen und Musikern, die Musik aus dieser Zeit, von vertriebenen, von jüdischen Komponisten hier zur Aufführung bringen und die allesamt Studierende an der Universität für Musik und darstellende Kunst sind.

Und ich bedanke mich bei allen, die beigetragen haben, diese Feier so wunderbar, auch schon in der Vorbereitung, zu begleiten.

Großer Dank an das offizielle Österreich, heute teilgenommen zu haben und damit auch Respekt und Anerkennung jenen Menschen zu zollen, die es mehr denn je verdient haben.

Herzlichen Dank Herr Bundeskanzler und allen Mitgliedern der Bundesregierung.