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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages im Parlament

Dienstag, 27. Jänner 2015

Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich erlaube mir an dieser Stelle außerhalb des Protokolls – zu aller erst – alle Überlebenden des Holocaust und des NS-Terrors und deren Angehörige zu begrüßen. Herzlich willkommen im Österreichischen Parlament!

Ganz besonders begrüße ich Herrn Ari Rath, der uns als Gesprächspartner am heutigen "Tag der Erinnerung" zur Verfügung stehen wird – herzlich willkommen und herzlichen Dank.

Ich begrüße alle Angehörigen des diplomatisches Corps, alle ehemaligen Mitglieder der Bundesregierung, die ehemaligen Präsidentinnen und Präsidenten des Bundesrates!

Ich begrüße die ehemalige Volksanwältin, alle aktiven und ehemaligen Abgeordneten zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates.

Ich begrüße alle Angehörigen der Glaubensgemeinschaften, die Vertreterinnen und Vertreter der Opferverbände und Lagergemeinschaften sowie alle Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es freut mich sehr, dass heute so viele junge Menschen, Schülerinnen und Schüler zu unserer Gedenkveranstaltung gekommen sind.

Ganz besonders begrüße ich die Schülerinnen und Schüler der BAKIP 7 Marta Salvatoris. Drei Schülerinnen der Klasse 2A werden ein Gespräch mit Ari Rath und Michael Kerbler führen. Herr Michael Kerbler wird dieses Gespräch leiten und ich begrüße Sie recht herzlich.

Für die musikalische Begleitung darf ich mich bei Herrn Ernst Molden bedanken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Am 27. Jänner 1945 wurde das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Die Bilder, die von den Befreierinnen und Befreiern aufgenommen wurden, haben sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Die Verbrechen, die mit der Befreiung beendet wurden, bleiben in der europäischen Geschichte unvergessen. Auschwitz ist das Symbol der nationalsozialistischen Genozide, des Mordes an Millionen – Männern, Frauen und Kindern – binnen weniger Jahre. Ausschwitz ist zu dem Ort geworden, dessen Befreiung heute vor 70 Jahren als Anlass für den Internationalen Holocaustgedenktag der Vereinten Nationen gewählt wurde.

Zeitgleich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung findet in der polnischen Stadt Oświęcim die Befreiungsfeier an der Staatlichen Gedenkstätte Auschwitz Birkenau statt. Gemeinsam mit Überlebenden nimmt Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Werner Faymann an dieser Befreiungsfeier teil, um die Opfer zu ehren und Verantwortung zu zeigen.

Es war ein langer Weg, bis Österreich einen verantwortungsvollen Umgang mit seiner jüngsten Geschichte gefunden hat. Über lange Zeit hinweg wurde jenen, die sich rechtzeitig durch Emigration in Sicherheit bringen konnten, nicht mit ausreichend Respekt begegnet. Heute tun wir es.
So ist es mir heute eine besondere Ehre, Sie, Herr Ari Rath, den in Wien geborenen ehemaligen Chefredakteur der Jerusalem Post, in unserer Mitte begrüßen zu dürfen. 1925 in Wien als Arnold Rath geboren, wuchs er im Wiener Alsergrund auf. Als Schüler war er schon vor 1938 Alltags-Antisemitismus ausgesetzt. Nach dem sogenannten "Anschluss", nahmen die Anfeindungen und die Ausgrenzung ihm und anderen jüdischen Mitschülerinnen und Mitschülern gegenüber dramatisch zu. Mit großen Anstrengungen schaffte es seine Familie, ihn und seinen Bruder über einen Kindertransport nach Palästina zu retten. Damals war Ari Rath 13 Jahre alt.

Die Unsicherheit, die Angst, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, der er als junger Mensch ausgesetzt war, ist nur schwer vorstellbar und umso bedeutender ist es, sie in Erinnerung zu behalten.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Erinnerung an den Holocaust hat eine große Bedeutung für das heutige Österreich. Heuer findet zum vierten Mal eine Gedenkveranstaltung zum Internationalen Holocaust Gedenktag im Parlament statt. Wir zeigen unmissverständlich, dass Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz keinen Platz in unserer Gesellschaft einnehmen dürfen und werden. Mit aller Kraft müssen wir uns für ein friedliches und respektvolles Miteinander einsetzen. Gemeinsam müssen wir verhindern, dass Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz jemals wieder unsere Gesellschaften dominieren.

Auch wenn, in Zeiten wie diesen, unsere Einstellungen auf eine Probe gestellt werden: wir folgen nicht demagogischen Floskeln, sondern handeln reflektiert und verantwortungsvoll.

Um das jedoch zu ermöglichen, müssen wir zuallererst wissen, was geschehen ist, was unsere Mitmenschen erleben mussten. Nur so können wir gemeinsame Schritte in ein offenes Österreich, in ein solidarisches Europa gehen.

Zahlreiche Parlamente weltweit halten heute Gedenkveranstaltungen ab.

Das österreichische Parlament ist ein Ort des Gedankenaustausches, ein Ort, an dem der Dialog eröffnet, geführt und gepflegt werden muss und ein Ort, an dem die Jugend gehört werden muss. So ist es heute eben ein Ort, ein Forum für die Stimmen der Erfahrungsgeneration und die Stimmen einer jungen Generation. In einem Gespräch zwischen Ari Rath und Michael Kerbler werden wir versuchen, uns dem Erinnern und dem Vergeben anzunähern.

Gemeinsam mit den Schülerinnen Bernadette Höbart-Schiessl, Christina Kroiß und Saraya Schwarzenecker soll auch die schwierige Frage erörtert werden, welche Lehren aus der jüngeren Vergangenheit für das Heute gezogen werden können. Dies ist kein abschließender Prozess und er darf auch nicht ausschließlich an Gedenktagen geschehen.
Für eine gelebte Erinnerungskultur braucht es Forschungs- und Bildungsprojekte. Es braucht eine reflektierte Politik. Und es braucht eine aktive und wachsame Zivilgesellschaft, die aus der Erinnerung heraus unser Land und unsere Gesellschaft demokratisch gestaltet und bereichert.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Im Anschluss an unsere Gedenkveranstaltung wird die zivilgesellschaftliche Plattform "Jetzt Zeichen setzen" vor dem Weiheraum des Äußeren Burgtores am Heldenplatz ein Gedenken abhalten. Am Hauptplatz der österreichischen Zeitgeschichte wird damit ein Zeichen gegen das Vergessen und für ein solidarischen Miteinander gesetzt. Wir haben unsere Veranstaltung so geplant, dass Sie im Anschluss die Möglichkeit zur Teilnahme daran haben.

Der heutige Tag ist der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung- und Vernichtungspolitik gewidmet.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich danke ihnen, dass Sie diesen Tag der Erinnerung mit uns heute hier begehen und jene Stimmen, die zu lange nicht gehört wurden, mit Aufmerksamkeit verfolgen. Ich wünsche Ihnen eine interessante Gedenkveranstaltung mit Ari Rath!