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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Eröffnung der Rieder Messe in Ried im Innkreis

Mittwoch, 09. September 2015

Sehr geehrter Herr Bundesminister,
sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
Herr Bürgermeister,
Herr Messepräsident,
liebe Besucherinnen und Besucher der Rieder Messe!

Zuallererst möchte ich Ihnen die allerbesten Grüße von unserem Bundepräsidenten Dr. Heinz Fischer übermitteln.
Es ist mir eine große Freude, die heutige Rieder Messe eröffnen zu dürfen. Die Rieder Landwirtschaftsmesse ist mittlerweile eine Institution. Seit knapp 150 Jahren gibt es sie – und alle zwei Jahre zieht diese Messe Hunderttausende Besucherinnen und Besucher aus ganz Österreich und darüber hinaus an. Für sehr viele Land- und Forstwirte – aber nicht nur für sie – ist sie ein Pflichttermin.

Dass die Rieder Messe so große Bedeutung erlangt hat, zeigt auch, welch hohen Stellenwert die Land- und Forstwirtschaft in Österreich einnimmt. Weltweit werden wir darum beneidet: Die Produkte, die unsere österreichischen Bäuerinnen und Bauern produzieren, sind von einer herausragenden Qualität.

Das wurde mir wieder ganz besonders bewusst, als ich kürzlich in den USA war: Dort gibt es im Supermarkt so gut wie keine Milch mehr von Kühen, die mit Gras oder Heu gefüttert werden. In riesigen Milchwirtschaftsbetrieben bekommt das Vieh fast ausschließlich Mais, auch vor Hormonen wird kein Halt gemacht. Was für uns die natürlichste Sache der Welt ist, gibt es in den USA kaum mehr oder die Prdukte sind Luxusware für einige wenige.

Dies hat mich übrigens in meiner Skepsis gegenüber dem Freihandelsabkommen TTIP nochmals bestärkt. Es prallen natürlich hier unterschiedliche kulturelle Traditionen und ökonomische Normierungen aufeinander. Ich denke, dass ein Handelsabkommen allen Vorteile bringen muss, den Wirtschaftstreibenden, der heimischen Industrie, den Bäuerinnen und Bauern, den Arbeitnehmern und Konsumenten – kurz: Europa und den USA.

Ein Freihandelsabkommen darf sich zu Recht nicht nur an den Interessen von Großkonzernen orientieren. Gleichzeitig brauchen wir aber natürlich Wachstums- und Beschäftigungsimpulse, die gerade eine kleine offene Volkswirtschaft wie Österreich aus dem Export lukriert. Das muss bedacht werden, wenn wir in Europa die aktuelle Arbeitsmarktsituation entschärfen wollen. Ein schwieriger, aber notwendiger Balanceakt!

Deshalb ist es so wichtig, dass die Verhandlungen zwischen der EU und den USA offen, ehrlich und transparent ablaufen und dass bei einer Einigung die nationalen Parlamente über TTIP abstimmen können.

Aber auch ohne die Gefahren von TTIP steht unsere Landwirtschaft unter Druck: Seien es negative Preisentwicklungen, wie der Preisverfall bei Milch oder beim Schweinefleisch, oder seien es Wetterkapriolen, wie die heurige Trockenheit oder die Hochwasser vor wenigen Jahren. An die dramatischen Folgen des Hochwassers hier in Oberösterreich kann ich mich gut erinnern. Ich war damals als Infrastrukturministerin direkt vor Ort.

Als die Donau das Eferdinger Becken überschwemmt hatte, als sich die Menschen nur mehr auf die Dächer ihrer Häuser retten konnten, Verkehrswege abgeschnitten und Wiesen und Felder zu Schlammwüsten wurden, haben wir eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität erlebt: Feuerwehrleute haben fast Übermenschliches geleistet, Tausende Freiwillige haben mit Schaufeln und Kübeln beim Aufräumen geholfen, es wurde Geld, Beistand und Hoffnung gespendet.

Und auch die Politik hat damals rasch reagiert. Bund, Land und die betroffenen Gemeinden haben in großer Eintracht an einem Strang gezogen. Im Rekordtempo wurde ein 250-Millionen-Hochwasserschutz-Paket beschlossen. Kurz: Was OÖ damals erlebt hat, war gelebte Solidarität!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Und auch was wir in den letzten Tagen erlebt haben, war eine Welle großartiger Solidarität und Hilfsbereitschaft. Wie viele andere, war auch ich am Samstag am Wiener Westbahnhof. Und ich habe Familien gesehen, Männer und Frauen mit ihren Kindern am Arm, gezeichnet von den Strapazen ihrer Flucht und dem Leid, das sie erleben mussten. Aber – ich übertreibe nicht, wenn ich das sage – das Glück, die Erleichterung und die Dankbarkeit in diesen Gesichtern hat ihre Erschöpfung überstrahlt.

Ich habe in die Augen der unzähligen Helferinnen und Helfer geblickt: der Einsatzkräfte und Hilfsorganisationen, der Menschen, die gekommen waren, um Wasser, Essen, Decken und Spielzeug zu spenden, der Dolmetscher, der Hebammen und der Ärzte. Und auch in diesen Gesichtern habe ich Freude gesehen – die Freude, helfen zu können.
Das macht mich als Bürgerin und als Nationalratspräsidentin stolz. Stolz auf Österreich!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Österreich hat in diesen Tagen seinem Ruf, ein menschliches und soziales Land zu sein, alle Ehre gemacht. Österreich kann Vorbild für ganz Europa sein. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, auch in Europa immer mehr Länder von einer solidarischen und menschlichen Vorgangsweise zu überzeugen. Ich spreche nicht von Verteilung der Lasten, ich spreche von solidarisch geteilter Verantwortung. Länder wie Österreich, Deutschland und Schweden haben Verantwortung übernommen. Daran kann sich ganz Europa ein Beispiel nehmen.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich weiß: Es gibt viele Menschen, denen die aktuellen Entwicklungen Sorge bereiten. Und ich kann das gut verstehen: Die seit Jahren andauernde Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch in Österreich Spuren hinterlassen, insbesondere am Arbeitsmarkt. Viele Menschen spüren, dass sich etwas verändert, die Zukunft erscheint nicht mehr so sicher, wie wir das in Österreich lange gewohnt waren.

Was vor allem neu ist, das ist die Überlagerung unterschiedlichster Krisen: Finanz- und Wirtschaftskrise, Syrien/Irak/IS, die Flüchtlingsbewegung, der eingefrorene Konflikt in der Ost-Ukraine, Griechenland usw. Diese Dauerspannung fordert uns alle massiv heraus und verlangt wohl auch nach neuem Denken, neuer Flexibilität und neuen Lösungen. Und es ist mir wichtig: diese Sorgen können und dürfen nicht klein geredet werden.

Aber ich möchte meine ehrliche Zuversicht zum Ausdruck bringen: Österreich wird auch die vor uns liegenden Herausforderungen meistern, wir werden daran wachsen – und niemand soll auf diesem Weg zurückbleiben!

Sehr geehrte Damen und Herren!

In etwas mehr als drei Monaten werden wir auf ein bewegtes Jahr 2015 zurückblicken. Und wie immer wird versucht werden, das Wesentliche eines gesamten Jahres an nur einem einzigen Wort festzumachen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit anregen, das Wort "SOLIDARITÄT" zu diesem Wort des Jahres zu wählen. Solidarität ist nur ein kleines Wort, das aber Großes bewirken kann – innerhalb einer Familie, einer Gesellschaft und auch über deren Grenzen hinaus!

Liebe Besucherinnen und Besucher der Rieder Messe!

Ich wünsche Ihnen allen: Alles Gute für die Zukunft, einen schönen, interessanten und unterhaltsamen Tag hier auf dem Gelände!

Ich erkläre die Rieder Landwirtschaftsmesse 2015 hiermit offiziell für eröffnet!