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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich 20 Jahre Nationalfonds der Republik Österreich im Parlament

Donnerstag, 29. Oktober 2015

1995 – als die Zweite Republik ihren 50. Jahrestag feierte – wurde der Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus gegründet. Ein halbes Jahrhundert musste nach dem Zweiten Weltkrieg vergehen, ehe Österreich bereit war, sich seiner Verantwortung zu stellen. Für die Überlebenden des NS-Terrors war das eine quälend lange Zeit.

Viele konnten das späte Bekenntnis der Republik gar nicht mehr erleben. Es war Bundeskanzler Franz Vranitzky, der eine neue Zeit Österreichs im Umgang mit seiner Geschichte eingeläutet hat. Mit seiner historische Rede 1991 – hier in diesem Saal – markierte er einen Wendepunkt: Erstmals wurde die Mitverantwortung der Österreicherinnen und Österreicher an den NS-Verbrechen durch das offizielle Österreich ausgesprochen. Damit war auch ein Grundstein für den Nationalfonds gelegt, der vier Jahre später unter dem damaligen Nationalratspräsidenten Heinz Fischer im Parlament eingerichtet wurde.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident! Lieber Heinz!

Du warst es, der dem Nationalfonds seine Richtung gegeben hat. Es ist uns eine große Ehre, dass du heute eine Festansprache hältst und wir dich in unserer Mitte begrüßen dürfen.

In der ersten Sitzung des Nationalfonds hast du die Herausforderungen des Fonds unter anderem so beschrieben: "Es wird eine sehr schwierige Aufgabe sein und des notwendigen Fingerspitzengefühls bedürfen." Heute, 20 Jahre später, sehen wir: Der Nationalfonds hat seine Aufgabe mit Sensibilität und Weitsicht, eben mit diesem Fingerspitzengefühl gemeistert.

Ämter prägen Menschen, und Menschen prägen die Ämter, die sie innehaben. Liebe Hannah Lessing! Auf dich trifft das besonders zu.
Durch dich und deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde der Nationalfonds viel mehr als eine Behörde zur Bearbeitung von Anträgen: Er wurde zu einem Ort der Begegnung, an dem Menschen Gehör geschenkt wurde, denen viel zu lange nicht zugehört worden war. Er ist der Ort, an dem über 30.000 österreichischen Überlebenden gesagt worden ist: "was euch angetan wurde, war großes Unrecht."

Ich durfte während meiner politischen Tätigkeit viele NS-Überlebende und ihre Geschichten kennenlernen: von Rosa Jochmann über Josef Hindels, Rudi Gelbert, Käte Sasso oder Marko Feingold. Mein jüngstes Zusammentreffen mit Überlebenden fand vor wenigen Wochen in New York statt. Im österreichischen Generalkonsulat traf ich Menschen im hohen Alter, viele von Ihnen mussten als Kinder oder Jugendliche vor NS-Gewalt und Mord aus Österreich fliehen. Sie haben in den USA eine neue Heimat gefunden.

Im Gespräch mit diesen Menschen erfuhr ich einmal mehr, dass die Bedeutung des Nationalfonds weit über seine materiellen Leistungen hinausgeht. Erst die Arbeit des Nationalfonds ermöglichte vielen eine Wiederbegegnung mit Österreich – dem Ort ihrer verlorenen Heimat.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es liegt am Lauf der Zeit, dass sich die Tätigkeit des Nationalfonds verändern wird. Die Gestezahlungen werden weniger werden – und irgendwann werden sie auslaufen. Doch der politische Auftrag wird bleiben: Nämlich die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten und sie als Mahnung an nachkommende Generationen weiterzugeben.

Eine Überlebende Suzanne-Lucienne Rabinovici hat es heuer am 5. Mai beim Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus so formuliert: "Wir sind alt geworden – und bald werden wir nicht mehr sein. Deswegen gebe ich das Vermächtnis der Erinnerung an alle hier im Parlament (…) weiter. Seid von nun an Zeugen unserer Erinnerung! Ihr habt uns gehört. Erzählt davon! Übernehmt unseren Kampf gegen das Lügen, gegen das Vergessen – und für unsere Erinnerungen!"

Sehr geehrte Damen und Herren!

Europa hat heute mit gewaltigen Herausforderungen zu kämpfen. Wir ringen um gesamteuropäische Antworten auf die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise und der aktuellen Flüchtlingsbewegungen. Währenddessen gewinnen radikale Kräfte in ganz Europa an Zuspruch. Ängste der Menschen werden missbraucht, Tabugrenzen werden Stück für Stück verschoben.

Das Vermächtnis der Überlebenden aber mahnt uns zu beweisen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. Das sind wir ihnen und unseren Kindern schuldig!