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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich des Andenken an Rudolf Sarközi im Parlament

Montag, 11. April 2016

Liebe Familie Sarközi!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Wahrscheinlich geht es mir wie den Allermeisten: Wenn ich einen lieben Menschen verliere, kommt mir sofort die letzte Begegnung mit ihm in Erinnerung. So war es auch bei Rudi Sarközi: Es war Oktober, wir haben 20 Jahre Nationalfonds hier im Parlament gefeiert.

Rudi hatte sein Kommen nicht angekündigt, umso mehr habe ich mich gefreut als ich ihn im Publikum gesehen habe. Nachher sind wir noch hier in der Säulenhalle zusammen gestanden, haben geplaudert und uns verabschiedet. "Baba, Gib acht auf Dich, bis bald!" So unbeschwert kann der letzte Abschied sein, wenn man nicht weiß, dass er es ist. Prof. Rudolf Sarközi verstarb am 12. März im 72. Lebensjahr – viel zu früh.

Josef Ostermayer und ich waren uns sofort einig, dass wir das Programm für die geplante gemeinsame Veranstaltung zum "Internationalen Roma Tag" ändern. Um uns noch einmal ganz bewusst, gemeinsam und würdig von einem so beeindruckenden Menschen zu verabschieden, dem nicht nur die Volksgruppe der Roma, sondern ganz Österreich sehr, sehr viel zu verdanken hat.

Wir bedanken und verneigen uns. Vor dem Menschen und dem Lebenswerk, das Rudi hinterlässt.

Ich freue mich sehr, dass so viele seiner Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter heute gekommen sind. Ich möchte an dieser Stelle jenen Mann ganz herzlich begrüßen, der als Bundeskanzler die Mitverantwortung von Österreicherinnen und Österreichern an den NS-Verbrechen offiziell eingestanden und der Zeit seines Amtes als Bundeskanzler die Anliegen der Roma unterstützt hat. 

Noch einmal herzlich willkommen sehr geehrter Herr Bundeskanzler außer Dienst Dr. Franz Vranitzky!

Lieber Franz, dich verbindet mit Rudi auch etwas ganz Persönliches, ist doch deine Mutter in Lackenbach im Burgenland geboren. Dem Ort, wo auch Rudi 1944 im sogenannten Anhaltelager zur Welt kam. Dem Ort, wo Rudi 1945 von sowjetischen Truppen befreit wurde und sein Leben ein zweites Mal begann. Ich freue mich, dass du zum Leben und Wirken von Prof. Rudolf Sarközi sprechen wirst.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Anerkennung der Roma als sechste österreichische Volksgruppe ist einer der größten politischen Erfolge in Rudis Leben gewesen. Es war am 15. Oktober 1992, als der Nationalrat mit einer Entschließung einstimmig die Anerkennung der Roma als Volksgruppe eingefordert hat. Und ein Jahr später, im Dezember 1993, war es vollbracht: der Hauptausschuss des Nationalrats hat sie beschlossen.

Was dieser Beschluss bedeutet, wird vor allem dann bewusst, wenn wir zurückblicken: Es war die Anerkennung einer Volksgruppe, die über Jahrhunderte hinweg ausgegrenzt, verfolgt und schließlich von den Nationalsozialisten systematisch ermordet wurde. Über eine halbe Million Roma und Sinti in ganz Europa haben den NS-Terror nicht überlebt. Kaum ein österreichischer Rom hat die Befreiung erlebt, fast alle wurden ermordet.

Auch Rudi Sarközi hat einen Großteil seiner Familie nie kennengelernt. Viele waren aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern nicht zurückgekehrt. Diese Familiengeschichte hat Rudi zeitlebens geprägt. Er engagierte sich – mit großem Einsatz und zahlreichen Erfolgen – für eine würdige Erinnerung an eben jene Roma, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Aber die offizielle Anerkennung der Opfer ließ lange auf sich warten. Erst 1995, nachdem der Mordanschlag in Oberwart ganz Österreich erschüttert und wachgerüttelt hatte, änderte sich das: Im selben Jahr, 1995, als der Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus gegründet wurde, wurden die Roma als eigene Opfergruppe anerkannt und hatten Sitz und Stimme im Kuratorium des Fonds. Es war Rudi Sarközi der diesen Sitz bis zuletzt mit Weitsicht und Sensibilität, mit Konsequenz und Kompromissbereitschaft ausgefüllt hat.

Im Zentrum all seiner Bemühungen stand das, was auch den Nationalfonds ausmacht: gedenken, erforschen, aufklären und bilden; das Wissen in die Öffentlichkeit tragen.

Ich denke an die vielen Projekte, die er initiiert und mitgetragen hat: etwa die namentliche Erfassung der Roma-Opfer der NS-Zeit oder die Denkmäler für die ermordeten Roma in Mauthausen und in Lackenbach.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Beim letzten "Internationalen Roma Tag" im Parlament – Rudi diskutierte am Podium mit – sagte Karl Markus Gauß etwas, das mir in Erinnerung geblieben ist: "Vergangenheit haben wir, Geschichte müssen wir uns erst erschaffen." Die Roma in Österreich haben heute nicht nur eine Vergangenheit. Sie haben auch eine Geschichte.

Eine Geschichte, die Rudi Sarközi ganz wesentlich mitgeschrieben hat. Eine Geschichte, die über weite Strecken von Gewalt und Unterdrückung geprägt ist, aber gerade in den letzten Jahrzehnten auch von Selbstbestimmung und Anerkennung. Eine Geschichte, die nicht etwas Fremdes ist, sondern Teil der Historie unseres Landes, unserer Republik. Diese Geschichte ist es auch, auf die sich Generationen von jungen Roma beziehen können: heute wie auch morgen.

Sie soll ihnen Halt geben. Zeigen, dass Sie Teil der Gesellschaft sind. Sie kann ein Fundament für ihre Identität sein. Um dieses Fundament hinterlassen zu können, hat Rudi jahrzehntelang gekämpft. Er tat es für eine junge Generation, damit sie stark, selbstbewusst und stolz sein kann. Das war sein Ziel!

Ein Menschenleben kann nicht die Folgen jahrhundertelanger Diskriminierung und Ausgrenzung beseitigen. Doch ein Menschenleben kann große, bedeutende Veränderungen bringen. Rudi hat ein solches Leben gelebt. Er hinterlässt bleibende Spuren, Spuren, die uns heute den Weg in die Zukunft weisen.

Gehen wir – ganz in Rudis Sinn – diesen Weg mit Ausdauer, mit Zuversicht, mit Offenheit und mit viel Herz weiter.