LETZTES UPDATE: 14.03.2018; 23:17
Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich des Holocaust Gedenktages

Dienstag, 24. Jänner 2017

Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Zeilinger!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Der Weg zwischen dem Parlament und der Akademie der Wissenschaften ist ein kurzer. Er führt quer durch den Ersten Wiener Gemeindebezirk, entlang zahlreicher bekannter Orte und Adressen: Über den Heldenplatz und die Hofburg, den Michaelerplatz und den Graben, zum Stephansplatz bis hierher zum Dr. Ignaz Seipel-Platz, dem Ort wo die Wiener Universität ihren Ursprung hat.

Entlang dieses Weges liegt aber auch weniger Bekanntes: Etwa am Kohlmarkt 7: hier hat Fanny Weiss gewohnt. Sie ist Oktober 1942 als Jüdin aus Wien deportiert worden. Die Rotenturmstraße Nummer 5, das Haus, wo Ludwika Gottlieb bis zur Ihrer Deportation 1941 gelebt hat. Oder die Bäckerstraße 1, das Zuhause des 1914 geborenen Walter Stock. Sein Zuhause, bis er 1942 im Alter von 28 Jahren deportiert wurde.

Jede dieser Adressen erzählt die Geschichte eines Menschen, einer Familie. Jede dieser Adressen erzählt damit auch einen wichtigen Teil der Geschichte unseres Landes. Eine Geschichte darüber, dass Menschen ihre Nachbarn ausgegrenzt, beraubt und verfolgt haben. Eine Geschichte, die in einem unvergleichbaren Massenmord endete: dem Holocaust.

Diesen Freitag jährt sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum 72. Mal. Die Befreiung von Auschwitz ist Anlass für den Internationalen Holocaust Gedenktag, ein Tag, an dem die Erinnerung an die NS-Verbrechen im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht.

Um erinnern zu können, brauchen wir Wissen um die Vergangenheit. Aus diesem Grund steht im Mittelpunkt dieser Gedenkstunde ein Aspekt, der lange in Vergessenheit geraten und bis vor wenigen Jahren kaum erforscht war: die Sammellager in Wien. Lager im Herzen unserer Hauptstadt.

Ich bin mir sicher: wir alle kennen Bilder von den Deportationen in die Ghettos und Konzentrationslager. Bilder von Familien – Männern, Frauen und Kindern – die in Angst und Ungewissheit ihre Koffer tragen. Wir wissen, wohin diese Menschen ihre Koffer tragen mussten, was dort geschehen ist.

Mit der heutigen Veranstaltung blicken wir aber auf jene Orte, wo die Menschen ihre Koffer packen mussten. Wir blicken nicht auf die Endpunkte der Deportationen, sondern auf ihre Ausgangspunkte. Auf Orte, in unserer Nachbarschaft. Genauer gesagt auf die vier Orte in der Wiener Leopoldstadt, die für über 45.000 Menschen die letzte Station in ihrer einstigen Heimatstadt, in ihrem einstigen Heimatland gewesen sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Der Holocaust begann nicht in Konzentrationslagern. Der Holocaust begann in unserer Mitte.

Es gibt nur mehr wenige Menschen, die über diese Anfänge und darüber, was hier in unserem Land geschehen ist, erzählen und berichten können. Umso größer empfinde ich die Ehre, dass ich heute zwei dieser Zeitzeugen, zwei ganz außergewöhnliche Menschen begrüßen darf. Zwei Menschen, beide 1929 in Wien geboren. Zwei Menschen, die die Sammellager aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben und stets die Kraft aufbringen, darüber zu erzählen. Herzlichen Dank, Herr Professor Arik Brauer und Frau Doktorin Helga Feldner-Busztin!

Durch die Erzählungen der Überlebenden konnte die Geschichte der Sammellager erforscht werden. Auf Basis ihrer Berichte können wir auch in Zukunft an diese Orte erinnern.

Einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen leistet seit einigen Monaten eine Ausstellung der Akademie der Wissenschaften an einem zentralen Ort unserer Republik: Am Wiener Heldenplatz. Im Äußeren Burgtor werden die Anfänge der Deportationen auf Grundlage der Berichte von Zeitzeugen erzählt. Ich danke Ihnen, Herr Präsident Prof. Zeilinger, dass die ÖAW und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen so wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels unserer Zeitgeschichte leisten!

Mein Dank gilt nicht zuletzt den Historikerinnen und Historikern, die zur heutigen Veranstaltung beitragen. Sie alle haben um die Erforschung der nationalsozialistischen Verbrechen Großes geleistet. Sie ermöglichen, dass aus der Erinnerung von Überlebenden Geschichte geschrieben wird. Ich danke Ihnen dafür.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die im November verstorbene, große österreichische Lyrikerin Ilse Aichinger hat in den frühen 50ziger Jahren ihren Gedichte-Band „Kurzschlüsse“ veröffentlicht. Die Gedichte tragen großteils die Namen von Wiener Plätzen, Straßen und Gassen. Aichinger zeigt darin die Fragmente auf, die der Raub, die Verfolgung und der Massenmord der Nationalsozialisten in dieser Stadt hinterlassen haben. Es sind lyrische Eindrücke aus dem Nachkriegs-Wien, einem Wien voller unsichtbarer Lücken. Lücken, die wir nur dann entdecken, wenn wir wissen, was an ihrer Stelle einst war.

So beendet Ilse Aichinger ihr Gedicht „Stadtmitte“ mit den Worten: „Die Orte, die wir sahen, sehen uns an“.

Die drei Menschen, deren Adressen einst zwischen dem Parlament und der ÖAW gelegen sind, waren Menschen, die aus Wien deportiert wurden. Sie sind nicht mehr zurückgekehrt.

Fanny Weiss vom Kohlmarkt wurde 1942 in Maly Trostinec ermordet. Ludwika Gottlieb aus der Rotenturmstraße im selben Jahr in Litzmannstadt. Walter Stock aus der Bäckerstraße in Auschwitz.

Sie können ihre Geschichten nicht mehr erzählen. Ihre Adressen aber, sie sehen uns an.

- Es gilt das gesprochene Wort -