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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures bei der Veranstaltung "Baumeisterinnen der Republik"

Dienstag, 7. März 2017

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Frauen!

In Österreich gibt es heute mehr Bürgermeister, die den Vornamen Josef tragen, als es Bürgermeisterinnen gibt. Also, es gibt sie noch immer: die Männerbastionen.

Um solche Bastionen einzunehmen braucht es zuallererst Pionierinnen. Frauen, die voran gehen, Widerstände überwinden, die zeigen - sich selbst – und den anderen, dass sie es genauso gut – oder gar besser können.

Mit Grete Rehor, Hertha Firnberg, Freda Meissner-Blau und Barbara Prammer holen wir heute – am Vorabend des Internationalen Frauentages – vier bedeutende Pionierinnen unserer Zweiten Republik vor den Vorhang. Ihnen allen ist eines gemeinsam: jede von Ihnen war die Erste auf einem Platz, den bislang nur Männer innegehabt hatten. Und – auch das gilt als erwiesen: Keiner von ihnen wurde es dabei leicht gemacht.

Grete Rehor etwa trat am 19. April 1966 als erste Frau in Österreich das Amt einer Ministerin an. Rückblickend erzählte sie: „Ich habe sehr lange überlegt und bis zum letzten Moment große Bedenken gehabt, ob ich als Sozialministerin geeignet bin.“ Die Medien haben diese Zweifel noch verstärkt: „Es ist ein schweres Amt. Noch dazu für eine Frau!“, hieß es etwa in der Tageszeitung „Neues Österreich“. Und auch Bundeskanzler Josef Klaus, der Grete Rehor in sein Kabinett geholt hatte, hatte gewisse Anfangsschwierigkeiten: Als er sein „Männer-Kabinett mit Frau“ vorstellte meinte er etwas verlegen: „Wie sagen wir nun? Minister oder Ministerin?“ Die Herrenrunde entschied sich für „Frau Minister“. 4 Jahre später wurde Hertha Firnberg im Kabinett Bruno Kreisky zur ersten Wissenschaftsministerin der Republik. Kreisky war es auch, der einmal sagte: „Kämpfen die Frauen zu heftig, irritieren sie die männliche Umwelt. Kämpfen sie zu wenig, fühlen sich die Männer bestätigt in ihrer Selbstgefälligkeit.“

Zu Recht und aus guten Gründen hat sich die erste Frauenministerin der Republik - Johanna Dohnal - später für die Irritation entschieden. Ihr Leben und Wirken hat der ORF in einer eigenen Dokumentation mit dem Titel „Johanna Dohnal – das Leben einer Unbequemen“ gewürdigt.

Die vier Frauen, die der ORF III heute mit der neuen Film-Staffel „Baumeisterinnen der Republik“ portraitiert, hatten nicht alle denselben gesellschaftlichen Hintergrund und sie unterschieden sich in ihren Weltanschauungen. Aber allen gemeinsam war, dass sie – über Parteigrenzen hinweg – großen Respekt genossen haben. Das hat viel mit Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit zu tun. Mit Leidenschaft, klaren politischen Konzepten und der Bereitschaft zum Konsens. Mit der Fähigkeit, gesamthaft zu denken und zu handeln. Alle vier Frauen haben Geschichte geschrieben: Frauengeschichte.

Ich erinnere mich gerne an die Worte der Doyenne der Frauengeschichte, Gerda Lerner, die ich persönlich kennenlernen durfte. Sie sagte: „Beschäftigen wir uns mit Geschichte, dann ist der feministische Blick wesentlich, denn ohne eigene Geschichte ist uns Frauen die Möglichkeit eines historischen Selbstbewusstseins abgeschnitten. Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat.“ Es stimmt! Frauengeschichte hat auch immer einen emanzipatorischen und somit politischen Aspekt. Ich danke dem ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz dafür, dass der ORF mit dieser neuen Filmstaffel Frauengeschichte für ein breites Publikum sichtbar macht. Und ich danke Gabriella Hauch, Prof. für Frauen- und Geschlechtergeschichte, dass sie unseren Abend mit ihrer Expertise bereichert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Frauen!

Der Internationale Frauentag ist immer ein schöner Anlass für uns, einander unsere Solidarität zu versichern. Aber auch ein guter Anlass, um unsere Situation zu hinterfragen: Wo stehen wir Frauen im Jahr 2017 mit unseren berechtigten Anliegen und Forderungen?

Frauen und Mädchen haben in der Schule und an den Universitäten längst die Nase vorne: unter den Maturantinnen und unter den Studierenden gibt es mehr Frauen als Männer; 8 österreichische Universitäten werden mittlerweile von Frauen geleitet. Eine von Ihnen ist heute unter uns. Ich freue mich, dass wir die erste Rektorin der WU Wien, Univ.-Prof.in Edeltraud Hanappi-Egger, für unser Podium gewinnen konnten.

Auch der österreichische Kulturbetrieb wird langsam aber doch, von vielen großartigen Frauen geprägt: Das Wiener Burgtheater, die Grazer Oper, bedeutende Museen oder die Bregenzer Festspiele – um nur einige Beispiele zu nennen – werden heute sehr erfolgreich von Frauen geleitet. Ich freue mich, dass die erste Intendantin der Bregenzer Festspiele, Mag.a Elisabeth Sobotka heute unserer Einladung ins Parlament gefolgt ist. Danke, dass Sie heute nach Wien gekommen sind.

„Pionierinnen“ wie Sie sind Wegbereiterinnen und sie sind als Vorbilder unverzichtbar – insbesondere für Mädchen und junge Frauen, die am Beginn ihrer eigenen Lebensplanung stehen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Seit mehr als einem Jahrhundert kämpfen Frauen um ein selbstbestimmtes, unabhängiges und diskriminierungsfreies Leben. Starke Frauen und eine fortschrittliche Frauenpolitik haben viele große und unzählige kleine Erfolge erzielt. Am deutlichen zeigt sich der Fortschritt wohl, wenn wir das Leben unserer Großmütter mit dem Leben unserer Töchter vergleichen.

Dennoch gibt es nach wie vor eine Reihe von Ungerechtigkeiten, mit einem ungeheuren Beharrungsvermögen: Frauen sie sind in Führungspositionen unterrepräsentiert, verrichten noch immer den Großteil der unbezahlten Arbeit und verdienen noch immer weit weniger als ihre männlichen Kollegen. Umso wichtiger ist es, dass wir Frauen hartnäckig bleiben, dass wir Frauenrechte täglich aufs Neue erkämpfen und verteidigen. Dies sehe ich als Auftrag und als Vermächtnis, der „Baumeisterinnen der Rep.“ die uns dereinst vorangegangen sind.

Ich wünsche Ihnen allen einen interessanten und schönen Abend und allen Frauen alles Gute zum Internationalen Frauentag!

- Es gilt das gesprochene Wort. -