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Laudatio von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Überreichung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien an die Generalsekretärin des Nationalfonds Hannah Lessing

Mittwoch, 4. Oktober 2017, Stadtsenatssitzungssaal des Wiener Rathauses

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Stadtrat!
Geschätzte Frau Generalsekretärin, liebe Hannah!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

 
„Das hätte schiefgehen können. Ich habe mir damals nicht vorstellen können, wer das wirklich gut machen könnte. Das ist ein solches Glück für diesen Fonds gewesen, dass man gleich auf dich gestoßen ist.“

Hugo Portisch, niemand geringerer als die inoffizielle Stimme der österreichischen Zeitgeschichte, hat das über Dich, liebe Hannah, einmal gesagt.

„Das hätte schiefgehen können.“
Ja, das stimmt: Die Aufgaben, die der Nationalfonds zu bewältigen hatte, waren von Anfang an keine einfachen. Zugehen auf Überlebende, die verstreut in aller Welt leben. Zuerst sie, die Opfer, und dann die richtigen Worte finden. Der Fonds sollte jahrzehnte-altes Unrecht sozusagen „wiedergutmachen“ – wissend, dass nichts wieder gut gemacht werden kann. Das schien eine nicht zu bewältigende Aufgabe zu sein.

Es war ein Glück für den jungen Fonds, dass man Dich gefunden hat. Oder, dass diese Aufgabe dich gefunden hat: Denn es hätte kaum einen Menschen geben können, der dafür geeigneter gewesen wäre als Du.

Du kommst aus einer Familie, in der zwei wesentliche Elemente zusammenfinden:
Da ist zum einen die jüdische Seite Deiner Familie: Deine Großmutter Margit Lessing, die in Auschwitz ermordet worden ist. Dass Du sie nie kennenlernen konntest, hat Dein Leben mitgeprägt. Das Vermächtnis Deiner Großmutter ist Dir wohl immer ein Antrieb gewesen. Bis Österreich das Vermächtnis der Opfer des Holocausts gewürdigt hat, hat es lange gedauert.

Erst Ende der 70er-Jahre kam es zu einer Veränderung, zu der auch eine US- Fernsehserie im ORF beigetragen hat: die Serie „Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiss“. Nur wenige wissen, dass Du seinerzeit – als Teenager – eine Nebenrolle darin gespielt hast. Neben Meryl Streep warst Du als Sofia Alatri in einer Szene im Lager Auschwitz zu sehen. Dem Ort, wo Deine Großmutter ermordet wurde. Es hat sich wohl ein Kreis geschlossen, als Du zwei Jahrzehnte später Generalsekretärin des Fonds geworden bist.

Vor Deiner Bestellung zur Generalsekretärin erzählst Du von einem Gespräch mit Deinem Vater und Deiner Frage an ihn:

„Was würdest du als Opfer von so einem Fonds erwarten?“ Mein Vater wollte darauf nicht antworten. Ich habe ihn gepiesackt, bis er mich gefragt hat: „Kannst du mir meine Mutter aus Auschwitz zurückbringen oder mir meine Kindheit zurückgeben?“

Kein leichter Einstieg für Dich. Aber es war Dir ohnedies bewusst: Da ist nichts, was man ungeschehen machen könnte.

Auf der anderen Seite Deiner Familie, da ist Deine Mutter. Sie ist in einem nichtjüdischen Elternhaus großgeworden, kam im Krieg selbst noch zum Einsatz.
Sie war die Stimme der Fliegeralarme. Man hörte sie in Wien – im Radio und über Lautsprecher –, um vor Luftangriffen zu warnen. Nach dem Weltkrieg lernte sie Deinen Vater kennen, konvertierte zum Judentum, gründete eine Familie. Deine Mutter war es, die Dich auf der Suche nach Deiner jüdischen Identität bestärkt hat.

Zweifelsohne hat dieser familiäre Hintergrund Dich, liebe Hannah, stark geprägt. Ich denke, er hat Dir die Fähigkeit mitgegeben, die Menschen in all ihren Widersprüchen und all ihren Ambivalenzen zu verstehen. Zwischen Schwarz und Weiß nicht die Grautöne zu übersehen. Genau diese vermittelnde Art ist es, diese Fähigkeit zur Überbrückung der Gegensätze, die es in einer sensiblen Position wie der Deinen braucht.

Du hast schon viele Schwierigkeiten und Hindernisse mit Mut, Professionalität und Beharrlichkeit überwunden. Und Du hast dies mit Deinem Charme, mit Deiner Leidenschaft und mit Leichtigkeit gemacht – denn es sind gerade die schwersten Aufgaben, für die man oft die größte Leichtigkeit braucht.

Dabei waren die Überlebenden für Dich immer im Mittelpunkt. Einer von ihnen ist Alois Kaufmann. Er wurde im zarten Alter von 9 Jahren am Spiegelgrund interniert – er hat überlebt! Viele Jahre später hat er in einem Gedicht geschrieben:

„Hannah Lessing und ihr Team trockneten Tränen
gaben Hilfe in bester Weise
oft ungehört und sehr leise.“

Niemand weiß, wie viele Tränen es waren, die es zu trocknen galt. Die Kinder vom Spiegelgrund sind eine Opfergruppe, für deren Anerkennung und Würdigung Du Dich mit Deinem Team vom Nationalfonds eingesetzt hast.

Unzählige Überlebende sind im Laufe der Jahre zu Dir ins Büro gekommen, um ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Und immer wieder besuchst Du sie in den Ländern, in denen sie heute mit ihren Familien leben. Du bringst Ihnen Neuigkeiten aus ihrer alten Heimat und das aufrichtige Gefühl, in Österreich immer willkommen zu sein.

Viele, die nach Jahrzehnten in der Emigration wieder ihre Heimatstadt Wien besuchen, tun dies auch Deinetwegen. Und wenn sie einer Einladung des Jewish Welcome Service folgen, dann bist Du immer hier, um sie willkommen zu heißen.

Es wundert daher niemanden, dass es Dir gelungen ist, im Laufe der Jahre so viele Menschen zu erreichen und ihre Herzen zu berühren. Für viele Überlebende im Ausland bist Du, wie ein Leuchtturm, zu einem Orientierungspunkt und zu einem Symbol für die wiedergewonnene Heimat geworden. Und in Österreich bist Du eine Stimme für die Opfer geworden: Du erinnerst die Öffentlichkeit an das Schicksal der Opfer und sorgst dafür, dass sie nicht vergessen sind.

Dies tust Du auch, wenn Du an Schulen von Deiner Arbeit erzählst. Dann gibst Du die Geschichten der Überlebenden an junge Menschen weiter – eine Aufgabe, von der ich weiß, dass sie Dir besonders am Herzen liegt. Du streust die Saat der Erinnerung aus, damit daraus politisches Bewusstsein wachsen kann. So wie auch ein jüdisches Sprichwort sagt: „In einer Eichel liegt vielleicht die Schöpfung von tausend Wäldern.“

Liebe Hannah, mit Deinem beständigen Einsatz ist es Dir in über zwei Jahrzehnten gelungen, in den Köpfen und Herzen der Menschen in dieser Stadt, in unserem Land, etwas zum Besseren zu verändern.

Vor fünf Jahren hat Dir der damalige Bundespräsident Heinz Fischer das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich überreicht. Er hat mir erzählt, dass bei dieser Verleihung noch Deine Mutter anwesend war und neben Dir gesessen ist. Heute kann sie es nicht mehr. Ich weiß selbst, wie sehr die eigene Mutter im Moment solch einer Würdigung fehlt. Aber ich bin mir sicher, sie würde ihren Arm um Dich legen und sich denken: „Mein Kind, ich bin stolz auf dich“.

An ihrer Stelle möchte ich Dir – als Präsidentin des Nationalrates, als Deine Laudatorin und als Deine Freundin – sagen: Hannah, die Stadt, das Land Wien, ja die Republik Österreich ist stolz auf ihre Tochter!

Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zur Überreichung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien.