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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Eröffnung des Brucknerfests 2018 in Linz

Sonntag, 9. September 2018, Internationales Brucknerfests in Linz

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wer zu viel über Traditionen spricht, wirkt schnell alt. Ich gestehe, dass ich deshalb ziemlich froh bin, dass diesen Part heute ein junger Mann übernimmt.

Ich bin schon gespannt, welchen Weg Daniel Kehlmann wählen wird, um sich dem Gegenstand der Tradition anzunähern, ihn möglicherweise zu umkreisen oder vielleicht auch, sich von ihm wegzubewegen. Tradition ist definitiv ein Thema, das reichlich Stoff für Auseinandersetzung und diskursive Abwägungen liefert. Das Brucknerfest bietet einen ausgezeichneten Rahmen, um diesen Dialog aufzunehmen. Ich denke, es liegt auf der Hand: Traditionen sind ein Erbe unserer Vergangenheit. Doch was sind die Lichter in der Zukunft? Es sind die Utopien. Sie sind es, die uns vorwärtsstreben lassen, die uns den Mut geben, auch mit Traditionen zu brechen und neue Wege einzuschlagen.

Einige unserer Utopien von heute sind vielleicht die Traditionen von morgen. Schließlich hat auch unsere liberale Demokratie als Utopie begonnen. Niemand soll uns heute den Mut nehmen, an ein besseres und gerechteres Morgen zu glauben. An eine Welt, in der Chancen, Ressourcen und Lasten gerechter verteilt sind; eine Welt, in der Konflikte ohne Waffen gelöst werden, in der nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit Realität für alle sind.

Eine Welt, in der Fortschritt nicht auf Kosten sozial Schwacher oder künftiger Generationen erfolgt. Verantwortungsvoller Fortschritt braucht wirkliche Innovation und manchmal auch Disruption, wie man heute so gerne sagt, wenn man von der kreativen Kraft der Zerstörung spricht. Sie ist es, die bahnbrechende Neuerungen oft erst möglich macht. Aber Zerstören nur um des Zerstörens willen, hat keinen Wert. Es braucht ein überlegtes Verhältnis zwischen alt und neu. Was – um es mit Faust zu sagen – „wollen wir von dem, was uns vererbt wurde, auch selbst erwerben?“ Vivienne Westwood hat es einmal so ausgedrückt: „Konservatismus heißt: nichts zu ändern. Tradition bedeutet, etwas zu haben, mit dem man sich auseinandersetzen kann.“

Wir haben uns daher immer wieder die Frage zu stellen: Was hat sich so bewährt, dass es wert ist, mit in die Zukunft genommen zu werden? Und wie können wir es erhalten? Wir alle sind gefordert, ein Bekenntnis darüber abzulegen, was uns gut und wertvoll ist. Denn Tradition ist keine Verpflichtung. Tradition ist eine Entscheidung. Sie ist das, was eine Generation der nächsten Generation in den Koffer packt.

Uns allen fällt wahrscheinlich vieles ein, was gut und wertvoll ist, und was wir für unsere Kinder und Kindeskinder bewahren wollen: Eine intakte Umwelt und das saubere Wasser etwa, den Wohlstand, die Sicherheit, den großen Kulturreichtum und die hohe Lebensqualität. Vor allem aber die Freiheit, die Demokratie, die soziale Verantwortung füreinander und den aufrichtigen Respekt voreinander möchte ich für nächste Generationen im Koffern wissen.

Ich selbst bin in eine goldene Zeit hineingeboren, in der es steil aufwärts ging in unserem Land. Meine Jugend in den siebziger Jahren war geprägt vom Aufbruch, von Modernisierung und Öffnung, von Reformen und vom Durchlüften. Es war eine Zeit, in der es plötzlich auch für Menschen aus einfachen Verhältnissen ein Zukunftsversprechen gab. Es lautete: „Du bleibst nicht zurück! Du bekommst Chancen, egal was oder wer deine Eltern sind.“ Der Wohlfahrtsstaat wurde ausgebaut und der Zugang zur Bildung egalisiert – denken wir nur an das Gratisschulbuch oder den freien Universitätszugang. Gesellschaftliche Normen wurden in Frage oder gar auf den Kopf gestellt. Ich denke hier vor allem an die Rechte der Frauen, etwa das Recht der Frau auf ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben. Möglich wurden diese Reformen, weil wir in Österreich damals eine entwickelte Konfliktkultur pflegten. Es waren auch damals nicht immer alle einer Meinung. Aber es gab das gemeinsame Ziel, einen stabilen und breit getragenen demokratischen Konsens zu erreichen.

Ich wünsche mir, dass auch unsere Enkelkinder in einem Klima der Konsensdemokratie heranwachsen können, in der jene, die die Mehrheit haben, den Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen suchen. Denn die Konsensdemokratie wurzelt in der Dialogfähigkeit.

Die andere Seite ist die Konfliktdemokratie. Ja sicher, auch sie hat Befürworter, weil da – wie es so oft heißt – „etwas weiter geht“, weil schneller entschieden und Dinge rascher verändert werden können. Das mag schon stimmen. Aber welchen Preis zahlen wir dafür? Gesellschaftliche Gegensätze verschärfen sich, Fronten verhärten, das gedeihliche Miteinander wird zum Gegeneinander. Der soziale Frieden, der zu den größten Stärken der Zweiten Republik gehört, würde verspielt werden.

Dürfte ich also den Koffer weiter packen, auch die Konsensdemokratie wäre mit Sicherheit darin. Und sie wäre eingebettet in unsere europäische Union. Jene Gemeinschaft, die Europa nach 700 Jahren Krieg über sieben Jahrzehnte Frieden beschert hat. Aber auf nichts, und hat es sich auch noch so bewährt, gibt es eine Garantie. Alles, auch das Wertvollste, kann uns entgleiten, wenn wir nicht achtsam sind. Denn, um noch einmal Goethes Faust zu bemühen: „Sie nahen wieder, die schwankenden Gestalten.“ Im Vorfeld der Europawahl formieren sie sich auch schon, die Zerstörer der EU, zu einer gemeinsamen Front. Sie haben nicht die Stärkung der Union, sondern ihre Schwächung oder gar Zerstörung im Auge. Denn Nationalisten werden niemals für, sondern immer gegen die europäische Idee agieren. Sie können gar nicht anders, auch wenn sie anderes behaupten. Wer also will, dass wir auch zukünftig in einem vereinten, friedlichen, starken, sicheren, demokratischen und nach innen offenen Europa leben, der muss jetzt für die europäische Idee eintreten und sie auch verteidigen. Das schließt die kritische Auseinandersetzung mit ein.

Geschätzte Festgäste! Wir haben die Verantwortung, unseren Koffer klug zu packen. Er soll unseren Kindern keine Last sein, wenn sie in ihre Zukunft reisen. Er soll ihnen Orientierung bieten, wenn sie ihre eigenen Wege suchen. Und er soll ihnen ein festes Fundament sein, wenn sie nach den Sternen greifen. Nach den Sternen greifen auch alle Künstlerinnen und Künstler, alle Frauen und Männer, die das Brucknerfest durch ihr Können und ihren Einsatz zu einem außergewöhnlichen Kulturereignis machen. Ihnen gilt unser Dank und mögen sie alle, mit ihrer Kreativität, ihrer Leidenschaft und auch ihren Utopien, das Feuer der Begeisterung weitergeben! Möge das Brucknerfest noch reicher an Tradition, aber niemals alt werden!

Mit dieser Zuversicht erkläre ich das Brucknerfest 2018 für eröffnet!