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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures im Rahmen der Lesung „Die ersten Acht - Frauen im Plenum“ am Vorabend des Internationalen Frauentages 2019

Donnerstag, 7. März 2019

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Adelheid Popp war 22 Jahre jung, als sie ihre erste politische Rede hielt. Im Jahr 1891 bei einer Arbeiterversammlung in Wien. In ihrer Autobiographie hat sie dazu geschrieben: „Ich hob die Hand und bat um das Wort. (…) Als ich die Stufen zum Rednerpult hinaufging, flimmerte es mir vor den Augen und ich spürte es würgend im Halse. Aber ich überwand diesen Zustand und hielt meine erste Rede. Ich sprach von dem Leiden, von der Ausbeutung und von der geistigen Vernachlässigung der Arbeiterinnen.“

28 Jahre später, am 3. April 1919, sollte Adelheid Popp ihre erste Rede als Abgeordnete halten. Es war die erste Rede einer Frau im österreichischen Parlament. Wie es ihr dabei ging und was sie em­pfand, ist zwar nicht überliefert. Was aber überliefert ist, ist was sie gesagt hat. Und das werden wir heute noch hören. Ihre Rede zeugt von ihrer Entschlossenheit, ihrer Stärke und ihrem Kampfgeist.

Acht Frauen, sieben Sozialdemokratinnen und eine Christlich-Soziale zogen fast auf den Tag genau – am 4. März 1919 – als erste weibliche Abgeordnete in das österreichische Parlament ein. Es waren neben Adelheid Popp, Emmy Freundlich, Gabriele Proft, Amalie Seidel, Anna Boschek, Therese Schlesinger, Maria Tusch und Hildegard Burjan. Sie und viele Weggefährtinnen haben den Kampf um ihre demokratischen Rechte schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen. Und sie wa­ren erfolgreich.

Ihnen verdanken wir das allgemeine, freie, gleiche, geheime, persönliche und unmittelbare Wahlrecht. Für Frauen und Männer. Ihnen verdanken wir, dass Frauen in der Politik sicht- und hörbar wurden. Die­se ersten Acht traten für ihre Rechte und Interessen selbstbestimmt und selbstbewusst ein. Sie begannen Gesetze zu gestalten, zu verhandeln und mitzubestimmen. Das sehen wir, wenn wir diesen Frauen zuhören.

Wir haben heute am Vorabend des Internationalen Frauentages die wunderbare Möglichkeit, die Reden der acht Pionierinnen mit den Stimmen von vier herausragenden Ensemblemitgliedern des Burgtheaters zu hören. Ich danke Ihnen, dass Sie den Pionierinnen heute Ihre Stimme leihen. Herzlich Willkommen!

Die Reden zeigen uns das zarte Pflänzchen der Demokratie, das seine Wurzeln in der noch so jun­gen Ersten Republik geschlagen hat. Abgeordnete Adelheid Popp hat es in ihrer ersten Rede so for­muliert: „Die Republik muss die Grundlage für die Gleichheit aller Menschen schaffen.“ Die Gleichheit aller Menschen, der notwendige Kampf für soziale Gerechtigkeit und die Verbesserung der Le­bens­be­ding­ungen, besonders von Frauen und Kindern. Das stand im Mittelpunkt der Reden, die diese Pi­o­nier­innen gehalten haben. Ich denke an Abgeordnete Maria Tusch. Sie setzte sich dafür ein, dass die mühevoll erkämpften Rechte der Arbeiter und Angestellten des Tabakmonopols, auch nach dessen Verpfändung erhalten bleiben. Sie appellierte dabei an die Regierung – ich zitiere: „dass die Ar­bei­ter­schaft und die Angestellten dieser Betriebe nicht der ausländischen kapitalistischen Ausbeutung wehr­los ausgeliefert werden.“

Oder an die Rede der christlich-sozialen Abgeordneten Hildegard Burjan. Sie sagte zur Errichtung von Volkspflegestätten, die in ihrer christlich-sozialen Partei anfangs stark umstritten waren: Zitat: „dass es für die christlich-sozialen Mitglieder des Ausschusses aus prinzipiellen Gründen von großer Schwier­ig­keit war, dem Gesetz die Billigung zu geben.“ Das Gesetz wurde beschlossen, auch von den Christlich-Sozialen. Denn, so Burjan weiter: „wir glaubten, in diesem Moment alle anderen Rück­sich­ten in den Hintergrund stellen zu müssen.“ Abgeordnete Burjan zeigte damit, dass manchmal ide­o­lo­gi­sche Grenzen überwunden werden müssen, wenn es darum geht, jenen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Oder Abgeordnete Emmy Freundlich. Sie bot in ihrer ersten Rede einem Vorredner die Stirn. Ich zitiere: „Es hat einer der Herren Redner für notwendig gefunden, die Arbeitslosen in einer sehr un­lie­bens­wür­di­gen Weise zu behandeln; er hat wieder davon gesprochen, dass die Arbeitslosen eigentlich Arbeitsscheue sind.“

Bei vielen dieser vor 100 Jahren gehaltenen Reden, werden wir möglicherweise von der Aktualität überrascht sein. Ja, und vielleicht sogar ein Déjà-vu haben.

Geschätzte Gäste!

Wenn eine dieser acht Frauen vor 100 Jahren im Historischen Sitzungssaal ans Rednerpult kam, dann blickte sie in einen Saal mit 151 Männern, und nur sieben Frauen.

Wenn heute eine Abgeordnete hier an diesen Pult kommt, dann sitzen ihr immer noch 115 Kollegen gegenüber, aber doch schon 67 Kolleginnen. Aber noch immer nicht die Hälfte. Und darum geht es!

Vor 100 Jahren kämpften die Frauen erfolgreich dafür, dass sich die Türe endlich öffnet, die Sie zu lange von ihren demokratischen Rechten ausgeschlossen hat.

Heute sind Frauen vor dem Gesetz gleichberechtigt und vor Diskriminierung geschützt. Doch wir wissen: die Lebensrealität von Frauen ist eine andere. Und es ist unser Auftrag, das zu ändern. Wir müssen vehement für ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben eintreten. Wir müssen soziale und wirtschaftliche Benachteiligungen beseitigen. Frauen vor Altersarmut bewahren und vor Gewalt in den eigenen vier Wänden schützen.

Die acht Pionierinnen können uns dabei ein Vorbild sein. In der Klarheit der Sprache. In der Deut­lich­keit der Forderungen. So, wie es Adelheid Popp getan hat. Die übrigens genau heute vor 80 Jahren, am 7. März 1939, am Vorabend des Internationalen Frauentages im Schatten der Nazi-Diktatur in Wien gestorben ist.

Meine Damen und Herren, halten wir uns heute, am Vorabend des Internationalen Frauentages, un­ser­e Verantwortung vor Augen, dass es an uns liegt, wie die Geschichte der Frauen wei­ter­ge­schrie­ben wird. Und schreiben wir die Geschichte so weiter, dass wir zum Vorbild für unsere Töchter und Söhne werden können.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und einen ermutigenden Internationalen Frauentag 2019.

Fotoalbum

Parlamentskorrespondenz Nr. 234/2019