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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich des Empfanges für Holocaust Überlebende und deren Familien im österreichischen Generalkonsulat in New York City

Montag, 29. April 2019

Es gilt das gesprochene Wort.
 

Ich stehe heute in großer Demut und mit großem Respekt vor Ihnen.

Demut, weil ich weiß, was die Bürgerinnen und Bürger meines Landes Ihnen und Ihren Familien angetan haben.

Österreich hat Ihnen Ihre Wurzeln genommen und Sie in die Emigration gezwungen. Erst spät hat Österreich als Land, und die Österreicherinnen und Österreicher als Gesellschaft dieses Unrecht in aller Klarheit und Offenheit anerkannt.

Es war Bundeskanzler Vranitzky im Jahr 1991, der das unmissverständliche Eingeständnis unserer Verantwortung ausgesprochen hat. Seit dem hat sich vieles verändert. Österreich stellt sich seiner historischen Verantwortung, arbeitet seine Geschichte auf und pflegt einen ehrlichen und aufrichtigen Umgang mit der Vergangenheit. Ich denke an den Nationalfonds, die Gedenkdienstleistenden, die Restitutionen und vieles mehr.

Und ich stehe heute mit großem Respekt vor Ihnen. Respekt dafür, dass Sie nicht aufgehört haben, den Kontakt mit Ihrer Heimat von Damals zu suchen. Es muss Sie unendlich viel Kraft gekostet haben, diese Brücken wieder aufzubauen. Aber unendlich groß ist auch mein Dank dafür, dass Sie diese Kraft aufgebracht haben und nicht aufgegeben haben.

Heute sind viele beeindruckende Menschen hier. Erlauben Sie mir aber, eine Person ganz besonders zu begrüßen: Frau Professorin Gertrude Schneider!

Gertrude, Sie waren fast auf den Tag genau vor zwei Jahren zu Gast im Österreichischen Parlament. Sie haben anlässlich der Gedenkstunde am 5. Mai eine Rede gehalten, die mich tief berührt hat. Sie haben damals gesagt: „Die Erinnerung, sie tat immer weh, und sie wird immer weh tun.“

Aber ich habe auch die Freude in Ihren Augen und den Augen Ihrer Tochter gesehen, als Sie mir vom Vorabend erzählt haben. Gemeinsam mit Ihrer Tochter, bei uns in Wien. Und von den Topfenknödel, eine Ihrer Leibspeisen, die sie im 15. Bezirk gegessen haben. Ums Eck von dem Ort, wo einst Ihre Synagoge stand. Solche Momente vergisst man nicht.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind – dass wir uns wiedersehen! 
Es war der große österreichische – und ich denke man kann sagen – europäische Schriftsteller Stefan Zweig, der einmal gesagt hat: „Wer seine Wurzeln nicht kennt, kennt keinen Halt.“

So wie viele von Ihnen und Ihren Familien, hat auch Stefan Zweig seine Heimat Österreich hinter sich lassen müssen, um zu überleben. Auch wenn ihm seine Wurzeln durch unsagbare Gewalt entrissen wurden, so hat er nie vergessen, wo seine Heimat ist. Ja, er hat ihr literarische Denkmäler gesetzt, wenn ich etwa an sein Werk „Die Welt von Gestern“ denke.

Viele von Ihnen werden die Worte von Stefan Zweig viel besser verstehen als meine Generation, die die beschriebene Zeit nicht miterlebt hat. Und ich weiß, dass es unentschuldbar ist, was Ihnen angetan wurde, dass nichts und niemand den Verlust der Heimat ersetzen oder wiedergutmachen kann.

Was ich Ihnen versichern kann ist, dass wir alles dafür tun, dass Sie Ihre Wurzeln in der alten Heimat wiederfinden können. Sei es durch Besuche, die der Jewish Welcome Service jedes Jahr organisiert. Durch die Anlaufstelle und die Mitarbeiter des Nationalfonds der Republik. Durch die zahlreichen Ausstellungen, Publikationen und Forschungen die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Und durch unser offenes Herz und unsere ausgestreckte Hand, die Sie immer in Österreich willkommen heißen werden.

Geschätzte Gäste! Ich danke dem österreichischen Generalkonsul Dr. Helmut Böck und seinem Team, das unsere heutige Zusammenkunft ermöglicht hat. Und ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich möchte an dieser Stelle enden, damit wir ausreichend Gelegenheit für gemeinsame Gespräche haben. Aber zuvor lassen Sie mich einen Toast aussprechen.

Auf Sie und Ihre Familien! Auf Ihre neue Heimat ebenso wie auf Ihre alte Heimat! Und auf ein freies, demokratisches Österreich!