LETZTES UPDATE: 22.03.2018; 10:41
Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bei der Verleihung von Senioren-Rose und Senioren-Nessel

Dienstag, 20. März 2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich freue mich, dass ich heute das erste Mal dabei sein darf – als Senior, ich bin seit zwei Jahren Seniorenbund-Mitglied –, wenn Sie Ihre Preise verleihen, die Rose und die Nessel. Als Hobbygärtner muss ich sagen, dass die Rose eine Tausende von Jahren alte Kulturpflanze ist. Die Nessel gehört eigentlich zur Biodiversität dazu und gehört auch in jeden Garten, denn nur durch sie wird auch die Vielfalt möglich; es gibt bestimmte Schmetterlingsraupen, die nur die Brennnessel als Futterpflanze sehen. Beide kommen also in einem Garten vor, beide sind Symbol dafür, wie wir letzten Endes gewisse Dinge sehen.

Ich kann nur unterstreichen, wie wichtig es ist, solch eine Bewusstseinsarbeit zu leisten, wie es der Seniorenrat tut. Mit seinen Tausenden Funktionären und mit den Mitgliedern in den Teilorganisationen, die in die Hunderttausende gehen, leisten Sie für unsere Gesellschaft, aber auch für die nachwachsenden gesellschaftlichen Gruppierungen, die dann auch irgendwann einmal Seniorinnen und Senioren sein werden, einen ganz entscheidenden Beitrag. Daher ein herzliches Dankeschön, dass Sie diesen Preis überhaupt ausloben.

Das Zweite ist: Ihnen brauche ich nicht zu sagen, wie sich das Seniorenbild geändert hat. Ihnen darf ich aber sagen, wie wichtig Ihre Arbeit für die Gesellschaft im ganzheitlichen und im gesamtheitlichen Sinn ist, nicht nur in der Frage der Familienarbeit, sondern mehr denn je auch in vielfältigsten Formen im gesellschaftlichen Umgang mit Gruppierungen, die in unterschiedlicher Weise Ihre Unterstützung brauchen, die in unterschiedlicher Weise auch wieder hereingenommen werden müssen, integriert werden müssen.

Daher ist es für uns, die vielleicht noch im Arbeitsprozess stehen – ich würde jetzt einmal sagen, im Lohnarbeitsprozess, denn Sie stehen genauso in einem Arbeitsprozess, nur werden Sie dafür nicht mehr in der Form entlohnt, wie es bei den anderen passiert –, entscheidend, dass wir Menschen haben, die vieles von dem weiterführen und fortführen, was eigentlich die Gesellschaft in dieser Form nicht erbringen kann.

Ich darf Ihnen nur zwei Beispiele geben, die für uns ganz entscheidend sind: Das ist auf der einen Seite die soziale Empathie, die Sie Ihren Kolleginnen und Kolleginnen, der Gesellschaft insgesamt und auch den Kindern und Kindeskindern geben. Sie kennen wahrscheinlich alle die Geschichte: Wer liest den kleinen Kindern etwas vor? – Die Eltern haben keine Zeit, es sind immer Oma, Opa oder ein Onkel oder eine Großtante oder vielleicht auch ein Vorleser. Es geht aber nicht nur um dieses Vorlesen, sondern es geht um die persönliche Kontaktnahme, denn wir wissen heute, dass unsere Kinder – die Schulzeit mitgerechnet – ungefähr 8 Stunden täglich vor den Fernsehern oder vor den elektronischen Geräten zubringen. Das heißt, während dieser Zeit kommuniziert kein Mensch mit ihnen.

Da unsere Gesellschaft natürlich auch so aufgebaut ist, dass sie ihre Zeitressourcen sehr, sehr „ökonomisch“ – unter Anführungszeichen – einsetzt, bleibt für solche zwischenmenschlichen, empathischen Beziehungen ganz wenig Raum. Wir wissen aber, dass für die Entwicklung von Kindern gerade diese empathische Beziehung eine ganz entscheidende Entwicklungsunterstützung bringt. Daher ist das natürlich nicht nur für die Kinder per se, sondern insgesamt für die gesellschaftliche Entwicklung von ganz entscheidender Bedeutung. Da geht es nicht nur darum, etwas in der eigenen Familie oder in der Unterstützung für Menschen, die alleine sind, zu tun, sondern das ist ein grundsätzlicher Zugang, weil Sie vielleicht noch nicht zu der Generation der sogenannten Digital Natives zählen, die mit der Digitalisierung aufgewachsen ist. Das ist das eine.

Wenn Sie sich die Entwicklung ansehen, dann ist das Zweite, das heute mehr an Bedeutung gewinnt, das, was wir Leitlinien, Haltung oder Erfahrung nennen. Immer mehr zeigt sich in unserer Gesellschaft, dass junge Menschen, aber nicht nur junge, sondern Menschen allen Alters, eine Haltung brauchen, an der sie sich orientieren können.

Aufgrund der Tatsache, dass durch die Globalisierung alles zeitgleich passiert, dass vieles in das Wohnzimmer reingespielt wird, was wir gar nicht verarbeiten können, aufgrund der Tatsache, dass man eigentlich viele Entwicklungen gar nicht mehr in dieser Form mitbekommt, aufgrund der Tatsache, dass man sich eigentlich überall aufgrund des Internets einloggen kann, zeigt sich, dass wir in zwei Parallelwelten zu leben beginnen. Da ist es, glaube ich, für uns ganz entscheidend, dass wir den Menschen in dieser Vielfalt aus einer Erfahrung heraus auch eine Richtschnur, eine Haltung, eine Werteorientierung, eine Ausrichtung geben.

Es wird wieder immer mehr von der Fülle des Wissens, auch von einem Erfahrungswissen gesprochen. Wir sehen, dass auch in der modernen Kommunikation dieser Begriff der Erfahrung einen ganz zentralen Anteil einnimmt. Es gibt einen scherzhaften Spruch: Die Jüngeren sind zwar die Schnelleren, aber die Älteren wissen die Abkürzung! – Aus dieser Situation heraus kann man eigentlich sehr schön erklären, was damit gemeint ist, dass man sich nämlich nicht ob jeder Situation in besonderer Art und Weise zu echauffieren braucht. Wir glauben ja manchmal, wenn wir die Zeitungen aufschlagen, dass wir in einer der schlechtesten Welten leben.

Das Buch „Homo Deus“ von Harari, ein erst jüngst erschienenes Buch, hat sehr klar die letzten Jahrzehnte analysiert: Wie schaut es mit unseren Seuchen und Epidemien aus? Wie schaut es mit den Entwicklungen nach Kriegen aus? Wie ist es mit der Armut? Die Ergebnisse sind für mich fast unglaublich. Man würde vermuten, dass durch kriegerische Einwirkungen Hunderttausende sterben würden. Man stellt aber fest, dass im Jahr 2012 oder 2013 durch Gewalteinwirkung etwa 700 000 Menschen ums Leben gekommen, über 500 000 durch kriminelle Aktionen, nur über 100 000 durch kriegerische Einwirkungen. Wenn wir die Epidemien anschauen: Sie können sich vielleicht noch an die letzte erinnern, an die Ebolaepidemie, als man geglaubt hat, dass ganz Europa untergehen würde. Die Spanische Grippe hat 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs mehr Todesopfer gefordert als der Krieg selbst – Millionen! Die Ebolaepidemie hat 30 000 Tote gekostet, 30 000 zu viel, aber Sie sehen, wie der medizinische Fortschritt dazu geführt hat, dass wir solche Erscheinungen schlussendlich wesentlich schneller und effizienter in den Griff bekommen.

Das Letzte ist die Frage der Armen oder der Hungerleidenden: Wir haben noch im 20. Jahrhundert Millionen Tote durch Hungersnot gehabt, heute sterben aufgrund der Überernährung mehr Menschen an Übergewicht und an den sogenannten zivilisatorischen Erkrankungen als an Hunger. Es gibt drei Millionen Tote aufgrund des Übergewichts und der letzten Endes daraus resultierenden Stoff­wechsel­erkrankungen und nur 700 000 wegen des Hungers. Das sind noch immer zu viele, und trotzdem haben wir den Eindruck, dass alles schlechter wird. Es wird nicht schlechter, nur die Haltung, die man oftmals an den Tag legt, ist eine, die sich gerne im sogenannten Katastrophenszenario bewegt.

Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben – wir haben das auch jetzt wieder gesehen, als wir in diesem Jahr Zeitzeugen eingeladen hatten –, Menschen, die die Nachkriegszeit in Österreich oder woanders erlebt haben, auch Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, beurteilen das ganz anders, viel gelassener, viel, viel stärker aus einer dementsprechenden Überblicksposition. Das ist Ihr Erfahrungswissen, Ihr Erfahrungsschatz und letzten Endes auch diese etwas notwendige Unaufgeregtheit. Und zwischen diesen beiden Polen leisten Sie für uns in allen gesellschaftlichen Funktionen, in denen Sie tätig sind, in allen Bereichen eine unverzichtbare Arbeit. Daher ein herzliches Dankeschön für Ihr Engagement heute und für die restlichen 364 Tage, dort, wo Sie sich in den Vereinen, in den Organisationen oder in den Familien einbringen.

Herzlichen Dank!