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Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anlässlich des Empfangs für Überlebende der Schoah

Freitag, 9. November 2018

Sehr geehrte Damen und Herren!

Werte Altösterreicherinnen und Altösterreicher aus Israel, die Sie die Schoah überlebt haben, die auf Einladung des Herrn Bundeskanzlers an diesem traurigen Gedenktag Ehrengäste hier im Nationalrat, im Herzen unserer Demokratie sind!

Besonders begrüße ich Herrn Gideon Eckhaus, den Präsidenten der Vereinigung österreichischer Pensionisten in Israel: Schalom!

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Werte gnädige Frau!

Herr Bundeskanzler!

Herr Vizekanzler!

Werte Mitglieder der Bundesregierung!

Frau Präsidentin des Bundesrates!

Werte Präsidentinnen des Nationalrates!

Eminenz Kardinal Schönborn!

Rabbi Arthur Schneier mit seiner liebenswürdigen Gattin!

Alle Vertreter der Religionsgemeinschaften!

Bischof Bünker!

Metropolit Arsenios!

Exzellenzen, insbesondere die Botschafterin des Staates Israel! Herzlich willkommen!

Alle Klubobfrauen und Klubobmänner der im österreichischen Nationalrat vertretenen Parteien!

Werter Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Deutsch mit so vielen, mit denen du heute gekommen bist!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Österreich hat sich verändert. Vielleicht ist Ihnen kurz nach Ihrer Ankunft aus Israel eine solche Ver­än­de­rung aufgefallen oder vielleicht haben Sie an einem der vergangenen Abende von der Urania oder dem Schwedenplatz aus dies gesehen: Eine große österreichische Versicherung hat in Kooperation mit einer Bank sowie dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ein sehr berührendes Zeichen des Gedenkens gesetzt. Für die Fassade des Büroturms dieser Versicherung wurde eine Licht­installation kreiert, mit der in diesen Tagen der Opfer der Schoah in jener Form gedacht wird, dass die Namen jener Österreicherinnen und Österreicher, die an der Stelle, an der dieser Büroturm heute steht, im Jahre 1938 gelebt haben, auf dem Gebäude stehen. Auf der Fassade des Turms stehen heute in großen Lettern und für alle weithin sichtbar die Namen jener Menschen, die dort gelebt haben, deportiert wurden, gedemütigt wurden, gefoltert, erschossen und in Gaskammern der Konzentrations­lager ermordet wurden. Ermordet wurden sie aus keinem anderen Grund, als dass sie Jüdinnen und Juden waren! Das sind 68 Namen von 68 Menschen, 68 Leben – Männer und Frauen, Kinder und Greise. Ihre Namen lesen wir nun Abend für Abend wieder auf der Fassade dieses Turmes. Sie stehen symbolisch für alle 66 000 ermordeten Österreicherinnen und Österreicher jüdischen Glaubens.

Österreich hat sich verändert, denn dies ist kein vom offiziellen Österreich organisiertes Gedenken, nein, es ist eine private Initiative zweier Unternehmen, die ein Zeichen der Erinnerung setzen wollten, ein demütiges Zeichen des Gedenkens, verbunden mit einer klaren Botschaft: Niemals wieder! Niemals wieder dürfen Verhetzung und Hass unser Land und unsere Gesellschaft derart bestimmen und zu Taten verleiten, die gegen alles gehen, was uns als Menschen ausmacht. In der Tat, Vergangenheit schafft Gegenwart, und die Gegenwart gestaltet die Zukunft. Sich zu erinnern, eröffnet uns eine Chance, aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse zu ziehen. Zu gedenken gibt dem Vergangenen für Gegenwart und Zukunft Bedeutung und Relevanz. Wer sich seiner Geschichte nicht stellt, den stellt die Geschichte!

Es ist uns ein besonderes Anliegen, uns an die Zeiten des NS-Terrors zu erinnern, immer wieder an die von vielen Österreicherinnen und Österreichern gesetzten Taten in der Reichspogromnacht zu erinnern. Es ist uns ein tiefes Anliegen, den Opfern der Schoah ein ehrendes Andenken zu geben. Ich finde, es ist ein ebenso wichtiges wie berührendes Zeichen, wenn es in unserer Gesellschaft heute solche Initiativen wie diesen Namensturm gibt. Gerade diese Ini­ti­a­tive des Namensturms macht umso mehr betroffen, wenn man bedenkt, dass an einem Ort, an einer Adresse jener 68 Opfer gedacht wird, die eben an genau diesem Ort und an genau dieser Adresse gelebt haben. Würden wir in dieser Form aller 66 000 jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Österreich gedenken, dann bräuchten wird 1.000 solcher Namenstürme!

Österreich hat sich verändert. 20 Jahre des Redens, des Vorstellens, des Einforderns durch den nimmermüden Kurt Tutter haben ein glückliches Ende gefunden. Die in den nächsten Monaten zu realisierende Namensmauer soll ermöglichen, den 66 000 Ermordeten ihre Identität im öffentlichen Raum wiederzugeben, der Verwandten und Freunde an einem stillen Ort zu gedenken. Ich danke Herrn Tutter und allen seinen Mitstreitern, dass sie in all den Jahren den Glauben an die Realisierung nicht verloren haben. Ich danke dem Bundeskanzler und der Bundesregierung, im Gedenkjahr die Finanzierung sichergestellt zu haben, im Voraus den Ländern und allen Unterstützern, und ich danke dem Landeshauptmann für die Bereitstellung des Ostarrichiparks.

Viele Österreicherinnen und Österreicher haben in der Zeit des Nationalsozialismus Schuld auf sich geladen, denn es waren keine Opfer, die am Heldenplatz gestanden sind und gejubelt haben, doch auch die junge und wiedererstandene Republik hat nach 1945 nicht nur Ruhmesblätter geschrieben. Allzu lange hat sich Österreich im Selbstverständnis, ein Opfer des Dritten Reichs gewesen zu sein – jawohl, die Republik war ein Opfer, aber nicht alle Österreicherinnen und Österreicher! –, seiner Verantwortung gegenüber den wirklichen Opfern entschlagen, in Fragen der Restitution und der Wiedergutmachung genauso wie im Verhältnis zum Staate Israel. Erst spät und zögerlich wurden in diesen Fragen schließlich relevante Schritte gesetzt, doch zu keinem Zeitpunkt hat man sich dazu durchgerungen, jene, die vertrieben wurden, zur Rückkehr in die alte Heimat, zur Rückkehr in ihr altes Eigentum einzuladen.

In diesem Sinne ist es für mich als Präsident des österreichischen Nationalrates auch persönlich wichtig, dass auch heute noch mit dem Nationalfonds unter der Leitung von Hannah Lessing hervorragende und gute Arbeit geleistet wird. Es ist mir wichtig, dass nun mit einem neuen Staatsbürgerschaftsrecht sicher­gestellt wird, dass jede und jeder, die oder der einmal Österreicherin oder Österreicher gewesen ist, auch heute wieder Österreicherin oder Österreicher sein kann, einschließlich – und das ist der Unterschied zu früher – ihrer oder seiner Nachfahren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist hoch an der Zeit, doch nichts und niemand kann Ihnen das ersetzen, was Ihnen seinerzeit angetan wurde, was Ihnen geraubt wurde: Ihre Heimat, Ihr Zuhause, Ihr Eigentum, Ihre Kindheit, Ihre Familien. Ich weiß, viele von Ihnen sind bei allem Zwiespalt und innerem Konflikt heute auf Einladung der Bundesregierung in Ihr Wien, in Ihr Österreich zurückgekommen, das Sie noch immer im Herzen tragen. Als Präsident des Nationalrates und damit Repräsentant der österreichischen Volksvertretung – auch Ihrer Volksvertretung, der Volksvertretung Ihres Geburtslandes – empfinde ich vor diesem Hintergrund eine moralische Verantwortung, Ihnen hier und jetzt auch in die Augen zu sehen, mich in aller Demut und mit allem Respekt vor Ihnen zu verneigen und Sie für Österreich auch um ein Verzeihen zu bitten.