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Rede des Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka anlässlich der Buchpräsentation "Aufnahmeland Österreich. Über den Umgang mit Massenflucht seit dem 18. Jahrhundert"

Dienstag, 13. März 2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich freue mich, dass ich Sie heute im Innenhof des Palais Epstein anlässlich einer Buchvorstellung und einer Präsentation von Inhalten begrüßen darf, die sich auf ein brisantes Thema beziehen, das uns in den letzten Jahren zunehmend beschäftigt hat. Wie man dem Buch entnehmen kann, gehört es zu unserer Geschichte – eigentlich zur Menschheitsgeschichte allgemein – ganz zwangsweise dazu: Seit es Menschen gibt, halten sich diese in Lebensräumen auf, und dort, wo sie in einer besonderen Art und Weise angegriffen werden beziehungsweise die Nahrungs- und Lebensmittelgrundlage verlieren, verlassen sie diese Räume. Flucht gehört seit Menschengedenken zum menschlichen Dasein dazu.

Das österreichische Parlament, der Nationalrat hat in seiner Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften immer wieder in besonderer Art und Weise Buchpublikationen oder andere Aktivitäten der Akademie der Wissenschaften unterstützt. Für uns ist es notwendig, dass wir auch abseits der aktuellen Situation einen sehr klaren und nüchternen Blick auf die Tatsachen richten. Vieles aus der Haltung in den Jahren 1956, 1968, 1980 wird in der aktuellen Diskussion, wie Sie aus den einzelnen Beiträgen des Buches – ich habe nur ganz kurz hineingelesen – erkennen können, als Rechtfertigung transportiert; aus der heutigen Sicht vermeint man, die Leistungen der Österreicherinnen und Österreicher wären großartig gewesen, bei näherem historischen Blick zeigt sich die eine oder andere Tatsache von ganz anderer Seite und die Mengengerüste werden ganz andere.

Ich bedanke mich dafür, dass man sich anlässlich dieser ungeheuren Herausforderung des Jahres 2015/16 – und sie dauert in der Frage der Integration bis zu einem gewissen Grad bis heute an – von wissenschaftlicher Seite die Mühe gemacht hat, etwas weiter, nämlich bis zu 300 Jahre, zurückzublicken und einen größeren Zeitraum aufzuarbeiten, in dem Österreich immer wieder mit Flucht und Vertreibung konfrontiert war.

Ich selbst habe in meiner früheren Position als Landesrat in Niederösterreich ein Institut unterstützt, das sich insbesondere mit Flucht und Vertreibung im Zusammenhang mit der Zeit nach 1945 – beginnend eigentlich schon 1944 und 1945, wie auch der Beitrag von Perzi zeigt – auseinandergesetzt hat.

Ich denke, dass es unsere Aufgabe ist, abseits der politischen Aktualität insbesondere auch einen historischen Blick darauf zu werfen, wie Österreich mit dieser Situation umgegangen ist. Es wird in geraumer Zeit notwendig sein, auch die Jahre 2014/2015 bis 2017 auch aus einer historischen Sicht aufzuarbeiten, weil es notwendig ist, dieses nüchterne Gerüst immer wieder dem entgegenzustellen, was durch den Zeitungsjournalismus, die sogenannte öffentliche Meinung oder das Wiederholen von Vorurteilen, falschen Tatsachen und falschen Zahlen immer wieder kolportiert wird.

Ich halte diese Arbeit deshalb für so wichtig, weil sie uns auch in der aktuellen Diskussion eine entsprechende Unterstützung gibt und unseren Blick dafür schärft, wie wir mit den historischen Tatsachen wirklich umgehen. In einem Jahr, das als Bedenkjahr und Gedenkjahr in besonderem Fokus steht, weist das auch sehr, sehr klar in die Zukunft: Wir beurteilen das Gestern von heute aus und fragen auf das Morgen gerichtet, wie wir schlussendlich in der Zukunft mit diesen Tatsachen umgehen, vor allem mit den Folgen der Fluchtbewegung.

Wir haben lange Zeit gebraucht, bis wir die Situation der Sudetendeutschen, der Vertriebenen nach 1945 aufgearbeitet haben. Lange Zeit war das gar nicht im Blickfeld der Wissenschaft, auch nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit, weil es politisch nicht opportun erschien. Wir haben auch heute wieder die Situation, dass gewisse Themen aufgrund der politischen Herausforderungen – insbesondere auch der europäischen Dimension in Verbindung mit dem Nahen und Mittleren Osten beziehungsweise mit Afrika und dann schlussendlich mit dem europäischen Asylsystem – nicht in der Form dargestellt werden oder untersucht werden, wie das eigentlich notwendig wäre.

Ich denke, dass mit diesem Buch mehr denn je ein Ansatz gefunden wurde, dieses Thema ganz intensiv zu beleuchten, sodass man mit Mythen aufräumt, aber auch klar die Themen positioniert, die lange Zeit eben keine entsprechende Bedeutung hatten und keine entsprechende Beachtung gefunden haben.

Ich darf mich ganz, ganz herzlich bei den Historikern bedanken, auch beim Vorstand des Instituts für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien, Herrn Universitätsprofessor Philipp Ther: Herzlich willkommen bei uns! Es ist Ihre Arbeit, Ihre Unterstützungsarbeit mit vielen Autoren dieses Buches, die schlussendlich zur Vorlage dieses Werkes geführt hat. Ich darf auch herzlich Dr. Börries Kuzmany und Dr. Rita Garstenauer begrüßen, die heute ihr Buch vorstellen werden. Herzlichen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind! Moderieren wird diese Veranstaltung Frau Dr. Hildegard Schmoller, die ich auch herzlich willkommen heißen darf.

So wünsche ich uns einen spannenden späten Nachmittag, der dann eine Etage höher fortgesetzt wird, was vielleicht auch noch die Diskussion unter den Gästen anregt und befeuert, sodass dieses Buch nicht nur gekauft und gelesen wird, sondern auch in der Wirkung nach außen das entfaltet, was sich die Autoren wünschen und von der politischen Seite her ganz wesentlich ist, nämlich neben der Tagesaktualität auch immer wieder einen sehr konzentrierten wissenschaftlichen Blick auf die Dinge zu richten.

In diesem Sinne darf ich Sie bitten, mit der Vorstellung des Buches zu beginnen, Frau Dr. Schmoller!