Suche
Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bei der Eröffnung der Wanderausstellung „The Holocaust: Annihilation, Liberation, Rescue“

Freitag, 1. März 2019

Sehr geehrte Frau Kinsky!

Sehr geehrter Herr Professor Altmann!

Sehr geehrte Frau Lessing! Verehrte Exzellenzen!

Werte Nationalräte und Bundesräte!

Es ist für mich selbstverständlich, dass wir uns bei unserem Besuch in Moskau und bei unserem ersten Kontakt mit Professor Altmann nicht nur sehr gerne bereit erklärt haben, sondern es als eine Verpflichtung gesehen haben, diese Ausstellung, die schon in vielen Parlamenten weltweit gezeigt wurde, auch nach Österreich zu holen. Dies aus mehreren Gründen: Sie wissen, des Jahres 1918 und des Jahres 1938 wurde im Vorjahr sehr intensiv gedacht, und diese Jahre wurden auch aus der heutigen Perspektive immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Das ist 2019 nicht zu Ende, und das wird auch in den nächsten Jahren nicht zu Ende sein. Dieses Erinnern, Ermahnen, aber auch Handeln ist für uns ein permanenter Auftrag aus der Verpflichtung aus unserer Geschichte heraus.

Wir wissen ganz genau, dass die Geschichte in diesen letzten Jahren, insbesondere, was den Blick auf die Sowjetunion und auch die danach folgende Zeit betrifft, nicht immer mit jenem Augenmaß bedacht wurde, das letzten Endes den einzelnen Ereignissen gerecht würde. Dass die sowjetische Armee und Russland einen großen Beitrag zur österreichischen Befreiung geleistet haben, ist seit Jahren auch bei uns fest verankert. Dass aber die sowjetische Armee auch einen ganz großen Beitrag zur Befreiung der Insassen der Konzentrationslager, insbesondere auch zur Rettung der überlebenden Jüdinnen und Juden geleistet hat, dass die Sowjetunion mit großem Blutzoll auch unter der Zivilbevölkerung, insbesondere auch unter der jüdischen Bevölkerung, Enormes zu ertragen und zu erdulden hatte, das wird nicht immer in diesem Maße gewürdigt.

Objektivität gibt es leider in der Geschichte nicht wirklich, sondern es entsteht aus den vielen subjektiven Zugängen ein Bild, das wir in der Annäherung als objektiv erkennen können. Letzten Endes ist dieses Bild aber nie in diesem Maße in diese Waage, in diese Mitte gekommen. Ich denke, dass diese Ausstellung gerade im Parlament eine besondere Aufgabe hat. Im Parlament als dem Hort der Demokratie und auch der Grundlage für eine dann auszuübende Rechtsstaatlichkeit ruft diese Ausstellung den Mitgliedern des Parlaments einmal mehr in Erinnerung, wie wichtig ihre Arbeit heute angesichts dieses Verbrechens, angesichts dieser Katastrophe ist, die unsere Geschichte ganz wesentlich geprägt hat und angesichts derer wir uns auch verantwortlich fühlen.

Österreich war nicht nur Opfer, sondern in vielfacher Hinsicht – und das ist immer wieder zum Ausdruck gekommen – auch Täter. Ich denke, dass diese Ausstellung das einmal mehr zeigt. Wir gedenken des 27. Jänner, gerade des Tages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, als des internati­o­nalen Holocaustgedenktages, der damit auch untrennbar mit den Leistungen der sowjetischen Armee in Verbindung zu bringen ist.

Ich denke, dass diese Ausstellung auch einmal mehr zeigt, in welchem Verhältnis damals die Armeen gestanden sind, welche Aufgaben sie trotz der Kriegsführung hatten und wie sie letzten Endes vor allem auch ihr humanitäres Anliegen gezeigt haben. Es ist jedem einzelnen Arzt, jedem einzelnen Soldaten, der zur Befreiung und dann auch zur Rettung der Holocaustüberlebenden einen Beitrag geleistet hat, auch retrospektiv immer wieder zu danken.

Herr Botschafter, Sie haben ausgeführt, dass es um die Mahnmale, um die Friedhöfe geht. Ich glaube, da hat Österreich grosso modo – es gibt immer vieles zu tun – eine sehr, sehr verantwortungsvolle Position eingenommen. Was die Leistungen gerade hinsichtlich der Befreiung der Konzentrationslager betrifft: Ja, im Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Mauthausen, wo russische Kriegsgefangene auf bestialische Weise gefoltert, gefangen gehalten und schlussendlich auch ermordet wurden – neben vielen anderen: Jüdinnen und Juden, Roma, Menschen, die das Regime als Verbrecher bezeichnet hat, politischen Gefangenen, Homosexuellen, all diesen Gruppen, die im KZ interniert waren – war auch Russland in ganz besonderer Art und Weise betroffen.

Ich denke, dass es für uns heute eine doppelte Bedeutung hat, diese Ausstellung zu zeigen. Daher darf ich mich zuerst bei Ihnen sehr herzlich bedanken, dass Sie es uns möglich gemacht haben, diese Ausstellung hier zu präsentieren, vor allem auf Deutsch zu präsentieren, in unserer Landessprache – auch der Film wird in der Übersetzung gezeigt. Es ist, glaube ich, nicht eine Frage der Vielzahl. Es kann oft ein einzelnes Bild, es kann oft eine einzelne Darstellung mehr im Betrachter bewegen als eine lange Geschichte. Hinsichtlich der Reflexionsfähigkeit sagt ein Bild oft mehr als tausend Worte.

Dass wir heute wieder die Möglichkeit haben, auch jenen Menschen zu begegnen, die diese Hölle überlebt haben, und aus ihrer authentischen Überlieferung einmal mehr dieses emotionale Verantwortungsgefühl zu spüren, dafür darf ich Ihnen, Frau Kinsky, ganz, ganz herzlich danken.

Ich habe das vor wenigen Tagen mit einer anderen Dame aus Österreich erleben dürfen, nämlich Frau Pressburger, die sich unseren jungen Teilnehmern der Demokratiewerkstatt als Diskutantin, als Auskunftsperson, als ungeheuer präsente Geschichtsvermittlerin zur Verfügung gestellt hat – ein Beitrag, den vor allem auch die junge Generation in Österreich als ganz wesentlich sieht und dankbar annimmt.

So zeigt sich, auch wenn die aktuelle Studie des Ifes-Instituts zum Antisemitismus in Österreich, auf die ich in besonderem Maße verweisen darf, noch nicht ganz fertig ist, dass junge, gebildete Österreicherinnen und Österreicher wesentlich weniger anfällig sind, antisemitisch zu denken oder zu überlegen, als Ungebildete oder auch Ältere.

Es zeigt sich aber ein Phänomen, das in dieser Studie in ganz besonderer Art und Weise zum Tragen kommt: jenes eines neuen Antisemitismus, in einer Breite, in einer Ausdehnung, wie wir sie auch in Österreich nicht erwartet haben; das wird uns vor große Herausforderungen stellen. Wenn wir sehen, dass in Österreich lebende, zu Hause türkischsprachige Menschen zu 50 Prozent antisemitisch denken und sich bis zu 70 Prozent der Arabischsprechenden mit dem Gedanken anfreunden können, wenn Israel von der Landkarte verschwindet, dann sei Friede, und mit den Stereotypen, wie Juden in der Welt betrachtet werden, ein Einverständnis finden, muss es umso mehr unsere Aufgabe sein, auch mit dieser Ausstellung jene Menschen zu konfrontieren, die in ihrer ursprünglichen Situation nicht in dieser klaren Haltung aufgezogen beziehungsweise gebildet wurden.

Auf der anderen Seite bringt die Studie nämlich auch sehr klar zutage, dass die Zahl der Holocaustleugner – und da dürfen wir uns mit unserer Arbeit einigermaßen zufrieden zeigen – deutlich zurückgegangen ist, auf unter 5 Prozent. Das führe ich auf die Arbeit des Nationalfonds zurück, wie sie Hannah Lessing und ihre Mitarbeiter leisten, das führe ich auf die Arbeit zurück, wie sie in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen geleistet wird, und das führe ich auf die Arbeit zurück, wie sie an unseren Schulen geleistet wird.

So sehen Sie auch, dass es möglich ist, von diesem Gift des Hasses, des Rassismus und vor allem des Antisemitismus, des Judenhasses, wegzukommen. Es wird also noch sehr vieles zu tun sein, gerade angesichts der Situation auch in Österreich, auch wenn es hier nicht offen ausgebrochen ist wie in Frankreich, wo sich Jüdinnen und Juden wieder entschließen, auszuwandern, auch wenn es nicht offen ausgebrochen ist, dass unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger auf der Straße in Massen angepöbelt werden, auch wenn es nicht offen ausgebrochen ist wie in anderen Ländern, sondern nur versteckt in den Medien, in den Social Media, aber natürlich auch in den einzelnen strafbaren Handlungen.

Das Verbotsgesetz, das Wiederbetätigungsverbot ist das eine – da kann man Maßnahmen ergreifen –, aber bei so vielem, was in den Graubereichen stattfindet, bei so vielem, was von Jugendlichen, von jungen Menschen aus ihrer Erziehung unbedacht wiederholt wird, repliziert wird, kann nur die Bildung einen Ansatz finden.

Ich denke, diese Ausstellung soll auch ein Dankeschön an alle sein, die sich dieser Erziehung zu wirklichen inhaltlich überzeugten Gegnern des Faschismus, Gegnern des Antisemitismus widmen. Dies soll hier auch weitergetragen werden, denn es stellt für uns einen unverzichtbaren Wert dar, und ich zeige mich dafür auch von Herzen dankbar. Das betrifft heute Sie, Herr Professor Altmann, mit Ihrer Ausstellung, aber das betrifft klarerweise auch Hannah Lessing und ihre Mitarbeiter, das betrifft alle, die im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes seit Jahren hervorragende Arbeit leisten, das betrifft die Menschen in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, die unzählige Schülerinnen und Schüler aus allen Schultypen durch die Ausstellung dort geführt haben und die noch mehr gefordert sein werden, auch diesen neuen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, zu begegnen.

In diesem Sinne sei diese Ausstellung gerade heute mit einer besonderen Bedachtsamkeit eröffnet, mit einer besonderen Aufmerksamkeit versehen. Ich darf alle Mitglieder des Nationalrates gerade in dieser Stunde ermutigen und bitten, auch in ihrer Arbeit ihren Beitrag zu leisten, wo auch immer sie ihn leisten können, und mitzugestalten. Ich glaube, nur wenn das unser gemeinsames gesamtgesellschaftliches Anliegen ist, können wir auch in eine gute, in eine friedvolle Zukunft blicken.

Herzlichen Dank, Herr Professor Altmann, und herzlichen Dank, Frau Kinsky, dass Sie heute da sind!