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Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bei der Buchpräsentation "Neue Zeit 1919"

Dienstag, 9. April 2019

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es macht uns stolz – wir schmücken uns nicht mit fremden Federn –, dass Herr Dr. Jelinek sein Buch hier vorstellt, und ich freue mich, dass ich Sie alle hier im Hohen Haus willkommen heißen kann – in erster Linie natürlich den Autor, Dr. Jelinek, und seinen Mitdiskutanten, den Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Dr. Maderthaner. Herzlich willkommen in unserer Mitte, es ist eine große Freude, dass wir im Anschluss eine spannende Diskussion erleben werden! Ich begrüße recht herzlich Klubobmann Dr. Rosenkranz. Es freut mich, dass auch Abgeordnete zu den gesetzgebenden Körper­schaften gekommen sind, ich sehe einige Nationalräte. Ich begrüße auch die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes, Frau Dr. Bierlein. Herzlich willkommen!

Es freut mich, dass die Verlagsleiterinnen hier sind und damit auch dokumentieren, wie wichtig es ihnen ist, die Herausgabe dieses Buches zu begleiten. Bücher in einer Zeit der Digitalisierung herauszugeben ist immer ein gewisses Risiko. Seit Jahren heißt es schon: Wann ist es mit dem Buch aus? Wann lesen oder schauen wir nur mehr on demand und bewegen uns nur mehr in der digitalisierten Welt, um das, was wir auszugsweise wissen wollen, nachzuschlagen oder nachzulesen? Ich denke, dem ist nicht so. Es wird immer – neudeutsch – eine Community geben, eine Gruppe von Menschen, die Bücher sehr schätzen, die es schätzen, etwas in der Hand zu halten, auch das Haptische eines Buches zu genießen, noch dazu, wenn es ein Buch wie jenes von Dr. Jelinek ist.

Ich habe die anderen Bücher, die Herr Dr. Jelinek in letzter Zeit herausgegeben hat, wie etwa jenes zum Jahr 1914, sehr genossen, seine Art der historischen Darstellung ganz besonders wertschätzend empfunden. Sie richtet sich an einen interessierten Laien genauso wie an einen politisch Interessierten, sie richtet sich an eine breite Leserschaft, hält aber auch für den Historiker etwas bereit, das ihn vielleicht ermuntert, seine Forschungen noch zu intensivieren. Der Autor stellt in diesem Buch einzelne Personen in den Vordergrund, greift einzelne Tage heraus und schafft damit quasi ein Kalendarium, das uns das Jahr 1919 in besonderer Art und Weise noch einmal in Erinnerung ruft.

Das österreichische Parlament begeht solche besonderen Jubiläen auch immer mit einer ganz beson­de­ren Zugangsweise. Wir wollen nicht nur zurückblicken, sondern auch immer wieder sehen, was das für uns heute bedeutet.

Wir hatten seit dem 18. Dezember vergangenen Jahres eine ganze Reihe von Veranstaltungen zum Thema Frauenwahlrecht. Im Dezember 1918 begann man im Parlament, in der Provisorischen National­versammlung, sich damit auseinanderzusetzen, auch den Frauen ein allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht nicht nur zuzumuten, sondern auch zu überantworten. Bis es am 16. Februar dann wirklich ausgeübt wurde und mit der ersten Sitzung der Konstituierenden Nationalversammlung am 4. März 1919 schlussendlich auch die ersten Frauen in unser Parlament eingezogen sind, spannt sich ein weiter Bogen.

Wir versuchen, diesen Bogen sehr weit zu spannen, und diskutieren morgen im Belvedere – ich darf Sie schon heute dazu einladen – auch zum Thema Frauen in der Kunst: Was heißt es für sie, in der Kunst ihre Frau zu stellen, und was bedeutet es, in der heutigen Zeit Künstlerin zu sein? Wir haben eine breite Palette von Diskutantinnen gewinnen können. Im Anschluss daran gedenken wir dann nicht des Jahres 1919, sondern 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs und 15 Jahre EU-Erweiterung. Es sind eine ganze Reihe von Staaten, vor allem osteuropäische Staaten, beigetreten, die jetzt auch großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Europäischen Union haben. – Das heißt, es wird ein Ereignis, das in der Vergangenheit stattgefunden hat, immer wieder in Bezug zum Heute gesetzt.

Angesichts dieses Buches als Kalendarium sollten wir alle uns vielleicht vor Augen führen beziehungs­weise uns fragen: Wie entsteht heute Geschichte? Wer schreibt noch etwas auf? – Wir schicken SMS, wir schreiben vielleicht eine WhatsApp, wenn es gut geht, gibt es noch ein Mail, das dann entweder automatisch gelöscht wird oder man löscht es, weil der Postkasten schon so voll ist. Wie wird heute im politischen Diskurs Geschichte geschrieben, wenn Ergebnisse von Sitzungen nur mehr kurz fest­ge­halten werden?

Ich glaube, es sollte jeder quasi ein Diarium haben, eine Tagesnotiz, einen Brief formulieren, wieder einmal notieren, sich Gedanken darüber machen, was gegenwärtig geschieht. Wir brauchen das, damit wir in Zukunft auch auf das zurückgreifen können, was uns heute in dieser Situation bewegt. Natürlich werden die großen Ereignisse nachhaltig dokumentiert. Betreffend Brexit werden wir uns keine Sorgen machen müssen, wir werden auch in 10, 20 Jahren noch wissen, was wirklich geschehen ist; vielleicht wird der Hintergrund nicht immer so erhellt sein.

Es geht aber auch um die Geschichte der Alltäglichkeit, es geht auch um die Geschichte der unter­schied­lichsten Personen. Herr Dr. Jelinek nimmt es sich heraus, nicht nur Politiker zu Wort kommen zu lassen, sondern auch Künstler, Ärzte, Wissenschaftler – ein breites Spektrum. Er versteht es vor allem, den Bruch, den Wandel, der Österreich damals erfasst hat, so faszinierend darzustellen, dass man gar nicht zu lesen aufhören kann, obwohl man, aufgrund der Gliederung in einzelne Tage, durchaus geneigt ist, das Buch am Abend wegzulegen und es am nächsten Tag wieder herzunehmen – so ist es vielleicht auch gedacht; das ist offenbar die Dimension, die der durchschnittliche Leser aushält, bevor er ein­schläft, also ein Kapitel im Ausmaß von vier, fünf Seiten. Das Buch ist äußerst spannend ge­schrie­ben, und da zeigt sich derjenige, der der Sprache mächtig ist, der die Sprache auch so einzusetzen weiß, dass vor den Augen des Lesers ein Bild entsteht. Das finde ich so spannend, und darum freue ich mich, dass wir dieses Buch hier vorstellen können.

Ich will Sie ermuntern, vielleicht ein wenig zur Geschichte von 2019 beizutragen. Es ist vielleicht kein besonderes Umbruchsjahr, Österreich ist nicht in der Situation, mit der Vorbereitung einer neuen Verfassung in eine vollkommen neue Welt zu starten. Damals waren wir in der Situation, Friedens­verträge akzeptieren zu müssen, die uns vor gänzlich neue Herausforderungen stellten – das war also wirklich ein Neuanfang. Ich denke aber, es gibt genügend Ereignisse, die man heute vielleicht für so bemerkenswert hält, dass man sie aufschreibt. Wer jemals geschrieben hat und selbst die Feder geführt hat, wird sehen, wie genau man eigentlich sein muss, wenn man ein Ereignis wirklich beschreiben möchte und nicht nur eine Anmutung dessen vermitteln will. Das Schreiben ist wie das Lesen sicherlich eine Kulturtechnik, derer wir uns nicht begeben sollten und die wir auch für uns selbst immer wieder entdecken können.

In diesem Sinne darf ich Sie als Historiker ansprechen, die dazu beizutragen können, dass wir in zehn, in hundert Jahren vielleicht ein Buch über uns entdecken, das genau jene Facetten aufblitzen lässt, die dieses heute präsentierte Buch hat. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, heute viel zu erfahren, viel zu hören und vor allem interessante Beiträge von den beiden Diskutanten. – Herzlichen Dank.