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Rede des Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka zur 150-Jahr-Feier der Parlamentsbibliothek, 22.10.2019

Dienstag, 22. Oktober 2019
Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Liebe Festgäste!
Werte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Parlamentsbibliothek!
Sehr geehrte Frau Direktorin Dietrich-Schulz!

Es ist für mich eine besondere Freude, dass auch Ihre Mutter heute mitgekommen ist, denn das bringt zum Ausdruck, dass ein Beruf, den man ausübt, immer auch einen familiären Hintergrund hat. Frau Schulz, es zeichnet die Bibliothek und auch Ihre Tochter in ganz besonderem Maße aus, dass Sie heute hier sind. Herzlichen Dank für Ihr Kommen! (Beifall.)

Sie haben in Reminiszenz an den ehemaligen Direktor der Bibliothek Siegfried Lipiner gerade das Adagietto von Gustav Mahler in Kurzform gehört, und dieses Stück, das auch die Untermalung für den preisgekrönten Film „Tod in Venedig“ ist, ist heute für den Nationalratspräsidenten ein besonderes Entree. Sie haben mich mit diesem Termin einen Tag vor der Neukonstituierung des Nationalrates schon herausfordernd auf die Probe gestellt – aus diesem Grund sind auch wenige Abgeordnete zu diesem Termin gekommen; es ist nun einmal so, dass in unseren Kalendern neben dem Termin, einen besonderen Festtag der Bibliothek zu begehen, viele andere Termine stehen. Für mich ist es eine Verpflichtung, aber nicht nur eine Verpflichtung, es ist eine besondere Freude, heute hier zu sein. Gott sei Dank ist es gelungen, der Einladung zu folgen.

Ich möchte zuerst einmal für die Arbeit, die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Bibliothek tagtäglich leisten, Danke sagen. Es ist herausfordernd, eine Bibliothek für Benutzer zu öffnen und sich auf die Leser einzustellen. Sie können jeden Tag kommen, Sie werden den Lesesaal immer in einer besonderen Art betreut finden. Den Lesern wird ein entsprechendes Service geboten, das beginnt mit dem Ausheben aus einer Auswahl von 360 000 Büchern oder von 270 Zeitschriften, die Sie aktuell in unserer Bibliothek finden.

Das ist aber nicht die einzige Arbeit des Bibliothekars, die Arbeit des Bibliothekars ist eine wesentlich umfassendere. Bibliothekare bewahren quasi das Gedächtnis, den Gedächtnisschatz einer Institution. Die Parlamentsbibliothek zeigt, dass sie ein herausragender Gedächtnisschatz des Parlamentarismus in Österreich ist. Es gibt viele prominente Benutzerinnen und Benutzer, die – zum Teil via Fernleihe oder wie auch der Herr Bundespräsident außer Dienst tatsächlich vor Ort – immer wieder zeigen, dass die Bibliothek nicht ein Relikt aus der Vergangenheit, sondern sehr, sehr aktuell ist.

Manche Leute haben gemeint, man brauche heutzutage eigentlich keine Bibliotheken mehr, im Zeitalter der Digitalisierung sei das nicht mehr notwendig. Das E-Book hat sich sicherlich seinen besonderen Raum und seinen besonderen Stellenwert erobert, es hat aber auch seine Grenzen: Die Haptik des Buches fehlt, auch der spezielle Geruch, wenn man in eine Bibliothek hineingeht, die Atmosphäre des Lesesaals, die eigentümliche Stille, die vom Rascheln der Buchseiten und auch davon durchbrochen wird, wenn ein Leser seine Jause auspackt, was die anderen dann irritiert und etwas unwirsch aufsehen lässt, was denn das für ein Benutzer einer Bibliothek sei. Manche verbringen in der Bibliothek durchaus so viel Zeit, dass sie aufgrund von Ermüdung ein wenig einnicken, um dann wieder eifrig weiterzulesen.

Eine Bibliothek ist ein ganz besonderer Ort des Zusammenkommens. Es herrscht eine stille Übereinkunft der Leserinnen und Leser, dass man an einem besonderen Ort ist. Schließlich möchte man durch die Beschäftigung mit Literatur seinen intellektuellen Ansprüchen Genüge tun und die Ergebnisse der Arbeit in der Bibliothek sichtbar machen, indem man publiziert, indem man in Vorträgen seine Erkenntnisse zum Besten gibt. Unsere Bibliothek ist alles das für unsere Abgeordneten, die sie benutzen, für unsere Wissenschaftler und Forscher, sie ist es für unsere Studenten am Studienort Wien und darüber hinaus.

Wir verdanken es in ganz besonderem Maße dem Engagement der Direktorin, dass sie viele gewonnen hat, einen Beitrag für die Festschrift zu schreiben, sie mit ihrer Beharrlichkeit überzeugt hat, dem auch Rechnung zu tragen und das Editionsdatum nicht in Gefahr zu bringen. Ich danke Ihnen für Ihre Beharrlichkeit und auch für das Ergebnis Ihrer Arbeit, das wir hier in hohem Maße wirklich bewundernd zur Kenntnis nehmen. Ich gratuliere Ihnen, Frau Direktor, und ich bedanke mich bei allen, die einen Beitrag geleistet haben. Einige Beiträge habe ich schon mit großem Vergnügen lesen können, einiges wartet noch – entweder bei Autofahrten oder bei nächtlichen Schlafstörungen – auf mich. Die Beiträge sind ja kurz gefasst, sodass man meist mit einer Viertelstunde oder einer halben Stunde auskommt, um mehrere zu lesen. Es ist eine Vielzahl von Autoren, und sie kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen.

Schlussendlich eine herzliche Gratulation zu 150 Jahren Parlamentsbibliothek! Die Bibliothek ist in einer Zeit entstanden, in der die Demokratie quasi noch ein wenig in Erprobung gewesen ist. Durch die Verfassung von 1867 sind die modernen Grundlagen für unsere Verfasstheit gesetzt worden, an denen sich in der späteren Zeit vieles orientiert hat. Wir werden im nächsten Jahr mit bewusstem Bekenntnis das Jubiläum 100 Jahre österreichische Bundesverfassung von Kelsen begehen, die das fortsetzt, was 1867 mit den Staatsgrundgesetzen begonnen wurde. Von einem besonderen Interesse der Abgeordneten zeugt, dass sehr bald auch der Drang bestand, sich mit zusätzlicher Information zu versorgen. Wer jemals Protokolle der Sitzungen, die damals in Sessionen stattgefunden haben, gelesen hat, wird unschwer erkennen können, dass die Abgeordneten gerade auch auf die ersten Literaturbestände dieser Bibliothek zurückgegriffen haben.

So wünsche ich mir, dass auch im 21. Jahrhundert viele unserer Abgeordneten auf diese Bibliothek zurückgreifen, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herausfordern und sie in ihren großen intellektuellen Fähigkeiten als Partner gewinnen mögen. In diesem Sinne: ad multos annos – auch für die nächsten 150 Jahre! (Beifall.)