Sektenbericht 2025 legt Schwerpunkt auf Schutz von Kindern und Jugendlichen
Gewaltorientierte Online-Communities und -Netzwerke stellen zunehmende Gefahr dar
Wien (PK) – Im Berichtsjahr 2025 stand die Tätigkeit der Bundesstelle für Sektenfragen im Zeichen intensiver Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit, begleitet von einer deutlichen Ausweitung der Vernetzungs- und Vortragsaktivitäten. Ein besonderer Schwerpunkt sei dabei auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen gelegt worden. Ein zunehmendes Problem stellten etwa gewalttätige Online-Communities dar, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richten und sie etwa zu Aufnahmen mit sexuellen Inhalten sowie Gewalttaten und Selbstverletzungen nötigen. Auch der noch immer ausstehenden vollständigen Aufarbeitung und der Auseinandersetzung mit der sogenannten Mühl-Kommune ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Generell verzeichnete die Bundesstelle einen erneuten Anstieg bei den Kontakten bzw. bei den Beratungsfällen. Im insgesamt 118 Seiten umfassenden Bericht werden auch wieder eine Reihe von konkreten Fallbeispielen angeführt, die die Vielschichtigkeit der Problemlagen – von fragwürdigen Gesundheitspraktiken, manipulativen Coaching-Angeboten bis hin zu Machtmissbrauch in sektenähnlichen Gruppen - illustrieren (III-374 d.B. ).
Insgesamt habe sich 2025 gezeigt, dass sektenartige Dynamiken nicht als isoliertes Phänomen verstanden werden können, sondern eng mit breiteren sozialen, politischen und technologischen Entwicklungen verknüpft seien. Vor diesem Hintergrund komme der Bundesstelle eine zentrale Rolle in der frühzeitigen Erkennung, fachlichen Einordnung und präventiven Bearbeitung entsprechender Gefährdungslagen zu, zeigen sich die Autorinnen und Autoren überzeugt.
Anfragen zu Esoterik und zu Angeboten mit christlichem Hintergrund an vorderster Stelle
Die im Bundeskanzleramt angesiedelte Bundesstelle für Sektenfragen, die im Jahr 2025 insgesamt 2.024 Kontakte zu verzeichnen hatte, steht seit 1998 als zentrale Service- und Anlaufstelle allen Privatpersonen und Institutionen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen zur Verfügung. Sie bietet sachliche Information und vertrauliche Hilfe. Neben der psychosozialen Beratung, die ein tragender Pfeiler der Tätigkeit ist, fallen in ihren Aufgabenbereich auch Öffentlichkeits- und Medienarbeit sowie Vernetzungs- und Weiterbildungsaktivitäten.
Das Spektrum der an sie herangetragenen Themen ist dabei sehr breit gefächert und reicht von alternativen religiösen Bewegungen über Esoterik und spezifischen Angeboten zur Lebenshilfe bis hin zu Geist- und Wunderheilungen, fundamentalistischen Strömungen, Guru-Bewegungen und Verschwörungstheorien. Aber auch mit Problemen und Fragen in Bezug auf die Szene der Staatsverweigerer oder zu Pyramiden- bzw. Schneeballsystemen ist die Bundesstelle konfrontiert.
Nicht in den Zuständigkeitsbereich der weisungsfreien und konfessionell ungebundenen Bundesstelle fallen die gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften. Bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gilt das Toleranzgebot gegenüber allen Glaubensgemeinschaften und Weltanschauungen sowie die Beachtung der Grundfreiheiten und Menschenrechte, wird im Bericht betont. Im Mittelpunkt stehe immer die Frage nach möglichen Gefährdungen für ein Individuum oder eine Personengruppe, die von "Sekten" oder "sektenähnlichen Aktivitäten" ausgehen können.
An die Bundesstelle wenden sich in der Regel Menschen dann, wenn sie in ihrem privaten oder beruflichen Umfeld bei Familienangehörigen oder Kolleginnen und Kollegen eine "sektenartige" Dynamik beobachten, eine Gemeinschaft auffallend missionarisch für sich wirbt bzw. deren Mitglieder sich innerhalb kurzer Zeit stark "verändern".
Im Jahr 2025 führte dies zu 521 Beratungsfällen – abermals ein Plus von rund 8 % - bzw. 2.024 Kontakten. Am häufigsten traten Anfragen zu Esoterik (166), zu Angeboten mit christlichem Hintergrund (141) und zu Sekten allgemein (69) auf.
Dass die Expertise der Sektenstelle auch international geschätzt werde, zeigte sich unter anderem dadurch, dass deren Leiterin zu einem Vortrag bei einer öffentlichen Videokonferenz einer australischen Untersuchungskommission, die sich mit der Auswirkung von "Sekten" befasste, eingeladen worden sei.
Das für all diese Aktivitäten eingesetzte Team bestand im Jahr 2025 aus acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (minus eine Person gegenüber dem Vorjahr), was einem Vollzeitäquivalent von 5,48 entspricht.
Schwerpunkt: Schutz von Kindern und Jugendlichen insbesondere im digitalen Raum
Der Bericht informiert darüber, dass im Vorjahr ein Schwerpunkt zum "Schutz von Kindern und Jugendlichen" gesetzt wurde. Aus diesem Grund sei in Form von zahlreichen Fachvorträgen, Workshops und Vernetzungsformaten gezielt Wissen an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus Pädagogik, Psychologie, Sozialarbeit und anderen relevanten Berufsfeldern vermittelt worden. Ziel sei es gewesen, das Bewusstsein für spezifische Risikokonstellationen zu schärfen, insbesondere im Kontext sektenähnlicher Gruppen sowie digitaler Gewaltmilieus.
Die zunehmende Bedeutung des digitalen Raums als Ort von Anbahnung, Kontrolle und Ausbeutung (insbesondere gegenüber Minderjährigen) habe dabei eine zentrale Herausforderung dargestellt, heben die Autorinnen und Autoren hervor. Die Online-Fachtagung der Bundesstelle "Verborgene Gewalt" – Ausbeutung und Traumatisierung von Kindern in sektenartigen Strukturen sei auf viel positive Resonanz gestoßen.
Auseinandersetzung mit der "Mühl-Sekte": Macht, Gewalt und Missbrauch
Ein weiterer fachlicher Schwerpunkt des Tätigkeitsberichts ist der von Otto Mühl gegründeten Aktionsanalytischen Organisation (AAO) gewidmet, und zwar als historisches Beispiel für ein hochkontrollierendes System mit massiven Formen psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt, insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen. Der Fall Mühl verweise über seine historische Dimension hinaus auf grundlegende Fragen gesellschaftlicher Verantwortung und institutioneller Lernfähigkeit, betonen die Autorinnen und Autoren.
Nachdem das Thema im Vorjahr durch eine Ausstellung und eine Veranstaltung im Rahmen der Wiener Festwochen erneut öffentliche Aufmerksamkeit erregt hatte, brachte sich die Bundesstelle in die fachliche Einordnung und Aufklärungsarbeit ein. Ehemalige Mitglieder der ersten und zweiten Generation der Mühl-Kommune nahmen seit der Gründung der Bundesstelle für Sektenfragen wiederholt Kontakt auf, was sich 2025 noch verstärkt habe. Die Gespräche konzentrierten sich auf rechtliche Fragen, die persönliche Aufarbeitung des Erlebten sowie auf das Anliegen, die Mechanismen des Machtmissbrauchs zu verstehen.
Gemeinsam mit Betroffenen hat die Bundesstelle eine interdisziplinäre Forschungsinitiative zur Aufarbeitung des "Systems Otto Mühl" initiiert, deren Umsetzung jedoch noch von der Sicherstellung entsprechender finanzieller Ressourcen abhänge.
Nihilistic Violent Extremism: Neue Gefahren für Kinder und Jugendliche im digitalen Raum
In den vergangenen Jahren haben sich in digitalen Räumen Gewaltmilieus herausgebildet, die in sicherheitsbehördlichen und wissenschaftlichen Analysen unter dem Begriff "Nihilistic Violent Extremism (NVE)" erfasst werden. Kennzeichnend für dieses Phänomen sei, dass Gewalt nicht primär aus politischen oder religiösen Zielsetzungen hervorgehe, sondern als Selbstzweck ausgeübt und ideologisch aufgeladen werde – eingebettet in nihilistische Weltbilder, die gesellschaftliche Normen, moralische Grenzen und menschliches Leben grundsätzlich entwerten. Diese Milieus seien überwiegend digital strukturiert, transnational vernetzt und in breitere Online-Subkulturen eingebettet, die extreme Gewaltdarstellungen ästhetisch überhöhen und normalisieren. In einigen Fällen münden die beschriebenen Dynamiken in reale Gewalthandlungen. Bereits im September 2023 habe das FBI vor dem Netzwerk "764" gewarnt, das Kinder und Jugendliche gezielt anspreche und zu extremen Gewalt- und Selbstschädigungshandlungen dränge.
So hatte sich im letzten Jahr auch eine Lehrerin an die Bundesstelle gewandt, die vermutet habe, dass hinter dem Verhalten einer Schülerin eine solche Organisation stecken könnte. Die Jugendliche sei durch längere Abwesenheit und gewalttätiges Verhalten in der Schule aufgefallen. Es habe auch der Verdacht bestanden, dass sie jüngere Geschwister misshandelt habe. Sie habe dann einer Vertrauensperson erzählt, dass sie über das Internet mit Nacktbildern und Videos von sexuellen Handlungen erpresst werde. Sollte sie den Forderungen nicht nachkommen, dann würde ihrer Familie etwas angetan oder die Bilder veröffentlicht, was teilweise auch passiert sei.
Online-Monitoring von Verschwörungstheorien zeigt zunehmende ökonomische Dimension auf
Die zunehmend rasante Verbreitung von Verschwörungstheorien in digitalen Medien stelle weiterhin eine erhebliche Herausforderung für Individuen und Gesellschaft dar. Diese Entwicklung erfordere eine kontinuierliche Analyse sowie evidenzbasierte Maßnahmen, um Gefährdungslagen frühzeitig zu erkennen und einzuordnen.
Nach der Veröffentlichung des ersten Online-Monitoring-Berichts im April 2024, der die Struktur und Dynamik der Telegram-Netzwerke der österreichischen COVID-19-Protestbewegung analysiert habe, sei im Jahr 2025 ein weiterer Bericht mit dem Titel "Das Geschäft mit der Angst – Telegram als Plattform für verschwörungstheoretische Monetarisierung und Mobilisierung in Österreich" vorgelegt worden. Dieser richte den Fokus auf die bislang kaum systematisch untersuchte ökonomische Dimension verschwörungstheoretischer Kommunikationsräume in Österreich.
Die Ergebnisse hätten eine markante Verschiebung innerhalb der untersuchten Netzwerke gezeigt: Während in ihrer Entstehungsphase und insbesondere zu Zeiten der COVID-19-Pandemie politische Mobilisierung im Vordergrund gestanden sei, wären im weiteren Verlauf zunehmend monetäre Interessen in das Zentrum der Aktivitäten gerückt. Dies deute darauf hin, dass sich das untersuchte österreichische Telegram-Netzwerk von einer primär politisch mobilisierenden Protestöffentlichkeit zunehmend zu einem diversifizierten Marktplatz entwickelt habe, in dem ideologische Reichweite in ökonomisches Kapital überführt werde, wird zusammenfassend festgestellt. (Schluss) sue