Protokollierte Stilblüten

In diesem Teil der Ausstellung erfahren Sie mehr über schiefe Metaphern und die komischen Qualitäten politischer Reden

Beschreibung und Verortung der Regalinhalte

Im Regal vor Ihnen sind Ausstellungsobjekte mit Bild- und Textinhalten auf vier Regalebenen verteilt. In der obersten Ebene (Regalebene 1) befinden sich an der Rückwand angebrachte, großformatige Fotografien, die Stapel von Stenographischen Protokollen aus verschiedenen Jahrzehnten zeigen. Diese nehmen gut die Hälfte der Rückwand ein. Mittig darunter befinden sich zwei Faszikeldeckel der Stenographischen Protokolle des Abgeordnetenhauses des Reichsrats aus den Beständen des Parlamentsarchivs. Direkt darunter befinden sich mehrere Bände der Stenographischen Protokolle aus den 1960er Jahren, die den ganzen Regalboden ausfüllen. 

In der Regalebene 2 darunter befindet sich ein Leporello zum Thema „Stenographentisch im ehemaligen Abgeordnetenhaus, 1945-1949“ mit drei Bildmotiven und Textinhalten. In der Regalebene 3 befindet sich der auf die Rückwand gedruckte Einführungstext. Rechts daneben befindet sich das an der Wand angebrachte Titelblatt zum Werk „Der blecherne Kandidat“ von August Angenetter, rechts daneben der erklärende Objekttext. Auf dem Regalboden befindet sich ein Leporello zum Thema „Der blecherne Kandidat“. In der untersten Regalebene 4 befindet sich ein Leporello zum Thema “Die hopsende Zunge”.

Einleitungstext in Brailleschrift

Ein offener Schuber mit dem Einleitungstext zum jeweiligen Regal in Brailleschrift befindet sich in jedem Ausstellungsregal unterhalb der Braille-Zeile mit dem Titel des Ausstellungsabschnittes. Auf der Oberseite des Faches befindet sich ein QR-Code, über den jeder der Einführungstexte für die insgesamt 30 Ausstellungsabschnitte abrufbar ist.

Einleitung

Die in Tageszeitungen erscheinenden Auszüge von Stenographischen Protokollen des Reichsrates erfreuen sich um 1900 beim Lesepublikum großer Beliebtheit. Zum Interesse an den Vorgängen im Hohen Haus gesellt sich Schadenfreude, wenn sich in die frei vorgetragene Rede eines Abgeordneten schiefe Metaphern oder Stilblüten geschlichen haben, die für Heiterkeit im Plenum sorgen. Parlamentsberichterstatter wittern eine publizistische Chance und veröffentlichenZitatsammlungen wie „Die hopsende Zunge“ oder „Der blecherne Kandidat“. Damit verdeutlichen sie, dass Stenographische Protokolle viel mehr als nur die Summe nüchtern-sachlicher Wortmeldungen sind.

Regalebene 2

Leporello „Stenographentisch im ehemaligen Abgeordnetenhaus, 1945-1949“

Es ist der offene Blick eines jungen Mannes am rechten Bildrand, der auf diesem Foto das Zentrum des Geschehens bildet. Der junge Stenograf am mittleren Tisch repräsentiert am Beginn der Besatzungszeit den Aufbruch in eine neue Zeit.

Regalebene 3

Leporello „Der blecherne Kandidat“

Angespornt vom Erfolg des Büchleins „Die hopsende Zunge“ trägt der Wiener Journalist August Angenetter (1896–1944) in rund achthundert Wählerversammlungen „ein neues Sträußlein Redeblüten“ zusammen. Dem Autor seien in all den Jahren als Parlamentsberichterstatter eine Reihe „köstlicher Gestalten“ begegnet, deren Beredsamkeit und Tiefsinnigkeit höchst eigenwillige Blüten trieb. Das Buch wird allen politisch interessierten Bürgerinnen und Bürgern zur Lektüre empfohlen, nicht nur, weil es so viel erheiternden Unsinn enthalte, sondern auch, weil es nachdenklich stimme, „welche Leute heutzutage den Mut aufbringen, sich um ein Mandat zu bewerben“.

Regalebene 4

Leporello “Die hopsende Zunge”

„Mächtig und unabsehbar wie der Amazonas rauscht der Strom der Rede dahin“, schreibt der Wiener Journalist August Angenetter (1876–1944) im Vorwort seiner „zu einem Sträußlein gebundenen“ Stilblütensammlung aus dem österreichischen Abgeordnetenhaus. Mehr als zehn Jahre habe er das zweifelhafte Glück gehabt, Parlamentsberichterstatter eines Wiener Blattes zu sein. „Das war eine trostlose Arbeit, die ich mir durch die hopsende Zunge ein bisschen angenehmer und erträglicher gemacht habe.“ Die protokollierten Versprecher, Kalauer und schiefen Metaphern seien „heitere Oasen“ im endlosen Redefluss. Die ironische Seite der politischen Debatte stößt auf Interesse, sodass Angenetter im gleichen Jahr eine weiteren Stilblütensammlung, „Der blecherne Kandidat“, herausgibt.