BundesratStenographisches Protokoll907. Sitzung, 907. Sitzung des Bundesrates am 4. Juni 2020 / Seite 68

HomeGesamtes ProtokollVorherige SeiteNächste Seite

Wien und Niederösterreich, gestohlen worden sind, wie wir gehört haben: Was macht die Präsentation solcher Symbole (Zwischenruf des Bundesrates Schennach) – ich bin noch nicht bei Wien, aber ich komme dazu! –, die Teil des kulturellen Erbes sind, aus? (Zwischenrufe der BundesrätInnen Schennach und Schumann.) – Das sind die Erinne­rungskulturen, an denen sich das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung orientiert.

Für Ungarn ist das zum Beispiel die Stephanskrone. Ich kann jedem nur raten, das wun­derschöne Parlament in Budapest zu besuchen und sich die zentral präsentierte wun­derschöne Stephanskrone – der Stolz der Ungarn, auch des heutigen Ungarns – anzu­sehen, die dort zur Schau gestellt ist. (Zwischenruf des Bundesrates Schennach.) Für Tschechien ist das die Wenzelskrone in der Prager Burg – 5 Stunden Wartezeit, um die­se besichtigen zu dürfen! (Bundesrätin Schumann: Jetzt nicht!) In London sind es die Kronjuwelen – der Stolz Londons –, die neben einem Fließband für die Besucher wun­derbar zur Schau gestellt werden; man schwebt wahrlich vorbei. (Zwischenrufe der Bun­desrätInnen Schennach und Schumann.)

Wien? – Nun bin ich bei Wien. 50 Meter von hier befindet sich die Schatzkammer Öster­reichs mit 700 Jahren habsburgischer, österreichischer Geschichte, der Kaiserkrone Ös­terreichs, der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches und anderen Reichsin­signien. (Anhaltende Rufe und Gegenrufe zwischen BundesrätInnen von SPÖ und FPÖ.) Wer sieht sich diese an? – Fast keiner. Es wird dunkel präsentiert – finster, einge­kellert, versteckt. Ein wahrer Schatz in Milliardenwert, was hier in 50 Meter Entfernung ausgestellt, aber leider nicht entsprechend präsentiert wird. Was die Sicherheit betrifft, möchte ich gar nicht reden – wenn sogar die Wappen gestohlen werden (auf die Wand hinter sich weisend) –, ich weiß aber, diese Milliardenwerte in der österreichischen Schatzkammer sind katastrophal schlecht abgesichert. Das ist eine Schande Wiens! (Bundesrat Schennach: Aber geh! – Weitere Zwischenrufe bei der SPÖ.)

Ein weiteres Beispiel ist die Erhaltung und Revitalisierung von kulturellen Werten. Neh­men wir wieder ein Beispiel: Notre-Dame in Paris – abgebrannt. Die ganze Welt hat diese furchtbaren Szenen gesehen. Jeder hat mit den Franzosen mitgelitten. Präsident Macron – einer, der das kulturelle Erbe wirklich auch versteht und präsentiert, auch zeigt und auch danach lebt – hat gesagt: Wir Franzosen bauen unseren Stolz wieder auf! – Was ist beim Hofburgbrand 1992 mit diesem Saal passiert? Wurde er revitalisiert? Ist das der Originalzustand? Bitte, das waren die Redoutensäle, die Ballsäle der Kaiserin Maria Theresia! Wurde das revitalisiert? – Es sieht aus, wie es aussieht. Möge es jeman­dem gefallen, mir gefällt es nicht. (Heiterkeit bei BundesrätInnen der FPÖ. – Zwischenruf des Bundesrates Schennach.)

Wie ist das beispielgebend nach Maurice Halbwachs zu beurteilen? – Es wurde das kol­lektive Gedächtnis der Österreicher missachtet, es wurde die Erinnerungskultur miss­achtet und es wurde ein Erinnerungsort, nämlich die Hofburg, die Burg des Hofes, miss­achtet, und das ist das, was kollektives Gedächtnis auslöscht. Nun bin ich beim Aus­löschen. Nach Maurice Halbwachs ist die zentrale Funktion der Vergangenheit und des Vergangenheitsbezuges die Identitätsbildung. Wenn man Identitäten auslöschen möch­te, dann zerstört man sie. (Zwischenruf bei der SPÖ.)

Nun bin ich bei China und Tibet. Was hat China mit Tibet gemacht? – Die kollektive Erinnerung Tibets ist fast ausgelöscht. 90 Prozent der Klöster wurden devastiert. Die maoistische Kulturrevolution hat dort eine wahre – unter Anführungszeichen – Leistung vollbracht. Oder, um in die Historie zurückzugehen, was der Spanier Cortés mit den Az­teken gemacht hat: Er hat bewusst die Azteken auslöschen wollen, er hat bewusst diese Erinnerung zerstören wollen.

Nun kommen wir zu Wien. (Zwischenruf des Bundesrates Schennach. – Bundesrat Rösch – in Richtung Bundesrat Schennach –: Zuhören!) In Wien wird alles ignoriert! Es gibt Dutzende Bürgerinitiativen: Heumarktprojekt, Abreißen der Steinhofgründe – ich


HomeGesamtes ProtokollVorherige SeiteNächste Seite