LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:09
Diese Seite vorlesen lassen Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Drei Göttinnen, ein Gott - die Flussallegorien des Athene-Brunnens

Zu Füßen der Pallas Athene am großen Brunnen vor dem Parlamentsgebäude sind zwei Skulpturenpaare gruppiert. Sie stellen die vier Hauptflüsse der Monarchie dar. Ein Mann und eine Frau, der Ringstraße zugewandt, verkörpern Inn und Donau. Zwei Frauen, zum Parlamentsgebäude blickend, repräsentieren Elbe und Moldau.

Die Skulpturen verweisen auf Flussgötter der griechischen Mythologie, Söhne und Töchter des Okeanos und der Thetys, die sich durch ihre Verwandlungsfähigkeit und Unsterblichkeit auszeichnen.

Der Inn: ein kräftiger, junger Mann

Mit üppigem Haar und muskulösem Körper präsentiert sich der Inn, auf eine Amphore gestützt, in liegender Pose. Er ist nur mit einem über den Unterleib gebreiteten Mantel bekleidet. Über die linke Schulter blickend, wendet er sich der Donau zu.

Die Donau: eine selbstbewusste Frau

Der mächtigste Fluss der Monarchie wird von einer Frau repräsentiert. Die Donau zeigt sich mit nacktem Oberkörper. Ein faltenreiches Tuch bedeckt ihren Schoß. Mit der rechten Hand den Rücken des Flussgottes berührend, strahlt sie Dynamik und Selbstbewusstsein aus. Sie nimmt die aktive Rolle in der Begegnung ein, eine Freiheit, die Frauen in der Geschlechterordnung des 19. Jahrhunderts de facto nicht zugestanden wurde.

Elbe und Moldau: friedliche Gemeinschaft

Elbe und Moldau, die dem Parlamentsgebäude zugewandten Flusspersonifikationen, sind antiken Aphroditen nachempfunden. Weibliche Anmut und die gelassene, heitere Stimmung der Figuren vermitteln den Eindruck einer kultivierten, friedlichen Gemeinschaft.

Weibliche Dominanz

Flusspersonifikationen zur Symbolisierung von Territorien wurden meist in Form gravitätischer Figuren dargestellt, ein Beispiel dafür ist der beliebte "Danubius".

Anders bei den Figurenpaaren am Athene-Brunnen: Hier schafft die Dominanz der Frauen eine von Lebenslust und weiblicher Hingabe getragene Atmosphäre. Die Flussgöttinnen stehen für Tugenden, die als spezifisch weiblich galten. Nicht mythische Urkraft, sondern innere Einheit und familiärer Zusammenhalt der Territorien der Monarchie sind die Botschaft.

Wasserfrauen, Nymphen und Nixen

Architekt Hansen und die ausführenden Künstler blieben bei der Gestaltung des Athene-Brunnens dem antiken Vorbild treu. Sie zeigten die Flüsse als Symbol des Herrschaftsanspruches auf ein Territorium in idealer Menschengestalt. Das Geschlecht war in dieser Interpretation nicht zwingend vorgegeben.

Im 19. Jahrhundert verbreitete sich eine neue Deutung von Flusspersonifikationen. Sie verwies nicht auf ein Territorium, sondern auf das Element Wasser. Das weibliche Geschlecht stand dabei für die zugleich anziehende und zerstörerische Kraft. Es verdeutlicht den Fluss als Quell aller Fruchtbarkeit aber auch als einen Ort des Todes.

Weibliche Flussdarstellungen sollten – in einer Zeit der verstärkten technischen Zähmung der Natur (z. B. Donauregulierung ab 1870) – den Menschen die Urkraft des Wassers in Erinnerung rufen. Frauen dienten hier als Gegenbild zu "männlichem" vernunftgeleitetem Fortschritt.