Parlamentskorrespondenz Nr. 160 vom 11.03.2002
DER BAUER ALS RETTER DES STAATES
Wien (PK) - Der Bauer als Retter des Römischen Staates oder die vorbildliche Art, die Diktatur auszuüben – das ist, kurz zusammengefasst, die Botschaft, die die Lebensbeschreibung des Lucius Quinctius Cincinnatus an die nachfolgenden Generationen des antiken Weltreiches weitergibt.
Der Kleinbauer Cincinnatus, der zwei Mal buchstäblich von seinem Pflug weggeholt und zum Diktator berufen wurde, um den Staat zu retten, kann durchaus auch als römischer Vorfahre des heute politisch aktiven und nicht nur an den Interessen seines Berufsstandes, sondern an der gesamten res publica interessierten Bauern gelten. Anders als die Welt des post-industriellen Zeitalters, in der der Bauernstand weit unter die 10-Prozentmarke am Bevölkerungsanteil gerutscht ist, anders als die Gesellschaft der schnellen Küche und des Fast-Food-Booms, wo "Bio" nur nach Skandalen kurz en vogue ist, anders als in Zeiten der modernen Ausbeutung des Bodens und der neuen Formen eines massiven (Preis-)Drucks durch Großkonzerne, räumte Rom der Landwirtschaft als bedeutendem Fundament von Staat und Gesellschaft einen herausragenden Platz ein – jedenfalls in der Theorie; die Praxis sah im Laufe der Geschichte völlig anders aus, wie das Zeitalter der Gracchen später zeigte. So meinte beispielsweise Cato, dass die Landwirtschaft der ehrenvollste Beruf für den Römer sei, und schließlich seien die tüchtigsten Männer Roms immer vom Lande gekommen.
Cincinnatus verkörpert die tiefe Verwurzelung des römischen Volkes in seinem bäuerlichen Ursprung, der auch Catos Prosaschrift "De Agricultura" verpflichtet ist. Wenn auch vieles im Leben dieses Kleinbauern späteres Konstrukt sein dürfte und wahrscheinlich eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit darstellt, so gibt die Schilderung seiner Haltung und seines Handelns Aufschluss über das (Geschichts-)Bild, das die Römer von sich hatten. Ihn trieben nicht persönliche (macht-)politische Ambitionen, sondern sein Tun war geprägt durch das Bewusstsein um die Verantwortung für den Staat sowie durch die Verbundenheit mit der Scholle. Cincinnatus wurde somit zum Sinnbild der altrömischen "virtus", zum nachahmenswerten Beispiel, zu einem der "exempla maiorum".
Sogar Dante kommt im fünften Kapitel seiner "Monarchie" auf Cincinnatus zu sprechen, wo er von jenen schreibt, die nach dem Wohl des Staates streben – obwohl seine Sicht, das römische Volk sei ein heiliges, frommes und ruhmreiches gewesen, das auf seine Vorteile vergessen und nach dem Wohl gestrebt habe, indem es sich den Erdkreis unterwarf, doch hinterfragungswürdig zu sein scheint. Jedenfalls nennt er Cincinnatus als ein "heiliges Beispiel" dafür, wie man am Ziel frei die Würde ablegt, denn dieser habe nach dem Sieg und nach dem Triumph den Feldherrnstab an die Konsuln abgegeben, um hinter dem Ochsen zu schwitzen. Sogar Karl Marx bemühte den Bauern aus der Antike, als er gegen Graf Moltke, der seit 1857 die Führung des preußischen Generalstabes übernommen hatte, wetterte, da dieser auf die weitere Erhöhung der Rüstungsausgaben drängte. "Wir gehen nicht ein auf das sentimentale Geseufze, womit der große Stratege sein Leidwesen darüber zu erkennen gibt, dass das Militär leider nun einmal zum Besten des Volkes solche kolossalen Summen verzehren muss, und wo er sich gewissermaßen als preußischer Cincinnatus hinstellt..." schrieb Marx 1874 in "Der Volksstaat" Nr. 29.
Hauptquelle der Informationen über das Leben des Cincinnatus ist Livius, der sich im dritten und vierten Buch seines Werks "Ab urbe condita" (3.Buch Kap. 26,7 bis 29,7 sowie 4. Buch Kap. 13,12 ff.) der Geschichte des Cincinnatus zuwendet. Er stellt ihn jenen als leuchtendes Beispiel gegenüber, die dem Reichtum Vorrang vor die Menschenpflichten geben. Nach seinen Schilderungen war Cincinnatus gerade bei der Feldarbeit, als Abgesandte des Senats kamen, um ihm den Oberbefehl über die Armee zu übertragen. Der Stamm der Aequer hatte im Jahr 458 v. Chr. eine römische Armee auf dem Berg Algidus belagert und diese damit in höchste Bedrängnis gebracht. Warum die Wahl des Senats gerade auf Cincinnatus gefallen war, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass er sich als Konsul des Jahres 460 v. Chr. Anerkennung erworben hatte.
Livius malt die Begebenheit aus, wie die Abgesandten Cincinnatus baten, die Toga anzulegen, um die Weisungen des Senats zu vernehmen, und wie ihm dessen Frau Racilia die Toga brachte. Er wischte sich den Schweiß ab, legte die Toga an und wurde als Diktator begrüßt. Er strafte das ihm von den Plebejern entgegengebrachte Misstrauen Lüge, rief in einer feurigen Rede auf dem Forum alle Männer im wehrfähigen Alter zur Waffe, drängte sie zur Eile, marschierte zum Algidius, schlug die Aequer und zwang sie, sich zu unterwerfen. Um das Eingeständnis der Unterwerfung und Bändigung ihres Volkes offen auszudrücken, mussten sie unter dem Joch ausziehen – das Joch bildete man aus drei Lanzen; zwei davon steckte man in die Erde, legte eine quer und band sie fest. Die erbeuteten Güter teilte Cincinnatus nur unter seinen Soldaten aus, nicht aber unter denen des von den Aequern eingeschlossenen Heeres des Konsuls.
Nachdem Cincinnatus die ihm aufgetragene Aufgabe erfolgreich beendet hatte, trat er bereits am 16. Tag von der Diktatur zurück, die er für sechs Monate übernommen hatte. Im Jahr 439 v. Chr. soll er wegen der Plebejer-Unruhen nochmals zum Diktator ernannt worden sein.
Die Statue des Cincinnatus steht im Abgeordnetenhaus des Reichsrats und wurde vom Bildhauer Josef Kassin nach etruskischen Vorbildern gestaltet. Entgegen antiken Darstellungen trägt Cincinnatus aber langes Haar. Sein Oberkörper ist mit einem bei Etruskern und Persern verbreiteten Lamellenpanzer bedeckt. Die auf dem Boden liegenden Kornähren weisen auf die bäuerliche Herkunft des Diktators hin.
(Schluss)